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Die Medienkolumne: Die ARD zeigt, wofür sie gut ist

Es geht um Vergangenes, um Schuld und Schweigen. Beide Königsklassen des TVs - Dokumentation und Fiktion - sind vertreten. Mit dem Fiction-Zweiteiler "Contergan" und der rechercheintensiven Doku "Das Schweigen der Quandts" zeigt die ARD endlich mal wieder Spitzenfernsehen.

Von Bernd Gäbler

Um die Ausstrahlung des Fernsehfilms zum Schlafmittel Contergan der Arzneimittelfirma Grünenthal gab es ein zähes juristisches Ringen. Den Produzenten Michael Souvegnier brachte er an den Rand des Ruins. Am Ende kamen einige Umstellungen in Drehbuch und Film heraus, die Pflicht zu zusätzlichen Erklärungen und damit die Betonung, dass dieser Fernsehfilm eine fiktionale Produktion ist. Die Juristen des WDR, des verantwortlichen Senders, haben wacker zu ihrem Produkt gestanden - dafür zahlen wir gerne Gebühren.

Vielleicht ist diese Klarstellung am Ende sogar erhellend: Denn nicht um eine detailversessene Rekonstruktion des größten Arzneimittel-Skandals der deutschen Nachkriegsgeschichte geht es in diesem Fernsehereignis der Woche, sondern um mehr: um künstlerische Wahrhaftigkeit. Sie muss nicht in Arthouse-Filmen, in Nischen mit hohen Schwellen beheimatet sein, auch das Massenmedium Fernsehen kann mehr als Kitsch und Klischee.

Die Quandts - eine Dokumentation zeigt Wirkung

Für den Dokumentarfilm über die Geschichte der Familie Quandt, einer der bedeutendsten industriellen Familiendynastien des Landes, haben die NDR-Autoren Eric Fiedler und Barbara Siebert fünf Jahre lang recherchiert. Die Basisdaten über Zwangsarbeit, ein werkseigenes KZ in Hannover, Rüstungsaufträge und NSDAP-Mitgliedschaften sowie die Selbststilisierung als Verfolgte nach dem Krieg hatte der Wirtschaftsjournalist Rüdiger Jungbluth bereits im Jahr 2002 veröffentlicht. Für den Film war er als Fachberater eine Hilfe. Aber die Autoren haben viel mehr geschafft, weitere Historiker befragt, ehemalige Zwangsarbeiter in Dänemark und Griechenland ausfindig gemacht und einem der Ankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess die Materialien vorgelegt. Stets bleiben sie einem strengen dokumentarischen Duktus treu.

Zwar zeigen sie Sven Quandt, den einzigen Spross der Familie, der Mikrofon und Kamera nicht scheute, als fröhlich selbstgewissen und geschichtsvergessenen Rallyefahrer, meiden aber jeden Klatsch über die Familie, die den BMW-Mythos schuf. Die ARD hat den lange vorbereiteten Film ohne Ankündigung bereits am 30. September kurz vor Mitternacht plötzlich ins Programm genommen. Offiziell hieß es, dieser Schritt sei wegen einer Festival-Aufführung erfolgt. Vermutlich aber waren es die Hausjuristen, die darauf drängten, durch so einen Coup langatmige juristische Querelen zu verhindern. Auch hier also schützten die Hausjuristen das Produkt!

Und das Fernsehen hat sich wieder einmal als so wirkungsmächtig erwiesen, wie kaum eine andere Form der Publizität - die Familie Quandt erklärte, die NDR-Dokumentation hätte die Familie "bewegt", sie wolle ein Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte ins Leben rufen. Der NDR zeigt nun eine 90-minütige Langfassung der bereits in der ARD ausgestrahlten herausragenden Dokumentation am 22. November um 21 Uhr.

