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ZDF-Trödelshow "Mohr von Venedig" – "Bares für Rares" tappt in die Rassismus-Falle

Der Anhänger, der bei "Bares für Rares" zum Verkauf steht, zeigt einen sogenannten "Moretto"
Dieser Anhänger steht am Mittwoch bei "Bares für Rares" zum Verkauf.
© ZDF
Kann eine rassistische Darstellung "schön" und "bärenstark" sein? Bei "Bares für Rares" steht ein Anhänger mit einem sogenannten "Moretto" zum Verkauf. Leider gelingt die Einordnung allenfalls halbherzig.

Horst Lichter begann sofort zu schwärmen: "Das sieht aus wie aus 1000 und einer Nacht, ein wunderschönes kleines Schmuckstück", sagte der "Bares für Rares"-Moderator. Viele Zuschauer der ZDF-Trödelshow dürften sich am Mittwoch jedoch verwundert die Augen gerieben haben. Zum Verkauf stand ein Objekt mit offensichtlich rassistischer Darstellung - vom Besitzer angepriesen als "Mohr von Venedig."

Das Schmuckstück aus den 1920er bis 1940er Jahren bestand aus 750er Gold und war mit Edelsteinen besetzt. In der Mitte befand sich eine Büste, die eine stereotype und rassistische Darstellung eines schwarzen Menschen zeigt – mit dicken Lippen, schwarzer Haut, Locken und Ohrringen. Leider gelang die Einordnung bei "Bares für Rares" allenfalls halbherzig.

Händler sind begeistert

Moderator, Expertin, Händler und selbst der Off-Sprecher ergingen sich in Begeisterungsstürmen. "Nicht nur dekorativ ...", lautete der Off-Kommentar des ZDF zu Beginn. "Boah, ist das schön", schwärmte ein Händler. Und auch seine Kollegen übertrumpften sich gegenseitig mit Attributen wie "schön" und ließen sich sogar zu einem "der ist bärenstark" hinreißen. Zugutehalten kann man den Händlern, dass sich ihr Lob wohl und vor allem auf die handwerkliche Machart und Verarbeitung des Schmuckes bezog, nicht auf die Darstellung. Horst Lichter griff ein, als der Besitzer vom "Mohr von Venedig" sprach und korrigierte: "So wurde es früher genannt."

"Bares für Rares"-Expertin erklärt den Anhänger

"Bares für Rares"-Expertin Heide Rezepa-Zabel erklärte den Anhänger, der wahlweise als Brosche getragen werden kann, folgendermaßen: "Der Begriff Moretto wird angewandt für Schmuck, der diese dunkelhäutigen – ja – Nordafrikaner, sag ich mal neutral, hier als Kopf zusammenfasst und mit einem Brustanschnitt als Büste in den Schmuckhandel eingegangen ist", sagte die Kunsthistorikerin und versuchte sich an einer Einordnung: "Für unsere Verhältnissee ist es natürlich sehr befremdlich, aber damals war es schon ein Sinnbild des Exotischen, des Orientalischen." Doch auch bei ihr fehlte der Satz, dass es sich bei dem Schmuck um eine aus heutiger Sicht rassistische Darstellung handelt.

Angesichts der Debatten der vergangenen Wochen um Sprachgebrauch, um die Berliner "Mohrenstraße", "Zigeunerschnitzel" und das Coburger Stadtwappen muss sich das ZDF und das Produktionsteam von "Bares für Rares" die Frage gefallen lassen, warum man es für eine gute Idee hielt, das Schmuckstück in der Sendung mit Lob zu überhäufen, statt sich davon eindeutig zu distanzieren. Auf Anfrage des stern sagte ein Sprecher des ZDF dazu: "Es gibt durchaus eine Einordnung. Sowohl Horst Lichter ('So wurde es früher genannt') als auch Dr. Heide Rezepa-Zabel ('Für unsere Verhältnisse ist es natürlich sehr befremdlich') machen deutlich, dass dieser Begriff nicht mehr gebräuchlich ist und diese Bezeichnung heutzutage befremdlich wirkt."

Befremdlich wirkt allerdings auch der Gag, zu dem sich Moderator Horst Lichter am Schluss der Show hinreißen ließ. Er sagte: "Bei mir gibt es ja nichts mit Löckchen auf Seite zu legen." Da dürfte manchem Zuschauer das Lachen vergangen sein.

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