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Pro und Contra: Hat Reich-Ranicki Recht?

Im ZDF diskutierten Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk über die Qualität des deutschen Fernsehens. Auch die stern.de-Redaktion ist sich nicht einig: Während Katharina Miklis den Abgesang aufs deutsche Fernsehen anstimmt, meint Carsten Heidböhmer: Es gibt viel mehr Qualität als früher - man muss sie nur suchen.

Mag das deutsche Fernsehen nicht mehr: Der Kofferbomber der Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, ließ auf der Bühne die Bombe platzen. Zu Recht?

Mag das deutsche Fernsehen nicht mehr: Der Kofferbomber der Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, ließ auf der Bühne die Bombe platzen. Zu Recht?

Reich-Ranicki hat Recht

Bis einer heult. Jetzt ist es passiert. Und das Geschrei ist groß. Marcel Reich-Ranickis Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis war vernichtend. Er war unverschämt und respektlos. Und er war richtig.

Ja, natürlich. Es gibt sie. Die guten Sendungen im deutschen Fernsehen. Bildung, Kultur und jegliche Form von Anspruch werden jedoch viel zu oft auf unmöglichen Sendeplätzen versteckt. Oder sie gehen völlig unter im krawalligen Trash-Tumult aus Castingshows, Celebrity-Dokus, Coachingformaten und Chartshows. Anspruchsvolle Sendungen stehen im Schatten des ganz normalen Fernsehwahnsinns. Der Olli-Geissenismus hat zum Verfall der Samstagabend-Unterhaltung geführt. Zietlowsches Nervengift geben ihr den Rest und der Musikantenstadl bläst unbeirrt seinen Soundtrack dazu. Ganz ehrlich: Wann haben Sie sich in diesem Jahr richtig gut unterhalten gefühlt? Als Brigitte Nielsen der Hintern abgepumpt wurde? Als im Dschungelcamp abgeschnittene Tierhoden an resignierte Promis verfüttert wurden? Haben Sie jemals gelacht bei Kai Pflaumes "Comedy-Falle" oder "Alles Atze"? Dann lesen Sie bitte bei meinem Kollegen weiter. Oder noch besser: Lesen Sie gar nicht. Schalten Sie den Fernseher an!

Der Intelligenz-Masochismus der Zuschauer wird befriedigt

Zwischen Barbara Salesch, Frauentausch und den Effenbergs stirbt das Niveau einen bitteren Tod. Doch das kümmert keinen Richter Alexander Hold und auch nicht Lenßen und Partner. Die sind damit beschäftigt, Verblödungsfernsehen zu machen und den Intelligenz-Masochismus der Zuschauer zu befriedigen. Schleichend wurde Carrell zu Darnell. Hektisch werden niveauvolle Formate abgesetzt, sobald die Quotenvorstellungen nicht erfüllt werden. Die Sender sind nicht mutig genug. Quote geht schnell vor Inhalt. Und was die werberelevante Zielgruppe will, wird bis zum Erbrechen gezeigt. Um pseudointellektuellen Anspruch vorzugaukeln, fragen Johannes B. Kerner oder Jörg Pilawa in regelmäßigen Abständen das Allgemeinwissen der Deutschen ab. Das Fernsehen macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer - traurige Aussichten.

Wie verkommen ist das deutsche Fernsehen?

Jetzt wollen einige tatsächlich dem 88-jährigen Literaturkritiker die Befähigung zur TV-Sezierung absprechen? Das ist anmaßend! Man muss nicht den ganzen Tag vor der Glotze hängen um die Idiotie des täglichen Programms zu erkennen. Wenn bei einer Veranstaltung wie dem Deutschen Fernsehpreis Kategorien wie "Beste Reality" eingeführt werden, "Deutschland sucht den Superstar" als Lichtblick deutscher Fernsehunterhaltung und Veronica Ferres als beste Schauspielerin ausgezeichnet wird, dann sagt das allein schon viel über das deutsche Fernsehen aus. Und macht es nur verständlicher, dass der große alte Mann der Literatur es nicht mehr aushielt. Der alte Mann und das Meer aus Blödsinn.

Dass es viel zu viel "Blödsinn" (Reich-Ranicki) und "hirnlose Scheiße" (Elke Heidenreich) im deutschen Fernsehen gibt, ist keine neue Erkenntnis. Aber endlich hat es mal jemand gesagt. Nicht im Feuilleton, nicht nachts versteckt in einer Literatursendung auf 3Sat, sondern live auf großer Bühne vor denen, die den "Blödsinn" zu verantworten haben.

Wir amüsieren uns zu Tode

Marcel Reich-Ranicki stellte eine ganze Branche in Frage - und diese klatschte eifrig Beifall. Das zeigt, dass die, die was ändern könnten, nicht verstanden haben. Die, die gekommen waren um sich im Fegefeuer der Eitelkeiten selbst zu feiern applaudierten dem Mann, der ihnen gerade gesagt hat, dass das, was sie tun, Müll ist. Es wird sich nichts ändern.

