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Die Medienkolumne: ARD und ZDF - Spartenprogramme für Senioren

Dass TV-Sendungen wie "Der Bergdoktor" und "Musikantenstadl" nicht gerade den Nerv der Jugend treffen, ist nichts Neues. Aber schalten junge Menschen überhaupt noch ARD und ZDF ein?

Von Bernd Gäbler

Es gibt bei ARD und ZDF nichts, was in Stilistik und Aufbereitung den Interessen der jungen Altersgruppen entspricht

Es gibt bei ARD und ZDF nichts, was in Stilistik und Aufbereitung den Interessen der jungen Altersgruppen entspricht

"Digital natives" - so nennt man junge Leute, die wie selbstverständlich bereits mit dem Computer aufgewachsen sind. In ihrer alltäglichen Mediennutzung verschieben sich die Prioritäten. Sie sitzen länger vor dem Computer als vor dem TV-Bildschirm. Sie chatten, surfen und mailen mehr als dass sie "zurückgelehnt" Serien, Shows oder gar Informationsprogramme im Fernsehen verfolgen. Die gesamte Sehdauer ist zwar in den Jahren von 2001 bis 2007 noch einmal um 8,3 Prozent angestiegen - für die Jugendlichen gilt dies jedoch nicht.

Das Gegenteil ist der Fall: In der Gruppe der 14- bis 19-Jährigen ist die durchschnittliche Sehdauer um 15,3 Prozent gesunken. Dennoch bietet das Fernsehen oft den Stoff für ihre Gespräche - auch wenn dies als Chat in der "social community" im Netz stattfindet. Das frei empfangbare Fernsehen ist nach wie vor das Massenmedium per se. Mit seinen Shows und Serien, Stars und Vorbildern prägt es Haltungen, moralische Einstellungen, Lebensstile und den kulturellen Habitus der Zuschauenden. Und das gilt für Alt und Jung.

Die Spaltung des TV-Marktes

Auch wenn öffentlich-rechtliche und private Sender in ihren Programmen unterschiedliche Akzente setzen, tatsächlich existiert ein einheitlicher TV-Markt. Insbesondere die "Zuliefer-Industrie" - also TV-Produktionsfirmen und Filmteams, ausgelagerte Redaktionen und Ideen-Schmieden - beliefert längst beide Abteilungen des dualen Systems.

Gespalten ist der einheitliche TV-Markt stattdessen entlang neuer Linien. Der Graben verläuft genau entlang der Altersgrenzen. Es gibt keine einzige relevante Sendung von ARD, ZDF oder den Dritten Programmen, bei der der Zuschauerschnitt unter 50 Jahren liegt. Bei politischen Informationssendungen, egal ob Magazine oder Talk-Sendungen, changiert das Durchschnittsalter der Zuschauer nicht selten sogar um die 60.

Traurig, aber wahr: Die "öffentlich-rechtlichen" Programme sind zu Spartenprogrammen für Senioren verkommen. Wenn man bedenkt, dass sie den Auftrag zur "Grundversorgung" der Gesellschaft mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung haben und mit inzwischen jährlich etwa 7,3 Milliarden Euro gut alimentiert sind, muss die Frage nach der Legitimation gestellt werden.

Was schauen die 14- bis 19-Jährigen?

Besonders drastisch ist das programmliche Versagen für die ganz jungen Zuschauer - das belegt eine aktuelle Erhebung zur Fernsehnutzung Jugendlicher durch die Bayerische Landeszentrale für neue Medien: In der Alterskohorte der 14- bis 19-Jährigen schaffen es weder ARD, noch ZDF oder die Dritten auch nur die Fünf-Prozent-Hürde bei den Marktanteilen zu reißen. Mit 18,9 Prozent führt ProSieben vor RTL (15 Prozent), Sat1 (9,1 Prozent) und RTL II (7,9 Prozent). Selbst Vox (5,1 Prozent) liegt noch vor ARD (4,6 Prozent) und ZDF (4,1 Prozent). Die Reichweite - also das Verhältnis der Zuschauenden zur Altersgruppe insgesamt - für die Nachrichtensendung "heute" liegt bei 0,4 Prozent; die der "Tagesschau" bei 1,3 Prozent. Wenn Jugendliche überhaupt ein Informationsprogramm anschauen, dann "ProSieben Newstime", das es in dieser Zielgruppe immerhin auf einen Marktanteil von 18,8 Prozent bringt, oder "RTL aktuell" (12,9 Prozent Marktanteil).

