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Meinung

Trotz Coronakrise: Tschüss, bis nach der Sommerpause! Wie die ARD-Talkshows ihre Relevanz beschädigen

Man kann trefflich streiten über die ARD-Talkshows. Unbestreitbar aber treiben sie die politische Debatte voran und geben oftmals Orientierung. Gerade jetzt wäre das wichtig, doch die Polit-Talker machen Krisen-Pause.

Ein Gastkommentar von Frank Schmiechen

Anne Will und Kommentator Frank Schmiechen im kleinen Bild oben links

Trotz Coronakrise lassen Anne Will und ihre Talk-Kollegen von der ARD die Zuschauer im Sommer im Regen stehen, kritisiert Gastkommentator Frank Schmiechen (kl. Foto).

DPA

Stellen Sie sich vor, in ihrer Stadt steht eine ganze Häuserzeile in Flammen. Es brennt lichterloh. Vor Ort sind jede Menge Feuerwehrleute. Plötzlich packen alle ihre Gerätschaften zusammen und überlassen die Häuser einfach ihrem Schicksal. Entsetzte Passanten fragen nach. Warum geht ihr? Die Antwort: Wir gehen jetzt in Urlaub. Es war dieses Jahr schon so viel zu tun.

Völlig verrückt, oder? Aber so ähnlich machen das große ARD-Talkshows.

ARD-Talkshows: Ab Juni ist Corona-Pause

Seit vielen Wochen begrüßen uns Anne Will, Sandra Maischberger oder Frank Plasberg zum Krisen-Talk. Doch bereits im Juni soll damit Schluss sein. Sommerpause. Obwohl Deutschland und der Rest der Welt immer noch bis zum Hals in Problemen stecken.

Die Folgen der Pandemie sind nicht abzusehen. Es sind für Journalisten die spannendsten, die wichtigsten Zeiten. Zuschauer haben viele Fragen. "Anne Will" erreichte mit dem Thema "Die Corona-Krise – wie drastisch müssen die Maßnahmen werden?" am 15. März mit 6,09 Millionen Zuschauern einen Jahresbestwert. Aber die bekanntesten Journalisten Deutschlands packen trotzdem ihre Koffer.

Als Erste verabschiedet sich Sandra Maischberger aus der Krise. Ihre Mittwochssendung "Maischberger. Die "Woche“ ist am 3. Juni zum letzten Mal zu sehen. Die Sonntagstalkshow "Anne Will" wird am 14. Juni ein letztes Mal vor der Sommerpause ausgestrahlt, die Montags-Talksendung "Hart aber fair" mit Frank Plasberg am 22. Juni.

Die weltweite Ausnahmesituation? Sie wird dann auf keinen Fall beendet sein.

Alles ist anders, aber nicht für die TV-Debatten

Oft wird über Talkshows gestritten. Sind sie für die öffentliche Meinungsbildung so relevant wie Feuerwehrleute für die Sicherheit? Oder nur ein eingeübtes Schauspiel, bei dem vorbereitete Statements von den immer gleichen Gästen abgespult werden? 

ARD-Programmchef Volker Herres hat einen "Premium-Anspruch" an seinen Sender. Für ihn heißt das zum Beispiel:  "Erstklassige Information durch die 'Tagesschau', Informationsverarbeitung durch 'Anne Will'."

Wenn er das ernst meint, wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt, um allen Gebührenzahlern zu beweisen: Wir sind mit unseren politischen Diskussions-Formaten für euch da. Ja, es lief in diesem Jahr alles anders geplant. Deshalb senden wir auch in der Sommerpause und halten euch auf dem Laufenden.

Sommerpause von "Anne Will" sogar länger als 2019

Stattdessen verabschiedet man sich so früh wie noch nie in die Ferien und beschädigt so die eigene Relevanz.

ARD-Sprecherin Silvia Maric schreibt mir zu "Anne Will": "Wegen der Coronakrise wurden einzelne Ausgaben vorgezogen, die an anderer Stelle ausgeglichen werden müssen. All das führt im Ergebnis dazu, dass die Sommerpause nun länger ausfällt als in 2019." Ist es jetzt wirklich die Zeit, um Programm nach Dienstplan zu machen?

Es brennt weiter lichterloh. Die Wirtschaft, die Kitas, die Schulen, die Familien, die Selbstständigen und Künstler - was soll werden aus unserem Land, aus Europa und dem Rest der Welt? Aber die journalistische Feuerwehr geht von Bord und verabschiedet sich in die Ferien. 

Außerdem stellt sich noch eine weitere drängende Frage: Was macht eigentlich Karl Lauterbach im Sommer?