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US-Serie "Homeland": Der Feind in unserer Mitte

Eine psychisch labile Agentin jagt einen vermeintlichen Terroristen: Die Serie "Homeland" zeigt ein vom Krieg ausgezehrtes Amerika - und ist dabei so verstörend wie spannend.

Von Carsten Heidböhmer

Die Zeit der Helden ist vorbei. Wir leben schon seit Längerem im postheroischen Zeitalter, so die gängige Gegenwartsdiagnose. Doch was genau das bedeutet, wie es sich anfühlt, davon haben bislang die wenigsten eine Vorstellung. Genau da setzt die US-Serie "Homeland" an, die ab Sonntag auf Sat.1 ausgestrahlt wird.

Die mit zahlreichen Preisen dekorierte Produktion erzählt davon, wie der Krieg, den die USA in Irak und Afghanistan führen, in die Heimat schwappt. Wenn die Bedrohung den Alltag erreicht. Nicht in Form von bärtigen Turbanträgern, die Flugzeuge kapern und in Hochhäuser lenken. Sondern viel perfider - durch Unterwanderung der Gesellschaft. Man fühlt sich nirgends mehr sicher. Jeder ist ein potenzieller Terrorist. Der nette Nachbar kann ein Schläfer sein.

Diese neue Bedrohungslage macht die Welt für Carrie Mathison (Claire Danes) nicht leichter: Die CIA-Agentin ist für die Sicherheit ihres Landes verantwortlich, muss terroristische Bedrohungen wittern, bevor sie in die Tat umgesetzt werden. Auch sie hat Erfahrungen mit dem Krieg: Sie war im Irak eingesetzt. Dort erhielt sie von einem Informanten den Tipp, dass ein Kriegsgefangener von al Kaida umgedreht worden sei.

Die Agentin ist ein Psycho-Wrack

Als ein US-Kommando einen seit acht Jahren verschollenen Soldaten befreit, wird sie aktiv. Sergeant Brody (Damian Lewis, bekannt aus der TV-Serie "Life") kehrt als gefeierter Kriegsheld heim. Carrie Mathison ist überzeugt, den schlummernden Terroristen gefunden zu haben. Weil ihr niemand glauben mag, ermittelt sie auf eigene Faust. Nächtelang überwacht sie illegal seine Wohnung, schläft kaum und ernährt sich nur noch von Pillen und Alkohol. Es gibt nichts zu beschönigen: Die Agentin ist ein richtiges Psycho-Wrack.

Der vermeintlich strahlende Held befindet sich allerdings in keiner besseren Verfassung. Nach acht Jahren Gefangenschaft ist er schwer traumatisiert und würde sich am liebsten daheim verschanzen. Die US-Army möchte ihn jedoch als Kriegshelden für ihre eigenen Zwecke nutzen. Reporter belagern zudem sein Haus. Hinter den Gardinen spielt sich ein anderes Drama ab: Brody muss sich nach Jahren der Abwesenheit wieder an seine Familie gewöhnen, die ihn für tot gehalten hatte. Die Kinder kennen ihn gar nicht mehr, seine Frau hat eine Affäre mit seinem besten Freund.

Anrührend schildert "Homeland" den schwierigen Weg dieses seelisch Versehrten zurück in den Alltag. Die Perspektive oszilliert dabei ständig zwischen der beobachtenden Agentin und dem heimgekehrten Soldaten. Ist Brody tatsächlich so unschuldig, wie er wirkt? Oder hat die irre Agentin Recht - und es handelt sich in Wahrheit um einen Schläfer? Der Zuschauer schwankt ständig, wird im Unklaren gelassen, bis er auch seinem eigenen Verstand nicht mehr trauen kann.

Zutiefst verstörte Nation

Wer ist hier der Gute, wer der Böse? Das lässt sich nicht klar beantworten. Mathison und Brody - sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Der langjährige Krieg gegen den Terror hat beide schwer gezeichnet. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis die einsamen Seelen sich näherkommen.

"Homeland" zeigt die USA als zutiefst verstörte Nation, ausgezehrt von den vielen Kriegen auf fremden Kontinenten. Irgendwo in der Ferne scheinen Identität und Werte der Nation verloren gegangen zu sein. Zurück bleibt eine paralysierte Gesellschaft, in der nichts mehr ist, wie es scheint. Der strahlende Kriegsheld ein gefährlicher Terrorist? Und die einzige Person, die ihn noch stoppen könnte, eine geistesgestörte Geheimagentin? Alles scheint möglich.

Die Tageszeitung "USA Today" bezeichnete "Homeland" als "die beste Serie der neuen TV-Saison". Und auch Präsident Obama schätzt sie. Das mag erstaunen. Denn das postheroische Amerika erscheint hier als kein schönes Land. Gerade diese schonungslose Bestandsaufnahme macht die Serie so sehenswert.