In der Regel aber werden die klassischen Nachrichtensendungen weiträumig umschifft. Beliebt sind "GZSZ" und "DSDS", "Germany's Next Top-Model" und "Explosiv", "Alles was zählt" und "Unter uns", "Taff" und "Galileo", außerdem "Das Model und der Freak" sowie Stefan Raab. Hier sammeln die Kids und Teenies ihr Wissen über die Stars, Musikrichtungen und Modetrends. Sie leben wie selbstverständlich in einer multikulturellen Umgebung und lassen sich emotional bewegen. Durch Identifikation und Empathie wirkt diese TV-Unterhaltung wie eine Schulung ihrer sozialen Intelligenz. Dass man über alles reden soll, gehört zum "heimlichen Curriculum" fast jeder Sendung und Serie. Oft prägen sie auch die Konsum-Wünsche.

Das Versagen von ARD, ZDF und Dritten

Das öffentlich-rechtliche Programm, das vor über vierzig Jahren mit dem "Beatclub" Programmgeschichte schrieb, dann immerhin noch Musiksendungen wie "Formel Eins" aufbot oder in den Diskussionen "Live aus dem Alabama" TV-Talente hervorbrachte, bietet nichts mehr an, was Menschen, die dem "Ki.Ka"-Alter entwachsen sind, irgendwie interessieren könnte. Selbst für einen echten musikalischen Talent-Wettbewerb müssen Interessierte Stefan Raab einschalten.

Aus diesem Versagen resultiert ein keineswegs triviales Problem, das durch Bejammern einer angeblich desinteressierten und unpolitischen Jugend nicht zu beantworten ist. Zu Musik und Moden, Lebensstilen und Abgrenzungen zum Erwachsenendasein, zu moralischen oder gar politischen Fragen - vom Hunger in Afrika über Aids bis zum Klimawandel - gibt es nichts, was in Stilistik und Aufbereitung den Interessen der jungen Altersgruppen entspricht. Die Quotengier für ein "Mainstream-Programm" hat sie im Laufe der Jahre immer mehr zur Seite gedrängt.

Dabei geht es nicht um Jargon-Imitate oder das Nachäffen privater Formate, nicht um Konsumismus oder gar eine aufgesetzte Pädagogisierung des Programms. Gefordert wären Dialog, Kommunikation, Neugier, der Wille zu einem völligen Neubeginn. Sonst können sich ARD, ZDF und Dritte nur darauf verlassen, dass die Zuschauer ihnen schon zuwachsen werden, wenn sie erst einmal älter, gesättigter, etablierter geworden sind.

Wo bleiben die neuen Formate?

Nach Verzweifelung sah der Versuch der ARD aus, Bruce Darnell von ProSieben abzuwerben und ins eigene Programm zu implantieren. Natürlich ging das schief. Wichtig wäre Eigenes, wichtig wäre Geduld. Wie wäre es denn, wenigstens etwas zu versuchen zwischen "logo", das für Kinder geeignet ist, und "Polylux", das Rentnern gefiel, die ihre Enkel verstehen wollten?

Der WDR hat ein Experiment namens "Kanzleramt" rasch wieder gestoppt. Jetzt gibt es das Reportage-Format "Echtzeit", das, wie der nächtliche "Poetry Slam", auf jüngere Zuschauer zielt. Wer die Zahlen kennt, folglich darum weiß, wie sehr den öffentlich-rechtlichen Programmen ihre Legitimation wegbricht, kann sich nur darüber wundern, wie wenig Ideen am Mainzer Lerchenberg und in Hamburg-Lokstedt, am Kölner Appellhofplatz oder in München sprießen. Eigentlich müssten da gerade überall frische Programme erfunden werden.