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Die Medienkolumne: Gefangen im Ki.Ka-Ghetto

Der Kinderkanal Ki.Ka wird so sehr bejubelt, dass Politiker das 24-Stunden-Kinderprogramm fordern. Was nicht bedacht wird: Aus den kleinen Fernsehzuschauern wird kein öffentlich-rechtlicher TV-Nachwuchs. Sie landen im "Ki.Ka-Ghetto". Da hilft auch kein neuer Jugendsender.

Von Bernd Gäbler

ARD und ZDF haben ein gemeinsames Problem: Beide Sender sind politisch gewollt, beide leben von der gesellschaftlichen Übereinkunft, dass es sie geben soll - und beiden geht die Jugend flöten. Viele Verantwortliche in den Sendern führen das auf den Medienkonsum junger Leute generell zurück: Sie lesen ja auch keine Zeitung mehr! Vor allem online müsse die Generation der "digital natives" nun erreicht werden. Eine überraschend geringe Rolle bei den Überlegungen zur davongelaufenen Jugend spielt die simple Frage: Was haben ARD und ZDF der Jugend denn in den letzten Jahren Besonderes angeboten?

Ein Vergleich zum Kinderprogramm zeigt, wie wenig das tatsächlich ist. Wie viele Menschen haben sentimentale Erinnerungen an die "Sendung mit der Maus", haben sie längst weiterempfohlen an die nächste Generation, lieben "Löwenzahn" oder wissen die Anstrengung zu würdigen, mit "Logo" eine kindgerechte Nachrichtensendung zu entwickeln? Manche trauern dem Sandmännchen noch nach, während an die Stelle dieses süßlich-autoritären Spitzbartes längst "Bernd", das stets so herrlich depressive Brot getreten ist. "Willi will`s wissen" ist ein ebenso lehrreiches Format wie "Wissen macht Ah", längst gibt es auch im Ki.Ka Gesangswettbewerbe oder die Suche nach der besten Klasse.

Das Holzspielzeug im Glitzer-Plunder

Das öffentlich-rechtliche Kinderprogramm ist etwas sehr Eigenes. Den besten Sendungen merkt man Sorge und Fürsorge, Leidenschaft und handwerkliches Können an. Darum hat der Ki.Ka auch einen so guten Ruf, dem das reale Programm, in dem auch viele Serienwiederholungen und Comic-Strips eine Rolle spielen, kaum gerecht werden kann. Der Ki.Ka kommt immer noch ein wenig daher wie das hochwertige Holzspielzeug inmitten des blinkenden Glitzer-Plunders.

Seit es den Kinderkanal gibt, ist genau das passiert, was zu Sendebeginn von Spartenkanälen stets heftig dementiert wird: Das klassische ARD- und ZDF-Programm wurde von Kindersendungen weitgehend bereinigt. Einige wenige Ausnahmen: Am Samstagvormittag gibt es noch etwas Programm - es wirkt wie eine Verlegenheitslösung - hier ist die Glotze prima als Verwahranstalt einzusetzen. Eher zum gemeinsamen Anschauen lädt dann der frühe Sonntagvormittag ein, der Restposten der früheren ARD/ZDF-Kinderherrlichkeit. Das gab es alles einmal: Slapstick-Kommödien, allerlei Spiele, sogar Ferienprogramme, wenn man sie brauchte.

Ki.Ka statt Programmauftrag

In der Frühzeit des Fernsehens markierte der Nachmittag den Übergang vom Kinder- zum Programm für Jugendliche. Längst gibt es so etwas gar nicht mehr. Das anspruchsvolle Kinderprogramm ist schön abgesondert worden ins "Ki.Ka-Ghetto". Dort gewinnen ARD und ZDF früh eigentlich sehr interessante Zuschauer, die bleiben aber beim Übergang hin zum erwachsenen Programm auf der Strecke. So hat der Ki.Ka mit dazu beigetragen, dass ein spezifisch öffentlich-rechtliches Programm für Kinder zwar wunderbar entwickelt ist; die Kids sich aber sofort und abrupt abwenden, sobald sie eins auf keinen Fall mehr sein wollen: Kinder! Für 12- oder gar 14- bis 18-Jährige gibt es nichts, was diese Zuschauer als "cool" empfinden könnten. Sie schauen "GZSZ" oder "Simpsons", "Galileo" oder MTV.

Obwohl die ARD-Sender in jeder Landesrundfunkanstalt mindestens eine Hörfunkwelle speziell für jüngere Leute unterhalten, gibt es nicht einmal eine einzige vernünftige Musiksendung im Fernsehen, geschweige denn ein Nachrichtenmagazin. Und das obwohl sich Jugendliche sehr wohl für Politik, für den Hunger in der Welt, für Kriege, aber auch für Umweltschutz oder Fragen der Integration interessieren. Ein Magazin, das diese Themen geduldig vertiefen würde, wäre nämlich vermutlich kein Quotenbringer.

Aber darf das der Maßstab für ein von uns allen zum Zwecke der Aufklärung finanzierten Programms sein? Jugendliche sind es gewohnt, dass sie die Themen, die sie interessieren - Musik, Mode, Lifestyle, zwischenmenschliche Beziehungen - mit Kaufanreiz serviert bekommen. Diese Sehgewohnheiten zu verändern, ist nicht einfach. Aber andererseits: Was für eine wunderbare Herausforderung wäre denn das? Angeblich existiert das öffentlich-rechtliche System doch aus Gründen der publizistischen Verantwortung!

Schon wieder ein neuer Spartenkanal?

Weil den Verantwortlichen in ARD und ZDF natürlich auch bewusst ist, dass ein im wahrsten Sinne des Wortes jugendfreies Programm wenig zukunftsträchtig ist, brüten die Gremien gerade eine neue Idee aus: Wenn einem die Jugend flöten geht, muss man ihr halt nachlaufen und einen eigenen Jugendkanal anbieten. Wieder soll ein neuer Spartenkanal her und eine neue Institution das lösen, was inhaltlich nicht klappt. Das aber ist genau das alte bürokratische Denken, mit dem die Jugend unbedingt brechen will. Die andere tolle expansive Idee, den Ki.Ka bald 24 Stunden rund um die Uhr laufen zu lassen, ist auch nicht viel besser - oder gehört es zur modernen Pädagogik, dass die Vierjährigen "Bernd, das Brot" um kurz vor Mitternacht sehen sollen?

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  • Bernd Gäbler