Die Medienkolumne Nobelpreisträger funktionieren nicht


Erst Physik, dann Chemie. Endlich wieder deutsche Nobelpreisträger. Die Nachrichten waren voll, die Politiker stolz - aber im Fernsehen? Da saßen halt zwei nette Opis auf einem Sofa. Wie an einem Modell war zu studieren, wie das Medium an manchen Inhalten scheitert.
Von Bernd Gäbler

Gefeiert und Geehrt. Nein, das war ehrlich. Wir haben uns wirklich alle gefreut. Die Fernsehmacher auch. Es war richtig schön, dass deutsche Forscher wieder einmal den Nobelpreis bekamen. Und dann gleich zwei in einer Woche. Das Interesse war da: an den Geehrten wie an deren Arbeit.

Was kann das Fernsehen zeigen?

Am Tag der Bekanntgabe der Nobelpreise sehen wir: jubelnde Mitarbeiter, ein Glas Sekt in der Hand. Eine kurze Ansprache, ein bisschen O-Ton. Wie haben Sie es erfahren? Der eine hat es schon ein wenig geahnt, sah dann die schwedische Nummer auf dem Display. Der andere hat es ein wenig gehofft, sagt aber, wenn er sicher gewesen sei, hätte er ja eine Krawatte angezogen. "Da wird der Hund in der Pfanne verrückt", hat die Ehefrau gesagt. Nein, von dem, was ihr Mann da so forsche, verstehe sie nichts. Das ist alles wunderbar, auch im Fernsehen. Natürlich ist das der Höhepunkt jedes Forscherlebens.

Sogar ein paar Tränen habe er vergossen, gibt der eine zu. Jetzt muss er einen Ersatz-Cellisten finden, denn am Tag der Preisvergabe sollte er mit seinem Orchester auftreten. Am Ende der Interviews wird jeweils gefragt, wie der Preisträger noch den Tag verbringe oder wie noch gefeiert werde. Nur wenige Interviewer erkundigen sich vorsichtig, wofür das Preisgeld verwendet werde. Das ist alles wunderbar, von souveräner Freundlichkeit, ein wenig anrührend. Das Menschliche - das kann das Fernsehen.

Die Gratulanten.

Bei dieser Unmittelbarkeit bleibt die Informationsvermittlung aber selbstverständlich nicht stehen. Schon drängeln sich Gratulanten ins Bild. Die Kanzlerin, ganz Naturwissenschaftlerin, macht es sachlich. Sie ist erfreut. Als Politikerin, ganz taktisch, ist sie klug genug, jeden Anschein von Instrumentalisierung zu meiden. Sie steckt sich keine Feder an den Hut. Anders die Wissenschaftsministerin. Dann kommt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der in seiner Jugend einmal Forschungsminister war. Er strahlt wie ein Honigkuchenpferd, platzt fast vor Stolz und tut, als habe er die Forschungsstätte in Jülich mit eigener Hand erbaut.

Dann werden auch schon Hintergründe beleuchtet und Schlussfolgerungen gezogen - mindestens hin zur Forschungslandschaft, wenn nicht in die Bildungslandschaft insgesamt. PISA und Nobelpreise - wie geht das zusammen? Eben noch waren sie ganz und nur Mensch, jetzt sind die Nobelpreisträger als Forscher-Individuen schon uninteressant. Es geht um Strukturen. Wir erfahren, dass sie ganz schön außeruniversitär geforscht haben.

Die Sache selbst.

Irgendetwas mit Oberflächen und Widerständen. Versteht sowieso kein Mensch. Nur ja nicht die Preisträge selber erklären lassen. Die verdaddeln das immer, verdribbeln sich, machen es zu kompliziert, finden kein Ende mehr. Nein, da gibt es rasch ein paar eingängige Zusammenfassungen von den Agenturen. Das machen wir schnell per Einspielfilm. Die Wissenschaftsredaktion schaut dann noch mal drüber. Was mit "Katalyse" macht der eine, da kann man doch gut was mit Autos und Ozonloch dranhängen.

Gefragt werden die Nobelpreisträger nicht zu ihrer Sache, sondern ob ihr Tun auch nützlich sei. Zum Glück ist es das. Zum Glück hat kein Deutscher den Nobelpreis für Mathematik bekommen oder einfach so Grundlagenforschung betrieben. Wer erinnert sich noch an den armen Prof. Reinhard Selten. Der hatte den Nobelpreis als Wirtschaftswissenschaftler bekommen für irgendwas mit Spieltheorie - damals musste er dann in den Talk-Shows immer Schnick-Schnack-Schnuck oder Mau-Mau spielen. Hatte nicht Neill Postman was über die Infantilisierung durch Fernsehen geschrieben?

Auf dem Sofa.

Diesmal ging es etwas freundlicher, etwas würdiger zu. Unsere beiden Nobelpreisträger wurden sogar in die exponierteste deutsche Gesprächsendung, zu Anne Will am Sonntagabend eingeladen. Dort durften sie nebeneinander auf dem weichen Sofa Platz nehmen: Prof. Gerhard Ertl, zuletzt Direktor des Berliner Fritz-Haber-Instituts und Prof. Peter Grünberg von der damals noch "Kernforschungszentrum Jülich" genannten Einrichtung. Die Gastgeberin bemühte sich sogar zu ihnen und fragte freundlich nach der Bildungsbiografie, was nicht uninteressant war. Ihnen wurde gerne applaudiert.

Obwohl es sich im Kern um eine Diskussionssendung handelt, waren sie aber nicht eingeladen als Diskutanten. Sie durften oder sollten sich in die folgende Bildungs-Diskussion lieber nicht einmischen. So saßen sie denn da, auf dem Sofa: zwei nette, ältere Herren, zwei freundliche Opis, deren Gesichter gelegentlich für einen Zwischenschnitt gut waren. Sie zierten die Sendung als seien sie die Gummibäume auf einer doch eigens für sie ausgerichteten Feier. Sie waren vor allem Deko.

Was wagt das Fernsehen?

Man stelle sich folgendes vor. Ein Sender beschließt: Wir müssen die beiden Nobelpreisträger doch umgehend den Fernsehzuschauern vorstellen. Wir müssen informieren, was der Inhalt ihrer Forschungsarbeit ist. Daran dürfte es jetzt ein Interesse geben. Das fordert allerdings den Zuschauern etwas ab. Wir werden beide umgehend zu einem Gespräch bitten. Es sollte mindestens eine halbe Stunde dauern. Ein kundiger Wissenschaftsjournalist wird sie befragen. Die Redaktion wird ab sofort Ideen erarbeiten, wie wir die beiden Forscherpersönlichkeiten vorstellen und ihre Arbeit verständlich machen können. Es wäre eine Sensation. Aber nein, so funktioniert Fernsehen nicht. Stattdessen ist es schnell, populär, etwas sentimental und zutiefst davon überzeugt: "Nobelpreisträger funktionieren nicht". Vermutlich stimmt diese Selbsteinschätzung.


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