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Die Medienkolumne: Anne Will - schwammig und strukturlos

Seit der Berliner CDU-Politiker Friedbert Pflüger zum Sturm auf Anne Will geblasen hat, geht alles durcheinander. Die ARD verteidigt entschlossen ihre Talkshow, die SPD solidarisiert sich. Dabei ist die Sendung oft langweilig und muss dringend überarbeitet werden. Eine Klarstellung in neun Kapiteln.

Von Bernd Gäbler

Am Sonntagabend um 21.45 Uhr sprach Anne Will zunächst einmal "in eigener Sache". Der Berliner CDU-Politiker Friedbert Pflüger hatte eine Richtigstellung anwaltlich erstritten. Nicht 60 Mrd. Euro Schulden fand der rot-rote Senat in Berlin bei Amtsantritt vor, wie in der letzten Sendung behauptet worden war, sondern lediglich rund 40 Mrd. Die höhere Summe beziffert den jetzigen Schuldenstand. Anne Will brachte diese Pflichtübung angemessen gelassen hinter sich. Friedbert Pflüger aber hatte ja keineswegs nur diese sachliche Berichtigung gefordert. Dieser Möchtegern-Staatsmann, der sein jungenhaftes Gesicht so gern in Sorgenfalten legt, hat ja vor allem die Absetzung der Talk-Show "Anne Will" gefordert, weil diese politisch einseitig sei und schlecht recherchiere.

Der Skandal-Auslöser

In seinem bisherigen Leben ist Pflüger, der immer ein bisschen wie ein Schülersprecher wirkt, vor allem durch drei Aktivitäten aufgefallen: 1. In seiner Jugend durfte er Richard von Weizsäcker die Aktentasche tragen und hat darüber später ein Buch geschrieben 2. War er mit der Frau verheiratet, wegen der Willy Brandt als SPD-Vorsitzender zurücktreten musste (weil er sie nicht als Parteisprecherin durchsetzen konnte). Margarita Mathiopoulos ist heute sicherheitspolitische Beraterin von Guido Westerwelle (FDP) und war im Gegensatz zu Friedbert Pflüger schon einmal bei "Anne Will" eingeladen. Am Ende der Ehe verklagte Pflüger Frau Mathiopoulos auf Auszahlung einer hübschen Summe, weil sie während der gemeinsam verbrachten Zeit mehr Geld verdient hatte. 3. Hat Pflüger in enger Kooperation mit "Bild" für den Erhalt des Flughafens Tempelhof gestritten und eine Niederlage erlitten. Auch für seine neueste Kampagne wählte er wieder die "Bild"-Zeitung, die ja bekanntlich stets unparteiisch ist und akkurat recherchiert.

Pflügers Forderung, "Anne Will" abzusetzen, ist natürlich absurd, wie ARD-Programmdirektor Günter Struve zu Recht sagte. Richtig bleibt aber, dass nicht nur die von Pflüger monierte Zahl falsch war, sondern auch der Einspielfilm zur rot-roten Wirtschaftspolitik in Berlin, in dem sie vorkam, recht schönfärberisch war. Wenn Struwe nun verkündet, die ARD habe "noch keine Sekunde an der Kompetenz von Anne Will und der inhaltlichen Ausrichtung ihrer Sendung gezweifelt", dann schießt er freilich übers Ziel hinaus. Denn Pflüger hin oder her: Kritisieren kann man die Sendung "Anne Will" mit Fug und Recht: Die Sendung ist in den letzten Monaten nicht besser geworden.