Ein ergreifendes Fernseh-Highlight: "Contergan" - "Eine einzige Tablette" (Teil 1) und "Der Prozess" (Teil 2)

Was der NDR auf dem Gebiet der Dokumentation geleistet hat, gilt analog für den WDR in Bezug auf das Genre des Fernsehfilms. Davon zeugen die ersten der Presse vorgeführten Versionen des Films, den "final cut" rückt der WDR - evtl. auch wegen der durchgestandenen Prozesse - nicht heraus.

Rund zehntausend Kinder wurden weltweit im Mutterleib schwer geschädigt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft das 1957 eingeführte Mittel "Contergan" genommen hatten. In Deutschland leben knapp dreitausend "Contergan-Opfer"; mittlerweile gehen sie auf die fünfzig zu. Diesem größten Pharma-Skandal, der jahrelange juristische Kämpfe nach sich zog, filmisch gerecht zu werden - das war keine kleine Aufgabe. Filme mit einem behinderten Kind im Zentrum - Denise Marko spielt die Tochter Katrin Wegener wunderbar - laden ein zu Kitsch. Leicht kommt es zu unsicherem Schwanken zwischen Voyeurismus und Scham: Die Eltern werden heroisiert.

Der ARD-Film ist ergreifend, vielleicht rührt er den einen oder anderen Zuschauer auch zu Tränen, aber er entgeht diesen Gefahren. Er ist kein Rührstück geworden. Natürlich personalisiert er und emotionalisiert er - was denn sonst? Strukturgeschichte und Medizinsoziologie lassen sich nicht verfilmen. Konflikte werden verdichtet. So platzt der Konflikt mit dem Pharma-Hersteller mitten hinein in eine aufstrebende, von zwei jungen Anwälten betriebene Kanzlei. Aber es entsteht ein großes, massenkompatibles, die Möglichkeiten des Mediums nutzendes Stück Fernsehen.

Getragen von der Kraft der Darsteller

Warum? Weil der Film Härten nicht ausweicht. Grausam realistisch wirkt die Szene im Kreißsaal, die harte, verachtende Ärzte-Sprache der damaligen Zeit, die erst den mittlerweile erzielten Toleranzgewinn ermessen lassen. Weil der Film getragen wird von einer außergewöhnlichen Kraft der Darsteller. Weitab von allen handelsüblichen Muttertier-Varianten stellt Katharina Wackernagel die Mutter Vera Wegener dar: human, aber nicht heldenhaft; liebevoll, aber nicht tadellos. Sie treibt ihren Ehemann (Benjamin Sadler) an, sie treibt den Film voran, sie reißt den Zuschauer mit.

Obwohl dies wahrscheinlich ihre bisher größte Rolle ist, ist der Zweiteiler dennoch kein Starfilm für Katharina Wackernagel geworden. Auch darin liegt eine Stärke dieses Fernsehfilms: Er lebt und wirkt als Ensemble-Film. Die besten Theaterschauspieler wie Dörte Lyssewski und Ernst Stötzner sind dabei; August Zirner gibt dem Pharma-Anwalt Kontur, Sylvester Groth versucht als Staatsanwalt Feddersen nicht zu verzagen; Laura Tonke, Matthias Brandt und Jürgen Schornagel sind mit von der Partie - und alle werden zusammengehalten und geführt von der feinen Hand des nicht auf Tricks und Effekte setzenden Regisseurs Adolf Winkelmann.

Man kann nur dies empfehlen: am Mittwoch und Donnerstag einfach diesen TV-Film anzuschauen, sich ruhig von ihm fesseln zu lassen. Zum Thema gibt es noch einige Dokumentationen, eine Themen-Sendung von "Hart, aber fair" und vermutlich unendlich viel Gerede mit Machern, Darstellern, Betroffenen, der Gesundheitsministerin etc. pp. In allen denkbaren Talk-Shows. Das ist das einzige, was den Fernsehfilm "Contergan" noch gefährden kann, die billige Inflationierung drumherum.