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"Markus Lanz" Lanz nimmt Arbeitsminister Heil in die Mangel – und ein 22-Jähriger bangt um seine Zukunft

ZDF-Moderatur Markus Lanz (l.) und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD)
ZDF-Moderatur Markus Lanz (l.) und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD)
© Screenshot: "Markus Lanz" / ZDF
Einerseits tobt der Streit um die Impfung für die Jüngeren, andererseits warten in der Zukunft noch ganz andere Themen. Klimawandel und Rentenpolitik treiben die Jungen in große Ängste. Ein Student gibt einen alarmierenden Einblick.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Was sind uns die Kinder in diesem Land eigentlich wert? Das ist die entscheidende Frage, die sich stellt nach einer Debatte wie dieser. Eine Frage, die noch lange nachhallt – und irgendwie nicht verschwinden will.

Markus Lanz am Dienstagabend. Man beklagte, zum wie vielten Male auch immer, fehlende Luftfilter und machte deutlich, dass es auf keinen Fall zu möglichen Schulschließungen kommen würde. Doch reicht das? Ist das luftbefilterte, beschulte Kind automatisch ein glückliches Kind? Hat es überhaupt eine Zukunft in diesem Land? Wo es doch verdammt danach aussieht, auch das war Thema der Sendung, dass es sich eine sichere Rente in die Haare schmieren kann. Noch dazu der Klimawandel.

Warum sollen sich Kinder impfen lassen?

Doch nun geht's erstmal um die Impfung. Lanz kritisierte, es werde nicht über das Wohl des Kindes argumentiert. "Warum sollen sich die Kinder impfen lassen, wenn ihr Risiko gleich null ist?", fragte der Moderator. Und brachte Zahlen zum Vergleich: Im Jahr 2020 habe es bei Kindern fünf Todesfälle durch Covid-19 gegeben, 50 aufgrund Influenza und 70 Kinder seien bei Unfällen im Straßenverkehr gestorben. Lanz ließ nicht locker, hakte ein, wo er nur konnte. Man merkte deutlich: Das treibt ihn um. Doch keiner der Gäste schien seine Bedenken zu teilen.

Die Gäste des Talks:

  • Kristina Dunz, Journalistin
  • Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales (SPD)
  • Moritz Piepel, Student, Mitglied des Jugendrats der Generationen Stiftung
  • Ulrike Protzer, Virologin

Wie wir nun wirklich alle wissen, gehört zur Wissenschaft, dass ihre Erkenntnisse nicht statisch sind. Und dass Positionen strittig sind. Bei Corona-Talks fällt auf, dass manche Gäste immer noch mit Argumenten daherkommen, die überholt sind oder nicht so eindeutig, wie sie sich darstellen. Doch die Datenlage ist dynamisch, ergo lässt sich nicht über das Thema diskutieren wie noch vor drei Monaten.

So wies unter anderem der Virologen Klaus Stöhr darauf hin, dass es eine Herdenimmunität nicht geben werde und auch der Virologe Hendrik Streeck machte jüngst deutlich, dass sie mit dem entwickelten Impfstoff nicht zu erreichen sei. Was wiederum damit zu tun hat, dass der Impfstoff keine sterile Immunität biete – Geimpfte können also weiterhin ansteckend sein. Und selbst wenn man auf Basis der Herdenimmunität argumentieren will, so machte Thomas Mertens, der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko) neulich klar, dass eine Impfung von Kinder- und Jugendlichen nicht zur Herdenimmunität beitrage. Am 15. Juli 2021 stellte Mertens als Lanz-Gast die Frage, die, wie er selbst sagte, "erstaunlicherweise von der Politik nicht diskutiert wird": "Brauchen die Kinder als Kinder die Impfung für ihre Gesundheit?" Und beantwortete die Frage, die Risikogruppen bei den Kindern ausgenommen, mit einem Nein. Die Datenlage gebe das bisher nicht her. Die Nutzen-Risiko-Abwägung habe daher zur Konsequenz: keine Impfempfehlung für Kinder.

Dieser Exkurs musste sein. Denn so lässt sich besser verstehen, was in Debatten mitunter in Schieflage gerät – und warum Lanz insistierte. Auch in Bezug auf die Stiko selbst. Er beklagte eine übergriffige Politik, die sich in die Entscheidungen der Stiko einmische, indem sie Druck mache: "Als sei das ein Club, wo die Leute nur ein bisschen behäbiger unterwegs sind." Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) verwehrte sich dagegen: "Ich stelle die Stiko nicht in Frage, Herr Mertens macht einen tollen Job." Doch er sagte auch: "Wenn es keine Nebenwirkungen gibt, die bedrohlich sind für Kinder, halte ich es für vertretbar, Kindern ein Impfangebot zu machen." Darauf wieder Lanz: "Wieso soll man denen ein Angebot machen?" Also, weil sie selber es ja nicht für ihre Gesundheit brauchen. Und so weiter. Aber hier lief er weiter ins Leere.

