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Momente der TV-Geschichte Buhrufe in der "ZDF-Hitparade" - ein Nachthemd mischt die Schlagerwelt auf

ZDF-Hitparade: Hubert Kah
Hubert Kah und seine Band werden 1982 in der "ZDF-Hitparade" ausgebuht
© Röhnert/ / Picture Alliance
Was sich am 7. Juni 1982 live im ZDF abspielt, gleicht einer Revolution: Die Neue Deutsche Welle stört die heile Schlagerwelt, UKW gewinnen mit "Sommersprossen" die "ZDF-Hitparade". Für Rex Gildo und Co. brechen schwere Zeiten an.

Dieter Thomas Heck bleibt gelassen. Er kündigt die Band UKW genauso diszipliniert und präzise an, wie die Schlager-Granden Nicole ("Ein bisschen Frieden"), Bernhard Brink ("Du natürlich") oder Roland Kaiser ("Wohin gehst du"). "Weiter mit der Nummer sechs", sagt der stets im Anzug gekleidete Moderator im Studio eins der Berliner Union Film ruhig. Und das, obwohl sich in seiner Sendung gerade eine Revolution abspielt.

Vier Wochen nachdem in der "ZDF-Hitparade" zum ersten Mal Neue Deutsche Welle zu hören war, schafft der Titel "Sommersprossen" die Sensation. Die Band UKW gewinnt am 7. Juni 1982 die Ted-Abstimmung haushoch, ist damit in der nächsten Sendung wieder dabei. Bands wie DÖF, Peter Schilling, Hubert Kah, Trio oder Nena erklimmen fortan den Schlagerolymp und stören die heile Schlagerwelt. Der Triumphzug der Neuen Deutschen Welle ist nicht mehr aufzuhalten.

Hubert Kah im Nachthemd ist zu viel für die "ZDF-Hitparaden"-Zuschauer

Geschickt machen sich die NDW-Interpreten einen Umstand zu Nutze, der bis dahin kaum Beachtung fand. In der "ZDF-Hitparade" wird Halbplayback gesungen. Die Musik kommt vom Band, die Stimmen sind live. Das hatte dazu geführt, dass sich auf der Bühne meist nur ein Sänger befand und nicht viel passierte. Das ändern Bands wie Hubert Kah schlagartig.

Ganze Horden von Musikern stürmen in ulkigen Kostümen die Bühne. Quatsch machen und auffallen ist angesagt. Als Kah für seinen "Sternenhimmel" im kurzen Nachthemd auftritt, kommt das einem Affront gleich. Der Sänger wird vom biederen Schlagerpublikum ausgebuht. Gewinnen wird er trotzdem. Fräulein Menke soll ein Auftritt im Hochzeitskleid verwehrt werden – die Institution der Ehe solle nicht besudelt werden. Kurzerhand versteckt sie ihren Schleier im Kleid und holt ihn während er Live-Show heraus. Damals ein Skandal.

Dieter Thomas Heck verteidigt die Neue Deutsche Welle

Heck verteidigt die Neulinge. "Ich weiß gar nicht, was die Leute wollen. Jahrelang haben sie sich beschwert, dass die Jugendlichen keine deutsche Musik mehr hören", sagt er 1982 in einem Interview mit der "Bunten". Jetzt gäbe es eine Hinwendung zu deutschen Gruppen, die "wirkliche Gassenhauer" produzieren würden. Die Titel der NDW würden "landauf und landab mitgesungen". "Eine bessere Definition von Schlager kann man nicht finden."

Es dauert ganze zwei Jahre, bis die Neue Deutsche Welle wieder verebbt. Doch die Nachwehen bleiben. Mit Nino de Angelo oder Juliane Werding ist eine neue Generation von Schlagersängern herangewachsen, die Hecks alte Garde Rex Gildo, Roy Black oder Karel Gott für immer vom Hitparaden-Thron vertreiben. 1984 nimmt der Moderator selbst Abschied. Mit Dieter Thomas Heck geht eine Ära zu Ende. Die "ZDF-Hitparade" ist nie wieder so erfolgreich, wie sie damals war.

mai

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