HOME

"Game of Thrones": Game of Murks – warum diese Staffel mich enttäuschte

Eine Nacktszene, blutige Schlachten und mehr Handlung brachte die sechste Staffel. Trotzdem bin ich als echter Fan enttäuscht. Denn die Zauberwelt von George R.R. Martin hat sich in ein Drachen-Disneyland verwandelt.

Emilia Clarke sorgte mit einer Nacktszene für weltweite Publicity. 

Emilia Clarke sorgte mit einer Nacktszene für weltweite Publicity. 

Es war Liebe auf den ersten Blick. Im Februar 2011 sah ich den Trailer "An Invitation to Westeros" und es hatte mich erwischt. Als die Serie auf HBO im April anlief, hatte ich die meisten Bücher von George R.R. Martins Serie "A Song of Ice and Fire" bereits gelesen. Westeros war eine gefährliche und geheimnisvolle Welt. Nichts blieb, so wie es zuerst schien, bei keiner Person war man sich sicher und nie wusste man, welche Folgen eine Handlung irgendwann haben konnte. Für die Verfilmung wurde das undurchdringliche Dickicht der Querverweise gelichtet, aber man blieb dem Prinzip treu. Das wurde auch dem einfacher gestrickten Zuschauer klar, als die Sympathieträger der Stark-Sippe gnadenlos getötet wurden.

Einmal durchgekärchert

In der letzten Staffel ist von der verwirrenden Handlung und von den komplexen Charakteren nicht viel übrig geblieben. Man hat sich auf das Niveau einer handelsüblichen Superhelden-Serie begeben. Nur die Zutaten sind gleich und überzeugend geblieben. Weiter klirren die Schwerter, die Drachen sind erfreulich groß geworden, die Schauspieler männlich wie weiblich sehen umwerfend aus und die wichtigste Serien-Blondine der Welt liefert eine Nacktszene ab. Auch die Schlacht der Bastarde setzt Maßstäbe. Schon deshalb, weil sie einer echten mittelalterlichen Schlacht weit ähnlicher war als die Hollywoodschlachten, die auch das größte Gemetzel in eine Abfolge von Einzel-Duellen aufzulösen.

In der Schlacht der Bastarde zeigte Ramsay Bolton, wie eine akkurate Killzone aussieht.

In der Schlacht der Bastarde zeigte Ramsay Bolton, wie eine akkurate Killzone aussieht.

Endlich mehr Handlung

Und richtig, endlich passiert mal etwas. Vorbei ist die Zeit, in der die Drachenkönigin in ihrer Pyramide hockte und Cersei Lannister gefühlt hundert Mal beleidigt aus dem Kronrat rauschte, während der Hohe Spatz hohle Predigten hielt. Aber der Preis ist hoch, aus der undurchschaubaren Handlung wurde ein Serien-Plot, bei dem ein Ereignis hübsch ordentlich und zeitnah zu dem nächsten führt. Eben rühmte sich der fiese Walder Frey noch seiner Untaten, da folgt die Rache schon auf dem Fuße. Aus dem Labyrinth wurde eine Autobahn - mit Vollgas geht es Richtung letzte Schlacht.

Kitsch wie im Popcorn-Kino

Zusätzlich zuckert Hollywood-Pathos die Szenen auf. Die Akklamation Jon Snows als König des Nordens hätte man genauso in einem Mantel-und-Degen-Schinken aus den 50er Jahren inszenieren können. Inklusive dem Einfall, dass ein Mädchen die mitreißende Rede hält. Hollywoods Überwältigungs-Kino, das mit immer den gleichen Schlüsselreizen exakt definierte Zuschauergefühle auslösen will, hat die Regie übernommen.

Da bekommt der Zwerg eine Abschlussszene, mit einem endlosen Monolog rund um Wein und um Witze. Wieso? Weil die Zuschauer ihn in dieser Pose lieben, nur darum gibt es noch einmal die extra dicke Zwergen-Portion. Werden sich die Piraten- und Drachenkönigin einig, kann man auch schnell noch einen aktuellen Witz einbauen. Er handelt davon, ein paar Onkel zu ermorden, weil die nichts von Frauen mit Regierungsgewalt halten. Huhahhah! Was für ein Schenkelklopfer. So eine plumpe Anspielung auf Hillary Clintons Wahlkampagne hat in meinem Westeros nichts verloren.

Neue Folgen von "Game of Thrones" will der Sender HBO möglichst lange geheim halten


Schneller, simpler, eindimensionaler

Wie sehr die Charaktere verflachen, fällt am stärksten bei Nebenfiguren wie Sandor Clegane auf. Am Anfang der Serie war der Hund ein unberechenbarer, bösartiger Charakter - aber auf eigentümliche Weise an Arya Stark gebunden. Nie konnte man genau wissen, ob er das Mädchen beschützen oder erschlagen würde. In der letzten Staffel ist dieser Höllenhund zu einer Art "rauer Kerl mit gutem Herz" mutiert. Eine Rolle, die schon John Wayne perfektioniert hat.

Diese gemainstreamte Version von "Game of Thrones" wird sicher auch in den letzten 13 Folgen Erfolg haben. Vermutlich wird der geduldige Zuschauer vor dem Ende des Spektakels noch mit einer Sex-Szene von Emilia Clarke belohnt, die Drachen werden Städte in Brand setzen und große Schlachten werden geschlagen. Aber Rätsel wird einem diese Serie nicht mehr aufgeben.

Themen in diesem Artikel