Schon der amerikanische Fernsehkritiker Neil Postman sah es in seinem Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" kommen: "Das Fernsehen ist dabei, unsere Kultur in eine riesige Arena für Showbusiness zu verwandeln. Es ist natürlich möglich, dass wir das am Ende ganz herrlich finden und es gar nicht mehr anders haben wollen." Das ist jetzt über 20 Jahre her. Und der Worst Case ist eingetreten.

Katharina Miklis

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Marcel Reich-Ranicki irrt

Zeit seines Lebens hat Marcel Reich-Ranicki polarisiert. Hat Romane in den Himmel gelobt, hat Bücher gnadenlos verrissen - kalt ließ sein klares Urteil niemanden und forderte stets zum Widerspruch heraus. Seit vergangenem Samstag ist das anders. Da unterzog er das deutsche Fernsehen mit Ausnahme von Arte und 3Sat einer vernichtenden Pauschalkritik - und plötzlich klopfen ihm alle auf die Schulter. Endlich mal einer, der sagt, was wir schon immer gedacht haben: Das Fernsehen sendet rund um die Uhr Blödsinn. Mit Ausnahme natürlich von Arte. Denn den Kultursender fanden wir ja schon immer toll.

Doch wenn die vielen plötzlich aufgetauchten Arte-Fans nur einmal die Woche diesen Sender eingeschaltet hätten - er käme anstatt der statistisch kaum mehr messbaren Quote von 0,7 Prozent locker auf die 12,1 Prozent Zuschauer, die den "Trash-Sender" RTL täglich sehen.

Viel schlimmer ist jedoch, dass kaum jemand diesen simplen Dualismus Reich-Ranickis Denken hinterfragt, der die TV-Landschaft so schön in zwei Hälften unterteilt: Auf der einen Seite Arte und 3Sat als Gralshüter der Fernsehqualität. Auf der anderen Seite dagegen die zunehmend verflachenden öffentlich-rechtlichen Anstalten und - ganz böse - die Privatsender, die das wachsende Prekariat mit dümmstem Unterhaltungsmüll bei Laune zu halten.

Wer das so sieht, offenbart vor allem eines: dass er von der aktuellen Medienlandschaft nicht die geringste Ahnung hat und keinerlei Vorstellung besitzt, wie zeitgemäßes Fernsehen aussehen könnte. Vielmehr überträgt diese Denkweise überkommene Bildungsvorstellungen des 19. gedankenlos ins 21. Jahrhundert. Es ist zweifellos schön, dass es einen Sender wie 3Sat gibt. Jedem seine Nische. Aber die samstäglichen Theater- oder Konzertübertragungen: Soll das innovatives Fernsehen sein?

Omas Theater als Fernsehen von Morgen?

Wohl kaum. Stattdessen gibt es gerade bei den Privatsendern zahlreiche Beispiele dafür, wie zeitgemäßes, spannendes Fernsehen aussehen kann: Dort beobachten die Verantwortlichen nämlich aufmerksam den Weltmarkt und kaufen immer wieder hervorragende Serien ein, insbesondere aus den USA. Mit vielschichtigen Charakteren und gewagten Themen, die Lichtjahre von der "Wilhelm Tell"-Inszenierung live aus dem Wiener Burgtheater entfernt sind. "Dexter" ist aktuell so eine Serie, läuft montags auf - genau: dem "Big Brother"-Sender RTL2. Die anspruchsvollste deutsche TV-Produktion der letzten Jahre war "Blackout". Der auf einer hochkomplexen Erzählstruktur basierende Vierteiler lief nicht etwa auf 3Sat. Auch nicht auf Arte. Sondern im angeblichen Klamaukkanal Sat1. Und subversivere Medienkritik als in "Switch Reloaded" gibt es derzeit im deutschen Fernsehen nirgends zu sehen. Kommt übrigens mitten aus dem Herz der Finsternis: ProSieben.

Damit soll nicht alles gerechtfertigt werden, was über die Mattscheibe flimmert. Ja, es läuft wirklich wahnsinnig viel Schund im Fernsehen. Gerade bei den Privatsendern - leider mit oftmals hervorragenden Einschaltquoten. Doch wer sich Mühe gibt und seinen Kopf bei der Programmauswahl einschaltet, wird mit wahren Perlen belohnt - die es vor zehn oder 20 Jahren im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben hat. Und die es auch in keinem anderen Medium geben kann - weil es originäre TV-Formate sind.

Das wird sicher nicht alles nach dem Geschmack von Marcel Reich-Ranicki sein. Kein Mensch muss mit 88 Jahren offen für die Innovationen dieses Mediums sein. Wahrscheinlich braucht er gar kein Fernsehen. Anstatt Arte oder 3Sat zu sehen, kann er samstagabends einfach ins Theater gehen. Oder mal wieder ein gutes Buch lesen.

Carsten Heidböhmer