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"Tatort"-Kritik: Der böse Bruder aus Syrien und der Fluch der Langsamkeit

Fast zart führt der neue BKA-"Tatort" die Zuschauer in die geheimnisvolle Welt einer deutsch-syrischen Familie. So gut der Anfang ist, so schnell verliert sich die Folge in ihrem komplexen Geflecht.

Von Niels Kruse

Geht da etwa was? Falke und Lorenz kommen sich nicht nur beruflich näher

Geht da etwa was? Falke und Lorenz kommen sich nicht nur beruflich näher

Das fängt vielversprechend an. Eigentlich. "Willkommen im schönen Oldenburg", jubelt Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) an, als sie zu seinem Team in der Huntestadt stößt. Ja ja, Oldenburg ist schön*. Alte Residenzstadt, Neogotik und Klassizismus, keine Industrie, viel Grün. Dort, wo sich die Beamten auf ihren Einsatz vorbereiten, irgendwo am Hauptbahnhof, ist davon nur nichts zu sehen. Und auch sonst leider nicht. Ergötzen sich andere "Tatort"-Folgen etwa die aus Münster oder Hamburg, an der Anmut ihrer Stadt, zeigt "Die Feigheit des Löwen" meist nur verschämt ein paar dämmerige Luftaufnahmen und den tristen Getreidesilo am Hafen.

Dabei hätten ein paar Augenschmeichler der neuesten Folge des BKA-Teams ganz gut getan, denn besonders erbaulich geht es die anderthalb Stunden nicht zu. Die Ermittler sind nach Oldenburg gereist, um einen Menschenhändlerring dingfest zu machen. Einen der besonders üblen Sorte, die die dicken Profite aus der Not syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge schlagen. Konkret haben es Falke und Lorenz auf einen Passfälscher abgesehen. Den erwischen sie auch schnell, doch damit offenbart die ganze Geflecht aus Familien- und Flüchtlingstragödie erst seine ganze Unübersichtlichkeit.

Wer ist Harun?

Langsam, fast schon zart führt Regisseur Marvin Kren ("Rammbock", "Blutgletscher") die Zuschauer in die geheimnisvolle Welt einer deutsch-syrischen Familie ein: mit spärlichem, aber atmosphärischem Licht und wenig Gerede. Beeilung ist die Sache Krens nicht, was "Die Feigheit des Löwen" angenehm vom sonstigen "Tatort"-Einerlei abhebt. Und so stellte sich auch erst nach einer ganzen Weile heraus, dass im Mittelpunkt der Geschichte eigentlich Harun (Navid Negahban) steht. Sein Bruder, der Arzt Nagib, hat ihn aus Syrien geholt und nun lebt der geheimnisvolle und wortkarge Mann bei seinen Verwandten, was der Familie nicht gerade gut tut.

Mit der Besetzung von Harun hat der Regisseur einen richtigen Kracher gelandet: Fans der US-Geheimdienstserie "Homeland" werden ihn kennen: In der ersten Staffel spielte er den Terrorfürsten Abu Nasir. Dass amerikanische Serienstars in einem deutschen "Tatort" mitspielen, kommt auch nicht alle Tage vor.

Zu viel vorgenommen

So stark diese Folge auch beginnt, so brilliant Möhring, Schmidt-Schaller und Negahban auch spielen, so schnell geht ihr leider auch der Wumms aus. Spätestens nachdem die beiden Ermittler einen durchzechten Kneipenabend gemeinsam im Bett ausklingen lassen und dabei möglicherweise sogar Sex haben (die Auflösung erspart sich Regisseur Kren dankenswerterweise), verliert sich die Erzählung im ihrem komplexen Knäuel.

Vielleicht hat sich Filmemacher Kren auch einfach zu viel vorgenommen: Ein aktuelles, ein berührendes, aber dann auch wieder seltsam entferntes Thema, ein Rachefeldzug, traumatisierte Kinder, die Anbandlung der beiden Hauptdarsteller - alles in Ruhe, beinahe schon in Seriengeschwindigkeit erzählt, dass überfordert dann am Ende alle Beteiligten. Was sehr schade ist, denn an der Art und Weise, wie Kren den "Tatort" angelegt hat, können sich einige seiner Kollegen ein Beispiel nehmen.

*der Autor, dem dem sie hier auf Twitter folgen können, hat die ersten 19 Jahre seines Lebens in Oldenburg verbracht.