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Presseschau zum Ende von "Wetten, dass ..?": Groteske Beerdigung gespickt mit Lolitafantasien

Deutschlands berühmteste TV-Show ist Vergangenheit. Bei den Fernsehkritikern herrscht Erleichterung. Endlich können sie "Wetten, dass..?" gebührlich zu Grabe tragen und ihr letztes Urteil sprechen.

Markus Lanz während der letzten Sendung von "Wetten, dass..?"

Markus Lanz während der letzten Sendung von "Wetten, dass..?"

Um 23.49 Uhr war es am Samstagabend vorbei. "Wetten, dass..?" ist jetzt Geschichte. Nach fast 34 Jahren hieß es zum letzten Mal "Top, die Wette gilt". Mit einer an Höhepunkten armen Show verabschiedete sich der TV-Dinosaurier endgültig von der Bühne. Die deutsche Presse ist sich einig: Ein würdeloser und längst fälliger Abgang - eine Beerdigung, bei der sich die Trauergäste um Fröhlichkeit bemühten.

"welt.de"

"Ein Programm von alten Männern für alte Männer", urteilt "Welt"-Autor Frédéric Schwilden. "Männer reden mit Männern. In jeglichen Altersversionen. Dazwischen sitz mal eine Wurst im Kleid, nicht Conchita, sondern Kathi Witt. Und junge Frauen hängen BHs auf. Ansonsten männlicher Männerhumor." Auch ohne die sexistische Rollenverteilung des ZDF kommt die letzte "Wetten, dass...?"-Show auch nicht aus. Eine Cheerleader-Wette ist der Stein des Anstoßes. "Junge Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, an der Grenze von Tanz und Lolitafantasie. Mädchen, die Männer beim Sport anfeuern. Mädchen, die Männer, die Männer beim Sport sehen wollen, heiß machen. Sie gehen Hand in Hand rein. Die Cheerleader der Elmshorn Fighting Pirates. 15, 16 sind diese Mädchen. Sexualisierte Dinger. Kindchenschema. Geschminkt. Kurze Röcke."

"DiePresse.com"

Für Isabella Wallnöfer zeigte das Finale der Dino-Show, dass das Ende gerade noch rechtzeitig kommt: "Zuletzt hat das Format nur noch mit Negativ-Meldungen den Staub aufgewirbelt, der sich bereits darauf abgesetzt hatte: Mit dem schrecklichen Unfall von Samuel Koch, dem Abgang von Thomas Gottschalk als Moderator und dem angekündigten Ende dieser erfolgreichsten TV-Show der Geschichte. Die letzte Ausgabe war nur die Bestätigung dafür, dass die Entscheidung richtig war, die Show endgültig abzusetzen. Samuel Koch hat Markus Lanz am allerletzten 'Wetten, dass ..?'-Abend die Show gestohlen. Er war authentisch, sympathisch und beeindruckend. Ein Lichtblick: Auch wenn es so aussieht, als wäre alles aus, geht das Leben doch weiter. Auch nach 'Wetten, dass ..?'", schreibt sie auf der Seite "DiePresse".

"Spiegel Online"

Für Arno Frank fühlte sich die letzte Ausgabe an "wie eine dieser Beerdigungen, bei denen alle Beteiligten sich um Fröhlichkeit bemühen. Er hat ja so gerne gelacht, der Verstorbene. Dabei blitzte bisweilen tatsächlich auf, was diese Sendung in ihren besseren Momenten immer schon sehenswert gemacht hatte - das vielleicht nicht Anarchische, aber doch Ungeplante mit dem Hang zur Groteske", schreibt der "Spiegel Online"-Autor.

"WAZ"

Der Online-Ausgabe der "WAZ" fehlte vor allem Thomas Gottschalk und das Feingefühl von Markus Lanz. "Der Gottschalk-Nachfolger konnte nur scheitern. Hätte er damals nein gesagt, wäre er als Held in die Fernsehgeschichte eingegangen. So wurde der Südtiroler mit beflissener Lockerheit und überzogenem Dauergrinsen zur tragischen Gestalt. Die 215. und zugleich letzte Ausgabe von einst Europas erfolgreichster Show fasste Glanz und Elend der Samstagabend-Sause in fast vier Stunden noch einmal zusammen", urteilt Jürgen Overkott.

"FAZ.net"

"Es waren die Samstagabende der Generation Golf: Mit der Familie auf dem Sofa sitzen und "Wetten, dass..?" gucken. Das ist vorbei. Nicht wegen Markus Lanz, sondern weil sich die Zeiten geändert haben", urteilt Alfons Kaiser auf "FAZ.net". Und weiter: "Es geht also beim Ende der größten europäischen Fernsehshow nicht nur darum, dass sich ein Format im Alter von 33 Jahren überlebt hat. Die Gesellschaft hat sich geändert, und das Fernsehen hat nicht Schritt gehalten."

ivi