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"50 Jahre ZDF-Hitparade – die Zugabe" Ein Zufluchtsort in Zeiten von Corona: "Solange Roland Kaiser singt, können Sie beruhigt ins Bett gehen"

"50 Jahre ZDF-Hitparade – die Zugabe": Moderator Thomas Gottschalk (2.v.l.) mit Gästen
"50 Jahre ZDF-Hitparade – die Zugabe": Moderator Thomas Gottschalk (2.v.l.) mit Gästen
© Sascha Baumann / ZDF / PR
Thomas Gottschalk mag keine Schlager. Aber so langsam scheint er damit warm zu werden. Es gibt in der zweiten Show zum Jubiläum der ZDF-Hitparade kaum Sticheleien. Stattdessen erkennt er das Potenzial von Hits wie "Santa Maria". Gerade in Corona-Zeiten braucht es solche Zufluchtsorte.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Christian Anders fährt immer noch mit dem "Zug nach Nirgendwo". Er hat seine langen weißgrauen Haare zusammengebunden und trägt einen weißen, mit Brokat besetzen Anzug – derselbe, den er bereits vor vierzig Jahren in der "ZDF-Hitparade" trug. Villa, Yacht, Privatjet, goldener Rolls Royce und vier Bodyguards – so sah sein Leben damals aus. Und heute? "Geblieben ist dir der weiße Anzug", kommentiert Thomas Gottschalk. Autsch. Das war böse. Als später Ricky Shane seinen Welthit "Mamy Blue" singt, erspart sich der Moderator immerhin Seitenhiebe. Der einstige Millionär, der in Saus und Braus lebte, bezieht heute eine klägliche Rente von 151 Euro. Und Jürgen Drews? "Jedes Haar auf seinem Kopf gehört ihm selber", freut sich Thommy. Was da noch nicht öffentlich bekannt ist, denn die Sendung wurde bereits Anfang Juni aufgezeichnet: Drews leidet, wie er der "Bild"-Zeitung vor wenigen Tagen verriet, an Polyneuropathie, einer Nervenkrankheit.

Thomas Gottschalk in der Welt des Schlagers angekommen?

Früher war alles besser? Das lässt sich nicht immer von der Hand weisen. Manchmal tut es genau deshalb weh, in alten Fotoalben zu blättern. Andererseits schwelgt man beizeiten auch gerne in Erinnerungen. Das zeigt auch der große Erfolg der Show "50 Jahre ZDF-Hitparade", die im Jubiläumsjahr 2019 über fünf Millionen Zuschauer begeisterte. Am Samstagabend gab es nun eine Fortsetzung unter dem Titel "Die Zugabe". Wieder moderiert Thomas Gottschalk, der mit Schlagern nichts anfangen kann. Das sagt er selbst. Juliane Werdings Lied "Nacht voll Schatten" habe er beispielsweise einmal mit "Schacht voll Ratten" anmoderiert. Aber anders als in der ersten Sendung, wo er dazu neigte, sich über die ganze Branche lustig zu machen, scheint er dieses Mal schon ein bisschen mehr in der Welt des Schlagers angekommen zu sein. "Schlagertexte sind unterbewertet", ist eines seiner überraschenden Statements, worauf er ein Zitat aus dem Cindy & Bert-Song "Ich komm' bald wieder" folgen lässt: "Dieses Leben, das ist eine Wanderschaft, zu dem Ziel, das man nur miteinander schafft."