"Man kann 18 sein und bescheuert, man kann 60 sein und bescheuert"

Zur erlahmenden Impfkampagne. Heil machte deutlich, dass er für Erwachsene, die sich nicht impfen ließen, kein Verständnis habe. Er sprach von einem "Gebot der Vernunft" und dass es "eine Frage der Verantwortung" sei: "Das muss zehn Mal gesagt werden am Tag." Schließlich appellierte er mit Blick in die Kamera: "Erwachsene, lasst euch impfen. Die Kollateralschäden, die wir haben, sind irre."Impfen mit Geld zu belohnen, beispielsweise mit 50 Euro, könne er nicht ausschließen. "Ich hoffe aber, es kommt nicht."

Ulrike Protzer sagte, sie verstehe nicht, warum es überhaupt eine Belohnung brauche, es gehe um die eigene Gesundheit, das müsse reichen. Bedenken teile sie nicht: "Die Impfung ist supersicher." Man habe Millionen von Menschen geimpft und daher eine enorm große Datenbasis. Die Virologin stellte sich auch bei der Frage, ob die Tests kostenpflichtig werden sollen auf die Seite des SPD-Politikers: "Es kann nicht sein, dass die Gesellschaft diese Kosten tragen muss." Lanz ließ Heil da nicht davonkommen: "Ist das die Antwort auf die Frage der sozialen Gerechtigkeit?" Und: "Lässt die SPD da nicht Leute, die sich den Test nicht leisten können, hängen?" Heil erwiderte, er sehe das nicht so.

Beim zweiten Themenschwerpunkt der Sendung, der Rentenpolitik, wurde deutlich, wie sehr sich die junge Generation von "der Politik" im Stich gelassen fühlt. Als Sprachrohr fungierte Moritz Piepel, den Heil mehrmals zurechtwies, etwa mit: "Mich stört das Gerede von 'der Politik'". Man könne nicht alle über einen Kamm scheren. Der 22-jährige Piepel engagiert sich für Generationengerechtigkeit. Die Jungen seien desillusioniert. 70 Prozent, so gab der Student an, hätten Zukunftsängste. Einerseits wegen des Klimawandels.

Andererseits: Der Rentenausblick sei alles andere als rosig, die Rentenbeiträge würden explodieren, das Rentenniveau hingegen würde sinken. "Wenn man jetzt nicht dagegen steuert, stellt sich die Frage, wovon lebt man im Alter." Piepel beklagte, dass sich die Politik nur für die ältere Generation stark mache, besonders für alle ab 60 Jahren: "In dieser Altersgruppe gibt es die meisten Wähler." Er betonte, dass es nicht darum gehe, Jung gegen Alt aufzuhetzen. Heil stimmte zu und drückte das hemdsärmelig so aus: "Man kann 18 sein und bescheuert, man kann 60 sein und bescheuert."

Der Politiker sprach von einer "harten demographischen Herausforderung in den nächsten 15 Jahren". Die entscheidende Frage für das Rentensystem sei, wie sich der Arbeitsmarkt entwickle. Lanz wollte den Minister hier zu dem einstigen Versprechen von Norbert Blüm drängen und fragte daher, ob er ebenso zusichern könne, dass die Rente sicher sei. Doch Heil war dafür nicht zu haben. Er sagte nur: "Die Rente ist sicher, wenn wir das am Arbeitsmarkt hinbekommen."

Piepel zeigte sich davon alles andere als überzeugt. Das klinge nach "Augen zu und durch". Lanz brachte auch hier die notwendigen Fragen ein, ebenso ungebremst und hartnäckig wie im ersten Teil: "Wer wird all diese Kinder kriegen, die irgendwann einmal die Beiträge zahlen? Woher kommen die?" Er nannte Zahlen: "Wir brauchen drei Millionen Zuwanderung jedes Jahr, um am Ende 400.000 netto zu haben." An Heil gewandt: "Warum reden wir darüber nicht?" Der gab sich generös: "Dann erzähle ich Ihnen das gerne." Es würden nur qualifizierte Zuwanderer zugelassen, das sei im Fachkräfteeinwanderungsgesetz geregelt. "Grenzen für alle auf, das geht nicht", stellte er klar. So richtig konkret wurde Heil aber in der ganzen Debatte um die Rentenpolitik nicht. "Überzeugt Sie das?", fragte Lanz schließlich den Studenten. Der gab ein niederschmetterndes Urteil: "Die Dimension der Herausforderung ist noch nicht erkannt."

Ein Land. Und seine Kinder. Wie wird dieses Kapitel wohl fortgeschrieben?

fs

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