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Krimi aus Dortmund Ratten und (Nazi-)Schweine – dieser "Tatort führt in den braunen Sumpf

"Tatort" aus Dortmund
Wie stand der Rechtsextremist Stefan Tremmel (Rolf Peter Kahl, l.) zum Mordopfer? Kommissar Faber (Jörg Hartmann) befragt ihn mit seinen eigenwilligen Methoden
© WDR/Thomas Kost
Tief in den braunen Sumpf Dortmunds führte diese "Tatort"-Folge von 2015 seine Ermittler. Und schuf ein Musterbeispiel für sozialrealistisches Fernsehen jenseits von Betroffenheit und Gutmenschentum.
Von Carsten Heidböhmer

Kurz vor der Bundestagswahl wiederholt die ARD diesen Dortmund-"Tatort" aus dem Jahr 2015, der ein leider noch heute aktuelles Thema behandelt: der Bedrohung der Gesellschaft durch Rechtsextreme.

Gleich zu Beginn des Films wird Kai Fischer, Chef der rechten Gruppierung "Nationale Soziale", tot aufgefunden. Gut so, mag so mancher Zuschauer gedacht haben, ein Nazi-Schwein weniger. Doch im Gegensatz zu totalitären Systemen gesteht der demokratische Rechtsstaat jedem Menschen seine Würde zu. Und so bemüht sich die Dortmunder Mordkommission, dieses Verbrechen aufzuklären.

Selbst wenn es schwerfällt. Denn für die türkischstämmige Nora Dalay (Aylin Tezel) gleichen die Ermittlungen im braunen Milieu einem Spießrutenlauf. Sie wird provoziert und angefeindet, und kann ihre eigene Abscheu kaum verbergen. Ein Umstand, den sich der gewohnt unkonventionell arbeitende Faber (Jörg Hartmann) zunutze macht. In einer Variante des Spiels Good Cop, Bad Cop gibt er vor, mit den Rechten zu sympathisieren und macht seine deutsch-türkische Kollegin demonstrativ vor den Nazis nieder. Das Kalkül geht auf: Er gewinnt das Vertrauen der Dumpfköpfe und bekommt so den Hinweis, dass Fischer kurz vor dem Tod dabei war, ein Bündnis zu schmieden zwischen den bürgerlichen "Neuen Sozialen" und der militanten Dorstfelder Front.

Im braunen Sumpf Dortmunds

Ganz andere Probleme hat Fabers Kollege Daniel Kossik (Stefan Konarske): Sein eigener Bruder Tobias (Robert Stadlober) verkehrt in der rechten Szene. Als das herauskommt, wird er von den Ermittlungen entbunden. Denn im Kommissariat gibt es einen Maulwurf, eine "Ratte": Immer wieder sind Informationen durchsteckt worden. Auf diese Weise blieb der Ermordete auf freiem Fuß, obwohl er ein Jahr zuvor einen Juden totgetreten hatte: Er wurde gewarnt, konnte rechtzeitig die Beweise vernichten und Tatzeugen einschüchtern.

Diese Folge tauchte tief ein in den braunen Sumpf Dortmunds ein. Und war dabei realitätsnah wie selten ein "Tatort". Nicht nur, weil viele Bilder mit der Handkamera eingefangen wurden und damit den Anschein von Authentizität erweckten. In dem Drehbuch steckt viel Recherche. Der Dortmunder Stadtteil Dorstfeld ist tatsächlich eine Hochburg der deutschen Neonazi-Szene. Der Film beleuchtete nicht nur die verschiedenen rechten Strömungen, sondern auch Verbindungen zum Fußball. Ein Problem, das auch in deutschen Fußballstadien auftritt. Wenn die Faschos in einer BVB-Kneipe den Sieg ihrer Mannschaft bejubeln und damit die stolzen Vereinsfarben Schwarz-Gelb beschmutzen, blutet jedem echten Fan das Herz. Denn auch das ist leider nicht erfunden.

Die Grenze zwischen Gut und Böse verwischt

Bei all dem bleibt der Film erstaunlich differenziert. Die Macher (Regie: Nicole Weegmann, Buch: Jürgen Werner) exerzieren hier keinen plumpen Sozialrealismus, wie er im Kölner "Tatort" oder in Lugwigshafen häufig am Werke ist, wo die Kommissare mit viel Betroffenheit und Gutmenschentum auf das Schlechte in der Welt blicken. Die Welt ist weitaus komplexer: Hier die dumpfen Nazis, dort die politisch total korrekten und aufgeklärten Beamten - so einfach lässt sich die Welt nicht erklären. Vielmehr entdeckt Faber "den Nazi in uns allen". Mehr Geld für unsere Kinder, ein größerer gesellschaftlicher Zusammenhalt - wer würde diese Ziele nicht gutheißen? Der "Tatort" zeigt Nazis, die sich fürsorglich um ältere Menschen kümmern. Und Kommissare, die ein gestörtes Privatleben haben und miteinander kaum noch normal umgehen können. Die Grenze zwischen Gut und Böse - sie ist nicht immer so offensichtlich, wie es scheint.

Selbst der Staatsanwalt glaubte aus guten Gründen zu handeln, als er seinerzeit den Neonazi Fischer vor Strafverfolgung schützte: Er wollte ihn als V-Mann anwerben. 

"Tatort": Ermittler mit privaten Dramen

Auch das zeichnete diesen Fall aus: Hier wurde nicht wie so oft im "Tatort" ein gesellschaftliches Thema angerissen, das sich schließlich als falsche Fährte erweist - denn am Ende ist es fast immer eine Beziehungstat. Sondern hier hängt der Mord unmittelbar mit dem Schlamassel zusammen, in den man gerät, wenn man sich wie der Verfassungsschutz mit dem Bösen einlässt und mit Nazis paktiert.

Die privaten Dramen spielten sich dagegen diesmal im Kreis der Ermittler ab. Während die Beziehung zwischen Nora Dalay und Daniel Kossik an der Abtreibung zerbrochen ist, hängt Martina Bönisch (Anna Schudt) abends in einer Hotelbar ab, um sich von Geschäftsreisenden abschleppen zu lassen. Da wirkt es fast schon wohltuend, dass Faber diesmal nicht ausrastete und sein Büro zertrümmert. Doch er erweist sich als Stalker, der nachts seine Kollegin verfolgt.

Wer die Guten, wer die Bösen, wer hier normal ist und wer unnormal - das lässt sich nach 90 Minuten nicht so einfach sagen. Ein auf jeder Ebene komplexer Film.

Die "Tatort"-Folge "Hydra" wurde erstmals am 11. Januar 2015 ausgestrahlt. Die ARD wiederholt den Film am Freitag, 24. September, um 22.15 Uhr.


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