Claus Kleber Segelboot statt großer Tanker


Claus Kleber wird nun doch nicht Chefredakteur des "Spiegel", sondern bleibt beim ZDF in Mainz. Er macht, was er wirklich will. Und pfeift auf einen der wichtigsten Jobs des deutschen Journalismus.
Von Stefan Schmitz

Am Morgen der Entscheidung saßen die ZDF-Führungskräfte auf dem Mainzer Lerchenberg zusammen und hörten ein Referat über die Online-Strategie des Senders. Aber wirklich interessiert waren die Fernsehmenschen an etwas anderem: an Claus Kleber. Daran, ob er nun geht oder nicht. Plötzlich öffnete sich die Tür und herein rollte der von "Spiegel" und ZDF heftig umworbene Mann - auf einem "Segway". Das ist ein merkwürdiges Gefährt, mit dem der "heute-journal"-Moderator auch in seinem neuen Film über Kalifornien zu sehen ist. Es war ein absurder Auftritt. "Claus, haben Sie etwas zu sagen", wurde er gefragt. Nein, antwortete der Mann mit dem Stehroller, für heute habe er sich noch Bedenkzeit ausgebeten. Nun hat Kleber entschieden: Er bleibt beim ZDF. Das mag an neuen Privilegien liegen, die ihm geboten wurden, damit er in Mainz weitermacht. Vor allem aber wohl an ihm selbst. Er vergesse die Zeit, wenn er mit einem Segelboot ablege, hat er einmal gesagt. Wind, Freiheit, das Leben spüren. Das ist ihm offensichtlich wichtiger, als auf der Brücke eine möglichst großen Tankers zu stehen.

"Fernsehen ist mein Medium", verkündete Kleber, als die Hängepartie um seinen Wechsel zum Nachrichtenmagazin vorbei war. Tatsächlich liegen seine Erfahrungen als schreibender Journalist weit zurück. In Bergisch-Gladbach hackte er in den siebziger Jahren Texte für die Lokalredaktion des "Kölner Stadt-Anzeigers" in seine Olympia-Maschine. Doch nicht einmal sein alter Chef kann sich dort an den Mitarbeiter Kleber erinnern. Der Mann ist eben Fernsehen. Irgendwie ist er immer USA-Korrespondent geblieben. Auch nach über vier Jahren als Moderator und Chef des "heute-journals" sind weniger seine Moderationen mit schräg liegendem Kopf im Gedächtnis geblieben, als seine Berichte aus Amerika. Am 11. September etwa stand er wie ein Fels inmitten des ganzen Getöses und berichtete nüchtern und sachlich. Das macht ihm Freude, das kann er. Oder Reportagen aus fernen Ländern. Sechs Wochen war er in Indien, lange in Afghanistan, diese Woche lief ein Film von ihm über Kalifornien.

Den Job hätte er sich zugetraut

Am vergangenen Freitag erläuterte er telefonisch aus Las Vegas seinen Leuten daheim in Mainz die damals noch recht verworrene Lage. Er machte das genau so, wie er auch seine Moderationen strickt: Alles klingt überzeugend und irgendwie geradlinig, aber am Ende ist keinem klar, was er nun wirklich meint. Er hat geradezu eine Kunstform daraus gemacht, sich nicht festzulegen. Er erläutert und erklärt die Welt. Die Meinung können sich die Leute dann selber bilden. Wofür dieser doch immerhin schon 52-jährige, erfahrene und bekannte Journalist eigentlich steht, ist schwer zu ergründen.

Als das Gerücht aufkam, er gehe zum "Spiegel", fragten sich viele, ob das meinungsstarke Blatt und er zusammen passen. "Ich traue mir die Aufgabe zu", versicherte Kleber nun. Beweisen muss er es nicht mehr. Der ZDF-Mann hat nicht nur keine Erfahrung im Zeitschriftengewerbe, sondern auch nicht mit der Leitung großer und starker Redaktionen. Aber das störte seine Förderer nicht. Als Moderator und weltgewandter Repräsentant wäre er vielen willkommen gewesen, wenn auch nicht unbedingt den Erben des Gründers Rudolf Augstein - doch deren Minderheitsbeteiligung reicht nicht aus, einen neuen Chef zu verhindern. Die Mitarbeiter KG, die die Mehrheit des Magazins besitzt, und der dritte Gesellschafter - der Verlag Gruner und Jahr, in dem auch der stern erscheint - können notfalls ohne oder gegen sie entscheiden. Nur muss der Kandidat mitspielen. Armin Mahler, der Geschäftsführer der Mitarbeiter KG, will sich nun nicht nervös machen lassen und keinen spüren lassen, wie konsterniert die Königsmacher sind. "Natürlich bedauern wir die Absage von Claus Kleber", sagte er. "Wir werden nun ohne Zeitdruck und in Ruhe die Suche nach einem Chefredakteur für den "Spiegel" fortsetzen."

Kleber, der noch vergangene Woche an der Hotelbar in Las Vegas klagte, er arbeite zuviel, hat damit nichts mehr zu tun. Seiner "Work-Live-Balance", um die er sich mehr kümmern will, tut das sicher gut. Gern zitiert er den Spruch eines Kollegen über das Journalistenglück: "Große Reisen machen, viel erleben und dafür bezahlt werden." Das wird für ihn beim ZDF künftig wohl noch leichter sein als bisher.


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