Die Medienkolumne Nabelschau statt Tagesschau


Medien sind sich selbst am nächsten. Sie verweisen auf sich selbst. Inzwischen glauben aber viele Programmverantwortliche auch, es sei besonders raffiniert, schon in den Nachrichten auf das eigene Programm Bezug zu nehmen. So wird Schritt für Schritt die Welt kleiner.
Von Bernd Gäbler

Der Programmhinweis als Programm. Wann immer in einem "TV-Movie" von Sat.1 die Rolle eines typischen Journalisten zu vergeben ist, muss inzwischen der hauseigene "Anchorman" Thomas Kausch ran. Stefan Raab ist ein Meister in der Kunst, sein Programm zu weiten Strecken mit Vor- und Nachbereitungen eigener oder befreundeter ProSieben-Unterhaltungssendungen zu bestücken. Wenn das Kulturmagazin west.art des WDR die Idee hat, lokale Künstler zu "Sommerinterviews" zu bitten, beginnt die Serie mit dem lustigen WDR-Kabarettisten Herbert Knebel. Zeigt dasselbe Magazin ein Autorenporträt von der Lit.Cologne, dann natürlich die schreibende WDR-Kollegin Christine Westermann. Für viele Show-, Rate- und Rede-Sendungen scheint es einen Pool von etwa fünfzig bis hundert Leuten zu geben, aus dem sich die Redaktionen wechselseitig bedienen, Hauptsache Andrea Kiewel, Susanne Fröhlich, Barbara Schöneberger oder Hellmuth Karasek sind mit von der Partie.

Das ist ein alter Hut. Das Fernsehen ist eben selbstreferentiell. Es nimmt Bezug auf sich selbst. Es erscheint wie ein hermetisch abgeschlossenes System, das sich permanent selbst Antworten gibt, ohne Fragen zuzulassen. Für die Unterhaltung verspricht diese Spekulation auf das Gewohnte und Erwartete eine gewisse Quotensicherheit. Das Publikum kann sich wiegen in einer sicheren Geborgenheit im Ritual. Soweit - so zwar nicht gut, aber auch nicht schrecklich.

Nachrichten sind auch nur Fernsehen.

Wer dem traditionellen Journalismus noch einigermaßen nahesteht oder gar eine entsprechende Ausbildung genossen hat, glaubt indes immer noch, zwischen Unterhaltung und Nachrichten solle es eine fundamentale Differenz geben. Denn die Nachrichten sollen ja doch wohl Informationen vermitteln aus der Welt da draußen, womöglich noch redaktionell vorsortiert nach Bedeutung. Aber auch da mehren sich irritierende Anzeichen. Plötzlich darf der Schriftsteller Frank Schätzing im "heute-journal" einen Kommentar zur Ökologie sprechen. Warum? Weil er als Moderator durch die aufwendig produzierten dokumentarischen Zukunftsprojektionen des ZDF führt. Das ist anzukündigen.

Dass die ARD-"Tagesschau" auf das Thema von "Sabine Christiansen" verweist, ist inzwischen selbstverständlich. Der WDR blendet mittwochs in die Ausstrahlung der "Tagesschau" das anschließende Thema von Frank Plasbergs Politik-Talk "Hart aber fair" ein. Die ARD-"Tagesthemen" halten es für eine wertvolle Meldung, die Neubesetzung des ARD-"nachtjournal" zu verkünden. Wenn sich die Sendung von Maybrit Illner ein wenig verändert, ist das dem "heute journal" sogar eine Live-Schalte wert. Wenn ein Politiker im "Morgenmagazin" eine erwartbare Aussage macht - also zum Beispiel Verteidigungsminister Franz Josef Jung erklärt, dass der Einsatz von Tornados in Afghanistan keine Kriegshandlung sei -, dann wird dies liebend gerne sofort als "exklusive Meldung" in die nächste Nachrichtensendung eingebaut.

Immer mehr Programmgestalter setzen auf den Glaubwürdigkeitsbonus der Nachrichten, um gerade diese Fläche für Verweise auf das eigene Programm zu nutzen. Vermutlich gilt all das als raffiniert. Es dient ja nur dem "audience flow". Die Nachrichten werden so zum quotenstärksten Programmhinweis. Die Konsequenz aber ist fragwürdig. Am Ende wird der Ausblick auf die Welt kleiner.

Nestbau gegen Globalisierung.

Man kann gerne sagen, dass sei alles noch keine Katastrophe. Stimmt. Aber es geht um den Trend. Spürbar wird die Nachrichtenverzerrung zur Zeit vor allem beim Sport. Während sich bei RTL alles um den Start in die "Formel 1"-Saison drehte, musste man im ZDF den Eindruck gewinnen, ein Boxkampf von Luan Krasniqi (die Übertragungsrechte lagen beim ZDF) sei das bedeutendste Sportereignis des Wochenendes. So propagiert eben jeder seins.

Und wie steht es um ernstere Themen? Die entfernte Welt kommt im Fernsehen immer häufiger als Natur- oder Reisefilm vor, aber immer seltener als Nachricht. Dies entspricht anderen Beobachtungen: Die Zahl der Literatur-Übersetzungen geht dramatisch zurück. Viele Medienwissenschaftler sind begeistert über den dominierenden Trend zur Community-Bildung in der Kommunikation. Aber das sind oft auch fein gepflegte Vorgärtchen von Gleichgesinnten - nicht Öffnungen zur Welt, sondern hübsch abgezirkelte Datenkäfige. Eine Antwort auf die oft als unüberschaubare Drohung empfundene Globalisierung scheint in Nestbau und Nabelschau zu liegen.

Man sollte den Nachrichten auf die Finger schauen, ob sie dem nicht zu sehr nachgeben. Oder anders gesagt: Überzeugt davon, dass gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinem sachlichen Auftrag nachkommt, wären wir, wenn es jetzt endlich ein starker Sender wagen würde, zur besten Sendezeit eine Dokumentation oder einen Themenabend zum Völkermord in Darfur zu zeigen. Für Information, Mitleid und Hilfe ist es höchste Zeit.


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