Die Themen

"Bespitzelt, verliehen, unterbezahlt - Vollbeschäftigung um jeden Preis" (6.April); "Gierig, maßlos arrogant - die Elite am Pranger" (4.Mai) - so betitelt Anne Will ihre Sendungen, mindestens so reißerisch wie einst Sabine Christiansen. Nur das Fragezeichen fehlt. Darum schwanken die Aussagen von Woche zu Woche zwischen Katastrophe und Beschwichtigung: "Hungern muss hier keiner - ein Land redet sich arm" hieß es am 25.Mai, und positiv wurde auch am Sonntag formuliert: "Job-Macher statt Spitzel-Bande - Deutsche Manager besser als ihr Ruf". Das Problem bei all diesen Titeln ist allerdings die Tendenz zur Verallgemeinerung und zum Unspezifischen. Selbst wenn ein aktueller Aufhänger vorhanden ist, geht es bei "Anne Will" meist in die Breite, selten in die Tiefe. Kaum etwas wird konkretisiert, vieles zerredet. Die Sendungen könnten auch genauso gut "Soziales", "Manager" oder "Rot-Rot" heißen.

Die Gäste

Es bleibt dabei: Anne Wills Gäste sind selten Entdeckungen, und die Konstellationen sind oft nicht interessant genug. Es reicht eben nicht, innerhalb kürzester Zeit (6. April; 1. Juni) zweimal Oskar Lafontaine einzuladen, damit etwas Stimmung in die Bude kommt. Allzu voraussehbar ist das Tableau: Geht es um die Rente, kommt Ottmar Schreiner (SPD); Guido Westerwelle (FDP) darf mit dem sozial geläuterten CDU-Oldie Heiner Geißler streiten; zwei gleichrangige Ministerpräsidenten, Beckstein und Wowereit, dürfen die Klingen kreuzen. Zudem kommen viel zu viele Verbandsvertreter. Selbst wo Originalität verheißen wird, stimmt dies nicht: zur "Elite" darf selbstverständlich Jung-Autorin Julia Friedrichs sprechen, die zuvor schon alle Talkshows durchlaufen hatte, und die scheinbare Talk-Show-Entdeckung, der Endemol-Manager Boris Brandt, hatte zuvor bei Plasbergs "Hart aber fair" bewiesen, dass er argumentieren kann.

Zwar gibt es schon mal ein schön deftiges Zitat, wie das vom SPD-Grantler Thilo Sarrazin, der die Idee seiner Partei, Managergehälter zu begrenzen "eine lustige Nummer" nannte; aber einen nachhaltige Wirkung auf aktuelle politische Diskurs übt die Sendung "Anne Will" selten aus. Oft stimmt es auch nicht so ganz mit der Besetzung: Wenn z.B. über die Haltung der SPD zur Partei "Die Linke" gestritten werden soll (wie am 1.Juni), braucht man dazu eigentlich Andrea Nahles. Die aber saß bei Plasberg. "Anne-Will"-Gast Klaus Wowereit dagegen bot nichts Überraschendes. Wenn über deutsche Manager gestritten werden soll, wie am 8. Juni, reicht es einfach nicht, wenn außer Politikern nur ein längst ausrangierter ehemaliger TV-Manager aus Österreich und ein Verbandslobbyist diskutieren. War denn wirklich keiner aus der Liga der Crommes, Bernotats und Wiedekings zu bekommen? Dann muss eine Redaktion eben auch mal das Thema ändern.

Das Menschensofa

Damit sollte ein wesentlicher Unterschied zur Vorgängersendung "Sabine Christiansen" markiert werden. Kein Salon der Oberklasse sollte da elegant über den Rest der Menschheit plaudern, sondern der Bezug zum Alltag, zum Leben von Otto Normalverbraucher sollte stets präsent sein. Auf dem Konzeptpapier am grünen Tisch mag sie noch gut ausgesehen haben, die Idee, den Betroffenen ein besonderes Forum zuzuweisen, sie nicht untergehen zu lassen in der allgemeinen Rede-Runde. In der Realität der Sendung ist das "Menschensofa" längst gescheitert. Nur Trotz hält die Redaktion noch davon ab, aus dieser Einsicht auch die richtige Konsequenz zu ziehen und das Ding abzuschaffen.

