Im Sommer 1994 reiste die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Titelverteidiger mit zwölf Weltmeistern und neuen Ausnahmespielern wie Matthias Sammer, Mario Basler und Stefan Effenberg in die USA. Das Ziel: Man wollte selbstredend wieder Weltmeister werden. Das Ergebnis waren jedoch Streitigkeiten ohne Ende, die interne und öffentliche Demontage des Bundestrainers Berti Vogts und viele Probleme auf dem Platz.
Die viermal 45 Minuten lange Doku-Serie "WM 1994: Elf Helden – Ein Albtraum" findet sich ab Dienstag, 2. Juni, in der ARD-Mediathek. Linear ist das Ganze als 90-minütiger Film am Sonntag, 14. Juni, zu sehen. Gegen 22 Uhr im Anschluss an das erste Vorrundenspiel der Deutschen bei der WM 2026 gegen Curacao (Anpfiff: 19 Uhr). Für Film und Serie von Manfred Oldenburg ("Fußballwunder: Von Bern bis Berlin") plaudern die Protagonisten von einst erstaunlich freimütig aus dem Nähkästchen. Darunter Berti Vogts, Lothar Matthäus, Stefan Effenberg, Bodo Illgner, Mario Basler, Matthias Sammer, die Journalisten Reinhold Beckmann, Gaby Papenburg und Marcel Reif sowie die damals mit im Zentrum des Geschehens stehende "Spielerfrau" Bianca Illgner.
Vielleicht ist es dem zeitlichen Abstand von 32 Jahren geschuldet, dass diese Doku so gut ist. Es entsteht nämlich das Gefühl: Alle Protagonisten, die diesen Horrorfilm einer nicht ganz unbedeutenden Reise einer Sportgruppe erzählen, sind frei von jeglichen PR-Fesseln. Die WM-Fahrer von 1994 waren eine toxische Gruppe, würde man heute sagen. Mit einem schwachen Trainer, dessen Ablösung noch während des Turniers öffentlich diskutiert wurde. Und rein sportlich gesehen? Nach einer durchwachsenen Vorrunde inklusive mühevollem 3:2-Zittersieg gegen Südkorea im Hitze-Spiel von Dallas (mit anschließendem Stinkefinger) schlug man Belgien im Achtelfinale durch Tore von Völler und Klinsmann ebenfalls mit 3:2. Danach schied man – völlig überraschend – im Viertelfinale gegen Außenseiter Bulgarien aus. Jordan Letschkow erzielte den Siegtreffer in der 78. Minute.
Oldenburg erzählt die Geschichte dieser 90er-Jahre-WM als Beleg dafür, dass nicht unbedingt immer die talentierteste Mannschaft ein Turnier gewinnt. Eher schon die beste Gemeinschaft. Was an Skandalen, Zerwürfnissen und menschlichem Versagen – auch der Medien – im Film herausgearbeitet wird, wirft ein neues Licht auf Turniere wie die Fußball-WM. Bei aller sportlicher Professionalität sind es vor allem Menschen, die zusammenfinden müssen, damit ein Titel möglich ist.
Trainer Berti Vogts mit kindlichem Trauma?
Der Film, für den sich der wackere Berti Vogts als Interviewpartner zur Verfügung stellte, zeigt dessen beispiellose Demontage durch Spieler und Medien vor, während und nach der WM. Natürlich hatte der Mann, den sie in seiner aktiven Zeit "Terrier" nannten, keine leichte Aufgabe übernommen. Als Nachfolger des Weltmeister-Trainers Franz Beckenbauer, den sie "Kaiser" nannten. Journalist Marcel Reif sagt schuldbewusst im Film: "Es ist ja nur der Berti, dachte man sich."
Im Nachhinein erinnert die Behandlung des Trainers damals an einen klassischen Mobbing-Fall. Denn Vogts war einer, der sich nicht wehrte. Nicht gegen den Schmähsong Stefan Raabs ("Böörti Böörti Vogts"), der dem Bundestrainer sogar öffentlich auflauerte, um ihm mit anzüglichen Fragen bloßzustellen. Lothar Matthäus erklärt das Psychogramm des Berti Vogts mit dessen frühen Verlust beider Elternteile. Ein Pfarrer sagte damals zum kleinen Hans-Hubert, er sei am Tod seiner Eltern mit schuld, weil er nicht brav gewesen sein. Matthäus folgert: "Der Berti konnte nie aus sich herausgehen. Das hängt vielleicht mit seiner Kindheit zusammen."
Wichtig für Vogts und den Film ist sein letztes Viertel, das nach dem WM-Aus und den heftigen Forderungen von 99 Prozent Deutschlands, Berti möge seinen Hut nehmen sowie dessen Durchhalten bis zur EM 1996 erzählt. Dieses neue Turnier in England, in dem Vogts in Sachen Mannschaftszusammenstellung und Ansprache aus seinen Fehlern von 1994 lernte, endete bekanntlich mit dem Europameister-Titel. Es war auch der verdiente Triumph des Trainers Berti Vogts, über den ausgerechnet Stinkefinger-Mann Effenberg, der von Vogts 1994 nach Hause geschickt wurde, sagt: "Das ist einer der besten Bundestrainer, die wir hatten."
Auch ein weiterer Lautsprecher in Sachen Fußball-Kommentar gibt sich im FIlm überraschend nachdenklich. Mario Basler, der im Laufe des Turniers nur einmal zum Einsatz kam, sagt über die WM 1994: "Berti war der Buhmann der Nation." Einer, der aus einem anderen Wertesystem – Bescheidenheit, Fleiß, Ehrlichkeit und Vertrauen – kam als viele Egomanen im Team, die vor allem ihr eigenes Erfolgssüppchen kochten.
Dazu kamen Spielerfrauen, die das Quartier – einen Betonbunker in Chicago – gehörig aufmischten: Mit dem als "Trio Infernale" bezeichneten Team neben dem Team Bianca Illgner, Martina Effenberg und Angela Häßler gab dort auch immer wieder Probleme. Dazu tanzten die Spieler Berti auf der Nase herum. Weil sich viele Golf-Enthusiasten im Team befanden, die früh morgens rund ums Hotel gern noch eine Runde bei angenehmen Temperaturen spielten, wurde das eigentliche Fußballtraining auf deren Wunsch hin gern mal in die Mittagshitze verlegt. Insgesamt offenbaren die "Talking Heads" dieser Doku eine desaströse Gemeinschaft von Elitekickern, deren Misserfolg die überaus unterhaltsame, aber auch psychologisch fein erzählte Dokumentation zur vielleicht besten im Angebot vieler Fußball-Dokus rund um die amerikanische Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2026 macht.