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50 Jahre "Lach und Schieß": "Wähl den, der lügt"

Dieter Hildebrandt kam trotz Grippe, auch Christian Ude war da und ungefähr 500 weitere Gäste, um bei getrüffelten Spaghetti und Wildpastete eine Münchner Institution zu feiern: ein halbes Jahrhundert "Lach- und Schieß".

Von Rupp Doinet

Es ging ihm nicht besonders gut, an diesem Dienstagabend, eine Erkältung, das Alter und überhaupt. Er hatte seinen Doktor mitgebracht, für alle Fälle. Aber dann stand Dieter Hildebrandt, 79, im Münchner Lustspielhaus plötzlich doch auf der Bühne, um der Menschheit "zum wiederholten Male mitzuteilen, dass wir vor 50 Jahren entstanden sind" - ein halbes Jahrhundert Münchner Lach- und Schiessgesellschaft, Deutschlands berühmtestes Kabarett.

Nichts war mehr mit Bronchien, Alter und Notarzt. Da sprach ein Mann, gedankenschnell, pointensicher und selbstironisch, dem fünf Jahrzehnte harte Arbeit und beißender Spott am politischen und gesellschaftlichen deutschen Wesen nichts von seinem Elan genommen haben. Um ihn herum saßen bei getrüffelten Spaghetti und Seeteufel oder Wildpastete, oder Rinderfilet oder graved Lachs so um die 500 geladene Gäste, die Treu-esten der Treuen der "Lach und Schieß", wie sie unter Freunden genannt wird. Garderobieren waren dabei, Kellnerinnen, Musiker, der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, der selbst ein wenig kabarettisiert, lauter Menschen, die wissend lachten, als Dieter Hildebrandt in alten Zeiten schwelgte und den "großen Erfolgen" des politischen Kabaretts in Deutschland. Der Helmut Kohl zum Beispiel sei schließlich schon nach 16 (sic!) Jahren abgewählt worden.

Angefangen hat das alles im "Schwabinger Stachelschwein", als Dieter Hildebrandt, abgebrochener Student der Theaterwissenschaften und Sammy Drechsel, lendenfroher Sportreporter mit legendärer Schnodderschnauze, das neue Kabarett gründeten. "Denn sie müssen nicht, was sie tun" hieß das erste Programm, mit dem die Lach- und Schiessgesellschaft am 12. Dezember 1956 im "Mutti Bräu" an die Öffentlichkeit ging.

Doch die wollte davon wenig wissen. Ein paar Vorstellungen später saßen gerade mal bis zu drei Zuschauer im Publikum, ganze Familien, nämlich "Papa, Mama und Sohn", wie sich Hildebrandt durch einen Spalt im Vorhang vergewisserte, der mit Ursula Herking, Klaus Havenstein und Hans J. Dietrich zum Ensemble der ersten Stunde gehörte. Wobei das anfangs ge-ringe Interesse an dem neuen Kabarett möglicherweise auch damit etwas zu tun hatte, dass Münchens Taxifahrer ihre Kunden gerne zur vertrauten "Wach- und Schließgesellschaft" chauffierten, weil sie mit "Lach und Schieß" nichts anzufangen wussten.

Das änderte sich mit dem zweiten Programm: "Bette sich, wer kann" traf direkt ins Münchner Herz und Hirn. Von da an waren alle 130 Plätze im Mutti Bräu fast jeden Abend ausverkauft. Die "Lach und Schieß" wurde Kult, auch dank der Titel ihrer Programme und Beiträge, die mit Worten und Gefühlen spielten, lange bevor sich höchstbezahlte Werbeagenturen darum mühten: "Im gleichen Schrott und Trott", "Der Widerspenstigen Lähmung", "Wähl den, der lügt", "Von Menschen mit Mäusen", "Warten auf Niveau". "Die drehbare Dirne". Der Rundfunk kam, das Fernsehen und schließlich baten Hoteliers und Gastronomen Ende der 60er Jahre in einem gemeinsamen Brief an das Bayerische Fernsehen inständig darum, das Quartett mit der traditionellen Silvestersendung nicht erst um 20 Uhr auszustrahlen. Die Gäste kämen erst gegen elf zum Essen und das sei ein Problem.

Die Silvestersendung mit der Lach- und Schiessgesellschaft gibt es nicht mehr, dafür aber sind im ehemaligen und längst umgebauten "Mutti Bräu" inzwischen manchmal ein paar Plätze frei, wenn das Ensemble spottet und feuert. Das Geschäft ist schwieriger geworden. Die Deutschen haben sich offenbar an politische Skandale gewöhnt, an Ministerpräsidenten, wie den bayerischen Landesvater Stoiber höchst selbst, der sich mit Reden über die Hinrichtung von Blumen, "Problem- sowie Schadbären" oder das Wesen des Transrapids als solchem selbst zum Gespött machte und an schenkelklopfende Comedians, deren flache Witze mühelos jedes Niveau untertunneln.

Was Dieter Hildebrandt und Sammy Drechsel vor einem halben Jahrhundert begonnen haben, wird nun von Sonja Kling, Ecco Meineke, Thomas Wenke und Ulf Goerke (Regie) fortgesetzt. Sie haben es nicht leicht, werden immerzu an ihren genialen Vorbildern gemessen. Doch ihr neues Programm "Verlängert" knüpft fast nahtlos an die besten Zeiten der "Lach und Schiess" an. Sogar bei den Kritikern, die Sonja Kling zur "Sophia Loren unter den Liesl Karlstadts" kürten. Mehr geht nicht. Liesl Karlstadts war die ebenbürtige Partnerin von Karl Valentin dem größten aller Münchner Komödianten urbi et orbi.