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"Maybrit Illner": Smog über Berlin

Maybrit Illner wollte wieder einmal den Euro retten. Diesmal hatte sie die Banken im Visier, zwischen Zockerei und Staatshilfe. Doch die Debatte zeigte vor allem, wie wenig Durchblick die Politik inzwischen noch hat. Ein Klempner aus Dortmund sehnte sich da sogar nach päpstlichem Beistand.

Von Mark Stöhr

"Wir brauchen ein Konklave." Otto Kentzler, der Präsident des deutschen Handwerksverbandes, spricht den Satz mit einem Flehen. Was er damit meint: Bei den EU-Gipfeln am Sonntag und Mittwoch muss der ganz große Wurf gelingen, sozusagen die Papstlösung der Währungs- und Finanzkrise. Kentzler ist Klempner, jede Art der Theatralik liegt ihm schon von Berufs wegen fern. Er steht für das traditionelle Unternehmermodell der personengeführten, selbsthaftenden Betriebe. Das sind die Produzierer, denen als erstes der Kredithahn abgedreht wird, wenn die Banken ins Schlingern geraten - durch die Spekulierer. Was Kentzler mit seinem Konklave-Wunsch aber auch meinen könnte: Jetzt hilft nur noch beten.

Die Lage ist sehr, sehr ernst. Das hat inzwischen auch der kleinste Sparer in der Oberlausitz kapiert. Doch warum genau das so ist und was man dagegen tun kann, weiß er nicht. Maybrit Illner - und man muss ihr das wirklich zugute halten - unternahm gestern den zigten Versuch, der Krake Finanzsystem auf die Spur zu kommen. Diesem unheimlichen Tier also, das gerade die Griechen stranguliert und bald vielleicht auch uns. Im Visier diesmal: die Banken zwischen Boni und Bankrott und die Frage, was passieren muss, damit nicht das Bankenwesen und der Euro den Bach runtergehen und wir gleich mit. Fazit der Sendung: Die Politik weiß es auch nicht. Und das macht die Lage sehr, sehr, sehr ernst.

Die Ratlosigkeit der Politik

Als Volksvertreter waren Christian Lindner und Jürgen Trittin gekommen. Sie wirkten erschöpft von den Ereignissen des Tages, die einen zusätzlichen EU-Gipfel zur Euro-Rettung mit sich brachten. Vor allem der FDP-Mann Lindner guckte mit seinen rotumränderten Augen so müde drein, als sei er gerade Vater geworden und nicht Monsieur Sarkozy in Paris. Und eben jener Sarkozy will - das ist der Grund für die ganze Aufregung gerade - was Angela Merkel und auch Trittin und Lindner partout nicht wollen: dass der bislang 440 Milliarden schwere Rettungsschirm zur Not noch weiter aufgespannt wird, indem einfach neues Geld gedruckt wird.

Der Auftritt von Trittin und Lindner bei Illner nährte den Verdacht, dass die Politiker in ihrer riesigen Ratlosigkeit inzwischen solche Runden tatsächlich besuchen, um Rat bei Experten zu finden. Früher nutzten sie sie allein zur Profilierung. Auch gestern Abend lieferten sich der grüne Schnösel und der liberale Streber den einen oder anderen parteipolitischen Schlagabtausch. Lindner zu Trittin: "Die nationale Bankenaufsicht wurde unter Rot-Grün zersplittert." Trittin zu Lindner: "Die Idee einer europäischen Finanzaufsicht wurde von Schwarz-Gelb boykottiert." Aber es blieben reflexhafte Scharmützel, mehr Blutdruck-Beweger zum Wachbleiben.

"Völlig verbummfiedelt"

Das Pech der beiden Politiker war, dass Illner diesmal Experten eingeladen hatte, die auch nicht so recht weiter wussten. Wolfgang Gerke vom bayerischen Finanzzentrum hatte das miese Herbstwetter mit ins Studio gebracht. Seine Diagnose: Die Politik macht alles verkehrt. Der EU-Gipfel sei "miserabel vorbereitet", das bereitgestellte Geld fließe in "ineffiziente Strukturen" und man rette vor allem die reichen Griechen, die ihr Geld im Ausland gebunkert hätten. Überhaupt hätte man die Griechen nie zur europäischen Währungsunion zulassen sollen. "Ist uns Europa 211 Milliarden und wahrscheinlich noch mehr Euro wert?", fragte er ketzerisch. Sein Ausblick in die Zukunft: In fünf Jahren betrüge die Inflationsrate vier bis fünf Prozent. Schönen Dank auch.

Keine besonders guten Nachrichten hatte auch Finanzjournalistin Silvia Wadhwa auf Lager. "Wir dürfen nicht alle Banken retten", sagte sie, Europa sei ohnehin "overbanked". Der Plan der Bundesregierung, den Rettungsschirm zu einer Art Notfallversicherungsfond auszubauen - das Gegenmodell zu Sarkozys Geldpresse -, gründe lediglich auf dem Prinzip Hoffnung: "Man hofft, damit die Märkte zu überzeugen, dass die Summe reicht." Und wenn nicht? Darauf wusste Wadhwa auch keine Antwort, nur: "Wir haben die letzten Jahre verbummfiedelt."

Bauchlade mit dem üblichen Knabberkram

Das ging an die Adresse der beiden überforderten Politentscheider. Doch die hatten in ihrem Bauchladen nur den üblichen Knabberkram für den schnellen Hunger. Trittin plädierte wieder einmal für die Trennung der Banken in Investment- und Kreditbanking und für eine Schuldenbremse auch bei Finanzinstituten. Lindner forderte einen generellen "Börsenzwang", damit alle Geschäfte auf dem öffentlichen Marktplatz stattfänden. Einig waren sich Trittin und Lindner darin, dass die deutschen Banken "zwangskapitalisiert" werden müssten, um gut durch die Krise zu kommen. Wie wäre es denn mal mit einer Zwangskapitalisierung der Privathaushalte für schwere Zeiten?

Otto Kentzler, der Klempner aus dem Ruhrgebiet, hörte sich das alles geduldig an. Dann sagte er: "Wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen", und hatte wieder dieses Flehen in der Stimme. Er wird sehr genau beobachten, was am nächsten Mittwoch passiert: Ob weißer Rauch über Brüssel aufsteigt oder Europa im Smog versinkt.