Mit der Beliebtheit der ersten Sendung schien Gottschalk wohl nicht gerechnet zu haben. "Das ist die erfolgreichste Show, die ich in den letzten Jahren moderiert habe", gesteht er. Kein Wunder. "Die Schlagerfans sind die treuesten", erklärt sein Gast G.G. Anderson. Über das Alter der Zuschauer macht sich Thommy keine Illusionen. "Ich glaube nicht, dass man uns auf vielen Laptops oder Smartphones zuschaut", meint er. Stattdessen würden "nostalgische Zausel" vor den Fernsehgeräten sitzen. Mitunter von Tränen übermannt. Inmitten einer klischeebesetzten Welt klingt das natürlich nach einem nächsten Klischee. Aber irgendwie stimmt es schon. Gerade in diesen Zeiten, in der alles voller Corona hängt, ist Sentimentalität auch so etwas wie ein Ausweg. Und zugleich bietet der Schlager seinen Fans genau das, was vielen Menschen verloren gegangen ist: Sicherheit. Oder mit Gottschalk gesprochen: "Solange Roland Kaiser 'Santa Maria' singt, können Sie beruhigt ins Bett gehen und morgen fröhlich aufwachen."

Und natürlich singt Roland Kaiser sein "Santa Maria". Und Gitte Hænning ihr "Freu dich bloß nicht zu früh". Und Julia Neigel "Schatten an der Wand". Und Nino de Angelo "Jenseits von Eden". Unter anderem treten außerdem auf: Karat, Peggy March, Nicki, Andy Borg, Bata Illic, Michelle und die Spider Murphy Gang. Studiopublikum gibt es nicht. Als Platzhalter hat man Pappfiguren aufgestellt, der Applaus kommt größtenteils vom Band – aber auch von den eingeladenen Gästen, die nicht hinter den Kulissen warten, sondern die ganze Show mitverfolgen, tanzen und textsicher mitsingen. Dass vor Ort keine zusätzlichen Zuschauer zugelassen sind, irritiert angesichts der letzten Wochen, in denen bei der Fußball-WM gefüllte Zuschauerränge gang und gäbe sind.

"50 Jahre ZDF-Hitparade – die Zugabe": ein Zufluchtsort

Am 18. Januar 1969 wurde die "ZDF-Hitparade" zum ersten Mal ausgestrahlt, im Jahr 2000 wurde sie zum letzten Mal produziert. An Songs und Interpreten mangelt es also nicht. Daher: Schade, dass man sich nicht ganz und gar auf den Nostalgie-Trip einlässt, sondern auch "Gesichter von heute" mit reinpacken muss. Nichts gegen Giovanni Zarrella, Ramon Roselly oder Stefanie Hertel, aber sie wirken in der Sendung einfach fehl am Platz. Dass dann Hertel auch noch den Falco-Song "Rock me Amadeus" interpretiert, ist schwer auszuhalten. Wer kann schon wie Falco singen? Auch Udo Jürgens und Karel Gott haben unvergleichliche Stimmen. Dennoch werden auch sie in der sogenannten "Hommage an die verstorbenen Künstler" so gecovert, dass wahre Nostalgiker vor lauter Verzweiflung darüber in Tränen ausbrechen. Warum spielt man nicht einfach Videos ein?

Bülent Ceylan hingegen legt einen sympathischen Auftritt hin. Er outet sich als Paola-Fan. Als Beweis bringt er ein Bravo-Poster mit, auf dem die Sängerin abgebildet ist – das Poster habe, wie er erzählt, in Jugendjahren über seinem Bett gehangen. "Ich bin nicht immer nur Metal", meint er. Ceylan flirtet nicht nur mit der anwesenden und ebenfalls sympathischen Paola, sondern singt schließlich mit ihr deren großen Hit "Der Teufel und der junge Mann" – inklusive Headbanging. "Das sind die großen Fernsehmomente", freut sich Gottschalk. Der will natürlich nicht hintenanstehen und stimmt mit Paola "Blue Bayou" an. Allerdings mit ungewohnt zartem Stimmchen. Thomas Gottschalk als Schlagersänger? Wird's noch soweit kommen? Vielleicht sollte er die Schlagerfans lieber mit einer dritten Show beglücken. War doch dieses Mal eigentlich ganz gemütlich. Wer wollte Menschen verdenken, dass sie ihre Zufluchtsorte brauchen? Und das mehr denn je.

"50 Jahre ZDF-Hitparade - die Zugabe" können Sie in der ZDF-Mediathek noch einmal sehen.

wue

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