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Dieter Hildebrandt: Der sozialdemokratische Stotterer

Er ist Deutschlands bekanntester politischer Kabarettist. Kein anderer im Fernsehen kann so gut stottern wie er. Jetzt wird Dieter Hildebrandt 80 - und denkt nicht daran, sich mit dem Altern zu beschäftigen.

Von Gerda-Marie Schönfeld

Vor vielen Jahren saß ich mit Dieter Hildebrandt in einem Hamburger Restaurant. Der Wirt, begeistert von seinem prominenten Gast, tischte Hummerkrabben auf, Wachteln und feinsten Wein. Alles aufs Haus, sagte er. Der Gast, verlegen ob dieser üppigen Aufmerksamkeiten, wollten dann doch lieber bezahlen. "Ach lassen Sie nur, Herr Hildebrandt", sagte der Wirt, "ich sehe seit Jahren Ihre Sendung und zahle auch keine Fernsehgebühren." Allein schon für diese Pointe hat er sich dann gerne einladen lassen.

Am Mittwoch, 23. Mai, wird er achtzig. "Nie wieder achtzig" heißt denn auch sein jüngstes Buch, das, wie alle seine Bücher, prompt auf der Bestseller-Liste steht. Der Mann ist einfach ein Phänomen. Neulich, in der Berliner Akademie der Künste, ist der Saal, wie immer bei ihm. Knallvoll. Manche sitzen noch auf den Treppen. Hildebrandt liest seine Lieblingsstückchen über sein Bayernland.

Früher Strauß, heute Stoiber

Früher war es der CSU-Chef Franz-Josef Strauß, den er hingebungvoll niedermachte, der gab ja auch wirklich was her. Jetzt ist es Stoiber und die gschlamperten Verhältnisse im Land, wo man immer damit rechnen muss, "dass jemand Kinder hat, die er vorher nicht hatte, Frauen, die man nicht kannte, Gelder, die sich bei ihm verirrt hatten... Frauen, die in falschen Betten angetroffen werden". - "Es gibt gegen euch alle was", habe die Strauß-Tochter Monika einmal gezischt, und darum verlaufen die politischen Abschüsse in Bayern meist unterhaltsamer als anderswo.

Das Publikum, meist mittleren Alters, applaudiert begeistert. Sie sind mit ihm groß geworden. Sie sind mit ihm älter geworden. Und noch immer lieben sie seine verlässlichen Pointen. Er gehört irgendwie zur Familie. Gut schaut er aus, wie er da lässig auf der Bühne sitzt, ein Mann mit Stil und Charme und einem großen Herzen, das stets zu haben ist für die Rettung des Kopfsteinpflasters oder der Demokratie als solcher. Früher, sagt er, habe er gutmütig fast jede Resolution unterschrieben, die ihm unter die Nase gehalten wurde. Bis ihm auffiel, dass so eine Unterschrifteninflation an Wert verliert. Seither ist er wählerischer. An Frauen schätzt er "Temperament, Verstand und eine tiefe Stimme". Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er die schöne Kabarettistin Renate Küster.

Eine typisch deutsche Jugend

"Ausgebucht" hieß Hildebrandts letzter Bestseller. Das gilt auch für sein Leben. Einen wirklichen Karriereknick gab es nie. Vorausgegangen ist dem kein frühes Talent, sondern eher eine typisch deutsche Jugend: Geboren 1927 im schlesischen Bunzlau, Vater Beamter und deutschnational, Mutter Mutter, der Sohn bei Kriegsende ein dünner deutscher Soldat, der unbedingt Schauspieler werden wollte. Noch heute steht im Münchner Telefonbuch hinter seinem Namen: Schauspieler.

Seine Karriere begann, als ihm seine damalige Schauspiellehrerin beschied, er sei als "Liebhaber nicht schön und als Charakterschauspieler nicht gut genug".

So wurde er Kabarettist. Erst in der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft", dann in den ZDF-"Notizen aus der Provinz", schließlich im SFB-"Scheibenwischer". Politisches Kabarett ist seit jeher eine Kunstform mit begrenzter Kundschaft. Gottschalk-Einschaltquoten sind da nicht zu holen. Und dennoch wurde er der Star unter den Kabarettisten. Er ist es bis heute. Seit mehr als vierzig Jahren haspelt, stolpert, schusselt er sich witzig, melancholisch und manchmal unerbittlich sozialdemokratisch durchs Fernsehprogramm. Keiner kann so anmutig stottern wie er. Im Fernsehen. Privat, behauptet Hildebrandt, sei er ein Langweiler, unfähig, Witze zu erzählen, eine komplette Party-Null.

Er ist, auch das mögen seine Fans, ein beständiger, wenn auch kritischer Sympathisant der SPD. Dies aus der Erkenntnis heraus, "dass diese Partei eben nicht mit der Faust auf den Tisch hauen kann, wenn sie ihre Finger überall drin hat." In der Monatszeitschrift "Cicero", die jüngst die 500 führenden Intellektuellen des Landes kürte, findet sich Dieter Hildebrandt auf Platz 16. Sein nagelneues Buch "Nie wieder achtzig!" eilte fast aus dem Stand in der aktuellen "Spiegel"-Bestsellerliste auf Platz vier. "Das Altern lässt mich doch recht kühl" schreibt er, und man ist wirklich verführt, ihm das zu glauben. Auch dazu herzlichen Glückwunsch!