Unglücklich ist oft auch die Besetzung. Kaum fordert ein naseweiser RCDS-Jüngling das doppelte Wahlrecht für Arbeitende, schon darf er aufs Sofa. Zum Thema "Armut" (27.April) kommt die nette Gründerin der "Dresdener Tafel"; die "Renter-Republik" (20.April) darf die liebe 99-jährige Oma Elli untermalen - beide wären im geriatrischen Talk von Sandra Maischberger besser aufgehoben gewesen. Und wenn einem gar nichts mehr einfällt, ist immer Pfarrer Bernd Siggelkow in der Nähe. Seine "Arche" ist bundesweit das Projekt mit der besten PR. Für jede Redaktion ist diese Einladung mit dem geringsten Rechercheaufwand verbunden.

Der Ablauf

Niemand bestreitet, dass Anne Will eine erfahrende Journalistin ist. Sie bemüht sich auch stets darum, gefasste Lockerheit zu demonstrieren und Freundlichkeit mit zupackenden Fragen zu kombinieren. Dennoch wirkt ihre Rede oft schlicht kontur- und strukturlos. Ihr gelingt es nicht, ihrem Publikum den Ablauf der Sendung plausibel zu machen. Oft fragt man sich: "Warum stellt sie jetzt diese Frage zurück und bearbeitet erst einmal ein anderes Thema?" Warum unterbricht sie die Debatte, wenn es spannend wird und lässt sie laufen, wenn sie ohnehin nichts mehr hergibt? Am Sonntag durfte der Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser eine Zeit lang den saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU) als "Systemveränderer" beschimpfen, ja sogar zu absurden Nazi-Vergleichen greifen, ohne dass die Moderatorin diesen Unfug unterband.

Man weiß nie: Was ist Ausnahme, was Regel? Wann handelt es sich um ein typisches Beispiel, wann um einen nicht verallgemeinerbaren Einzelfall? Gestern waren sich nach 18 Minuten alle Beteiligten einig, dass die Verfehlungen der Manager "Einzelfälle" seien, nur Frau Engelen-Kefer schob noch nach, dass es aber ganz schön "viele Einzelfälle" seien. Ab da ging es ins Klein-Klein. Das Hin-und-Her ist für den Zuschauer oft nicht nachzuvollziehen. Vielleicht ist Anne Will ja auch übermotiviert und hinter ihrer freundlichen Fassade zu angespannt. Früher einmal hatte sie die gelassene Haltung: "Ist doch nur Fernsehen". Davon wünschte man ihr jetzt mehr.

Will hat eine berechtigte Scheu davor, zu kleinteilig zu werden, ihre Moderation zielt darum oft aufs Große und Ganze, wird aber gerade dadurch oft auch schwammig. Die Einspielfilme der jüngsten Sendung zeigten wieder einmal nur "olle Kamellen": die Bespitzelungen bei Lidl und die Bestechung von Gewerkschaftern. Regelmäßig sind diese Filmchen nicht konkret genug, um der Debatte neues Futter zu geben. Viel mehr Varianten, ihre Sendung auch vom Tempo her abwechslungsreich zu gestalten - von nachdenklich bis blitzschnell -, hat sie aber nicht. Daher ist die Sendung "Anne Will" immer wieder schlicht langweilig.

Die redaktionelle Lei(s)tung

Von ihrem neuen Redaktionsleiter Andreas Schneider hat sich Anne Will viel versprochen. Der alte Bekannte aus ihren ersten Fernsehtagen in Berlin scheint aber vor allem als moralische Stütze wichtig zu sein. Es unterschätze niemand, wie schwer es ist, plötzlich so sehr im Sturmwind der Kritik zu stehen. An der Sendung hat sich leider freilich wenig geändert. Wann einmal kommen Fakten, die wirklich überraschen oder gar weiterführen? Bei Frank Plasberg war jüngst zum Beispiel noch einmal schön zu sehen, wie die junge Andrea Nahles auf dem SPD-Parteitag agierte, der zum Sturz des Parteivorsitzenden Rudolf Scharping führte. Allein ihren Jubel beim Wahlsieg Oskar Lafontaines noch einmal vorgeführt zu bekommen, war schon die halbe Sendung wert. Auch der alte Vorwurf, die Moderatorin habe Fakten nicht präsent, bleibt berechtigt. Bei "Anne Will" fehlt es offenbar weiterhin an einer erfahrenen, auch im Detail kenntnisreichen Führung, die bei jeder Sendung weiß, was sie gerade heute von wem wissen will und die ihre Mitarbeiter auch zu Recherchen in die Tiefe motivieren vermag.

