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TV-Kritik

ZDF-Dreiteiler: Musik, Mode und MeToo: "Ku'damm 59" ist Aufklärungsfernsehen, das Spaß macht

Mit "Ku'damm 59" setzt das ZDF den erfolgreichen Dreiteiler fort, der vor zwei Jahren die Lust an den 50er Jahren weckte. Die Geschichte dreht sich vor allem um die Schicksale von Frauen - und ist dabei erstaunlich aktuell.

"Ku'damm 59"

"Ku'damm 59" setzt den erfolgreichen Dreiteiler "Ku'damm 56" fort: Auch diesmal versucht Tanzschulbesitzerin Caterina Schöllack (Claudia Michelsen, m.l.) das Schicksal ihrer drei Töchter Monika (Sonja Gerhardt, l.), Helga (Maria Ehrich, m.r.) und Eva (Emilia Schüle. r.) mit eiserner Hand zu lenken.

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Die Einstiegsszene von "Ku'damm 59" setzt gleich den Ton für die folgenden 270 Minuten und macht klar: Hier wird keiner der Protagonistinnen etwas geschenkt. Die Handlung setzt ein in einer regennassen Nacht des Jahres 1957 klingelt Monika Schöllack (Sonja Gerhardt) am Haus ihrer Mutter, das sie drei Jahre zuvor mit großen Plänen verlassen hat. Jetzt kehrt sie reumütig zurück, ihr altes Heim ist ihre letzte Hoffnung. Denn sie ist wohnungslos, pleite - und hochschwanger.

"Ich hab wirklich ein großes Herz, Monika", sagt ihre gestrenge Mutter, die Tanzschulbesitzerin Caterina Schöllack (Claudia Michelsen). "Aber ich kann mich nicht zum Gespött der Leute machen, verstehst du?" Und schiebt gleich eine Erklärung für ihre Hartherzigkeit hinterher: "Diese Schande da, die hast du dir alleine eingebrockt. Die musst du auch alleine wieder auslöffeln."

Willkommen in den 50er Jahren! Der Zeit, als Männer noch unumschränkt herrschten und Frauen ohne Einverständnis ihres Gatten keinen Führerschein machen durften. Die drei neuen Filme führen den Zuschauer zurück in eine Epoche, die auf der einen Seite wie eine Ewigkeit entfernt scheint - andererseits erstaunlich gegenwärtig ist.

"Ku'damm 59" setzt die Zeitreise fort

Der Erfolg des Vorgängers "Ku'damm 56" hat 2016 gezeigt, wie groß das Interesse der Deutschen an Geschichtsfernsehen jenseits der zwölf dunklen Hitler-Jahre ist. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später wird nun der Nachfolger ausgestrahlt.

Und der führt die Handlung mit allen Stärken fort: "Ku'damm 59" erzählt zuallererst eine süffige Geschichte von drei Frauen, die unter schwierigen Bedingungen unterschiedliche Wege zu ihrem Lebensglück suchen.

Während sich Monika für Freiheit und Aufbruch entschieden hat - und damit vorläufig gescheitert ist -, sind ihre Schwestern in den sicheren Hafen der Ehe eingelaufen. Während Helga (Maria Ehrich) mit einem Juristen verheiratet ist, der heimlich Männer liebt, hat Eva (Emilia Schüle) einen deutlich älteren Professor (Heino Ferch) geehelicht, der sie unterdrückt und schlägt.

"Ku'damm 59"

Monika Schöllack (Sonja Gerhardt, M.) und Freddy Donath (Trystan Pütter, r.) treten in der Fernsehshow "Rendezvous nach Noten" auf. Caterina Schöllack (Claudia Michelsen, l.) fördert die Karriere ihrer Tochter mit allen Mitteln.

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Monika führt zwar von den Dreien das freieste Leben als Sängerin und Schauspielerin, doch ihre Tochter lebt bei ihrer Schwester Helga, wo sie das Kind nur selten einmal als "Tante" besuchen darf.

Sogar der Fall Wedel kommt hier vor

Noch stärker als im ersten Dreiteiler rückt Autorin Annette Hess in "Ku'damm 59" die Rolle der Frau in der Nachkriegsgesellschaft in den Vordergrund. Viele Probleme, die bis heute bestehen - die Unterrepräsentation von Frauen in Politik und Wirtschaft, das Gehaltsgefälle der Geschlechter und auch die #MeToo-Debatte über sexuelle Belästigung hat hier ihren Ursprung. Mit dem Regisseur Kurt Moser (Ulrich Noethen) tritt hier sogar ein Vorläufer Dieter Wedels auf - dabei war der Fall zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch gar nicht bekannt. Das zeigt, wie aktuell die Themen sind, die der Film anpackt.

Andere Probleme dieser Zeit - etwa das Fortbestehen von NS-Seilschaften und Antisemitismus oder die innerdeutsche Teilung - werden dagegen nur angerissen. Natürlich ist die Darstellung des Geschlechterverhältnisses in diesem ZDF-Mehrteiler arg holzschnittartig geraten, für Zwischentöne ist hier selten Platz: Glückliche Ehen zwischen Männern und Frauen sind in der Filmwelt von "Ku'damm 59" nicht existent, es gibt hier auch keine Männer, die Frauen als gleichrangig ansehen.

Auch was die kulturellen Verhältnisse angeht, wird hier mit dem Holzhammer gearbeitet: Auf der einen Seite die jungen, coolen Rock'n'Roller - dort die spießige Heimatduselei. Etwas mehr Differenzierung hätte den Filmen sicher nicht geschadet. Dennoch: "Ku'damm 59" ist Bildungsfernsehen im besten Sinne: Es macht Spaß und klärt den Zuschauer gleichzeitig auf.

Tolle Ausstattung

Neben dem grandiosen Schauspieler-Ensemble ist vor allem die liebevolle Ausstattung der Serie hervorzuheben, die ein Berlin auf den Bildschirm zaubert, so schön, wie man sich die 50er Jahre im Rückblick gerne vorstellt. Mit glänzenden Limousinen und rassigen Cabrios, stilvollen Möbeln sowie Petticoats und Zweireihers und Sonnenbrillen, wie sie heute wieder en vogue sind. Es ist gerade diese modische Aktualität, die daran erinnert, dass die 50er Jahre noch nicht allzu lange vorbei sind. Vieles aus der Zeit steckt noch in uns. Sich dessen bewusst zu werden - allein dafür lohnt sich "Ku'damm 59" anzuschauen.

Das ZDF zeigt den ersten Teil von "Ku'damm 59" an diesem Sonntag, 18. März. Die weiteren Folgen werden am 19. und 21. März gesendet.