Der Vergleich mit Christiansen

"Sabine Christiansen" wirkte wie ein Salongespräch. Die Elite reflektierte über das Volk. Welche Reformen sind nötig, welche zumutbar? Wer etwas auf sich hielt, nahm die Einladung gerne an. Die Gastgeberin stellte Mikrofone und Räumlichkeiten zur Verfügung. Ihr schien es eher um ihren Society-Status als um den Journalismus zu gehen. Aber die Sendung war eine Institution. Sie schien fast schon die eigentliche Politik zu ersetzen. Demgegenüber stellt "Anne Will" eine erfreuliche Normalisierung dar. Hier sollte nun wirklich diskutiert werden, sogar mit Bezug zu normalen Menschen - allerdings geht es immer noch reichlich durcheinander. Bis in die Themenstellung hinein schwanken Redaktion und Moderatorin zwischen Knalleffekt und Ernst, Schnellschuss und Allerlei. Sabine Christiansen war Teil jener Gesellschaft, die gegen "Anne Will" nun politisch mobil macht. Schon aus Gründen der Selbstachtung muss die ARD diese Angriffe zurückweisen. Sie muss aber noch zeigen, ob sie in der Lage ist, dies auch ohne Wagenburgmentalität zu tun.

Der Vergleich mit Plasberg

Die ARD hat das Luxusproblem über zwei politische Talk-Formate zu verfügen. Nach Abzug aller Startschwierigkeiten zeigt sich, dass Frank Plasberg in diesem Genre einfach der routiniertere Journalist ist. Er hat seine Runde im Griff. Möglicherweise könnte Anne Will den gepflegteren Radio-Talk führen, die bessere Fernsehsendung macht Plasberg. Natürlich ist auch bei ihm nicht alles Gold, was glänzt. Jüngst z.B. hatte er das populäre Thema "Schönheitswahn" aufgelegt. Viel Tiefegang war da nicht, plötzlich wollte er aber unbedingt einen windigen Schönheitschirurgen früherer Missetaten überführen. Ein Nebenstrang geriet zur Hauptsache, die Sendung lief aus dem Ruder. Aber in der Regel hat "Hart aber fair" eine nachvollziehbare Dramaturgie und ist - durch Einspielfilme, Einzelbefragung oder Publikums-Feedback - bedeutend variantenreicher als "Anne Will". Die Redaktion arbeitet einfach prima, entdeckt vieles wieder und manches neu und vor allem: sie liebt die Fakten. Das liegt sicher auch daran, dass Frank Plasberg Team und Sendung über einige Jahre im Dritten Programm erproben, formen und weiterentwickeln konnte. Völlig unabhängig von den Quoten und Marktanteilen ist "Hart aber fair" einfach die bessere Sendung. Als sie die Wahl zwischen Plasberg und Will trafen, haben die ARD-Oberen schlichtweg falsch entschieden.

Resümee

Die politischen Angriffe von Friedbert Pflüger auf die Sendung "Anne Will" führen kurzfristig zu einem paradoxen Ergebnis: ihre Position ist vorerst gefestigt. Der ARD ist es jetzt schlechterdings unmöglich, z.B. am Sendeplatz kurzfristig etwas zu verändern. Das würde nach Einknicken aussehen. Dennoch ist die Sendung nicht gut, ja oft geradezu langweilig. Es gibt massiven Reformbedarf. Frank Plasbergs "Hart aber fair" ist besser, lebhafter und vielfältiger. Zumal wenn sie die Sommerpause nicht zu kraftvollen Veränderungen nutzt, wird Anne Will von nun an mit dem Gefühl leben müssen, den Sendeplatz am Sonntag vor allem deswegen behalten zu dürfen, weil die große, staatsferne und unabhängige ARD dem kleinen Berliner Oppositionspolitiker Friedbert Pflüger nicht nachgeben kann.