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Abrisshaus in München: Mehmet Scholls Einsatz in vier Wänden

Die Sportfreunde Stiller und Mehmet Scholl kämpfen für bezahlbare Mieten: Mit anderen Prominenten haben sie in einer Guerilla-Aktion eine vom Abriss bedrohte Wohnung renoviert. Mit erstem Erfolg.

Von Jens Maier

Eine verwitterte Fassade, morsche Holzbalkone und kaputte Rollläden: Das giftgrüne Haus in der Müllerstraße 6 im angesagten Münchner Glockenbachviertel wirkt wie aus der Zeit gefallen. Zwischen sanierten Altbauten und Glasfassaden rottet der schäbig anmutende Klotz seit Jahren vor sich hin. Die zehn Wohnungen stehen fast alle leer. Wer will da schon einziehen?, werden sich Menschen aus Hildesheim, Ratingen oder Halle denken. So scheint es logisch, dass die Stadt München das Gebäude durch einen Neubau ersetzen will. Doch unter dem Motto "Erhalten statt Abreißen!" haben sich mehrere Prominente zusammengetan und mit einer Renovierungsaktion ein Exempel statuiert.

Die Sportfreunde Stiller, die Kabarettisten Dieter Hildebrandt und Luise Kinseher, Regisseur Marcus H. Rosenmüller, Ex-Fußballer Mehmet Scholl und Mitglieder der Bands Moop Mama und Blumentopf wollen beweisen, dass die Wohnungen - anders als von der Stadt behauptet - ohne großen Aufwand zu renovieren sind. Als Gorillas verkleidet haben sie eines der Appartements in dem Abrisshaus gestürmt und sich an die Arbeit gemacht. Mit Pinsel und Werkzeugkoffer bringen sie Wohnzimmer, Küche und Bad auf Vordermann - mit erstaunlichem Ergebnis. "Eine Wohnung, nach der sich zehntausende Münchner Wohnungssuchende die Finger lecken würden", heißt es dazu auf der Homepage der Aktion. In der Tat sieht die einstige Abrisswohnung in der obersten Etage jetzt einladend und freundlich aus.

Renovierung hat nicht mehr als 3500 Euro gekostet

"Die Renovierung hat insgesamt eine Woche gedauert und nicht mehr als 3500 Euro gekostet", sagt Christian Ganzer von der Initiative "Goldgrund", die das Projekt initiiert hat. "Wir sind ein Kunstprojekt und setzen uns auf satirische Weise für bezahlbaren Wohnraum in München ein", erklärt der 44-Jährige, der hauptberuflich für die Lach- und Schießgesellschaft arbeitet. Die Idee zu der Aktion habe der Münchner Künstler Till Hoffmann gehabt. "Er musste keine lange Überzeugungsarbeit leisten, um die Sportfreunde, Dieter Hildebrand, Mehmet Scholl und viele andere dafür zu begeistern", sagt Ganzer. Die Fakten sprächen für sich.

Das Haus in der Müllerstraße 6 steht seit 15 Jahren größtenteils leer. Die Stadt behauptet, eine Sanierung sei teurer als ein Neubau. "Wir wollten mit der Aktion beweisen, dass das nicht stimmt und der Erhalt des Gebäudes die beste Option ist." Zwar räumt Ganzer ein, dass die Kosten einer Komplettsanierung weitaus mehr als 3500 Euro pro Wohnung betragen würde, "aber die Architekten, die sich für uns das Haus angeschaut haben, halten eine Sanierung für wirtschaftlich sinnvoll." Das 1958 entstandene Gebäude sehe von außen schlimmer aus, als es ist. "Die Substanz ist in Ordnung", sagt Ganzer.

Aktion sorgt im Internet für Begeisterung

Unter dem Namen "Hier renovieren wir für die Stadt" hat "Goldgrund" am Dienstag ein Video der Aktion ins Netz gestellt. Auf Youtube hat der Clip innerhalb von 24 Stunden bereits mehr als 68.000 Abrufe erzielt. Die Reaktionen der Nutzer sind überwiegend positiv und reichen von "super Aktion" bis hin zu konkreten Hilfsangeboten, auch die restlichen Wohnungen zu renovieren. Besonders der Aspekt, dass mit der Sanierung billiger Wohnraum erhalten bliebe, treibt viele User um. Nach Angaben der Initiative würden die Kosten der Renovierung maximal ein Fünftel der Neubaukosten betragen. "Und die Mieten eben auch und das ist der Punkt", meint ein Nutzer.

Mittlerweile ist auch der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude auf die Müllerstraße 6 aufmerksam geworden. Bereits am Dienstag nahm er das Gebäude persönlich in Augenschein. Hatte sein Kommunalreferat noch bis vor Kurzem behauptet, eine Erhaltung des Gebäudes sei "nur mit ganz erheblichem Kostenmehraufwand" möglich, wolle er nun prüfen, ob "die Kosten (für den Neubau, Anm. d. Red.) in einem angemessenen Verhältnis zu dem angestrebten zusätzlichen Wohnraum stehen", wie er auf Facebook ankündigt. Ein Leerstand bis Herbst sei jedenfalls "ärgerlich" und "nicht vertretbar".

Oberbürgermeister Ude kritisiert seine Verwaltung

Nachdem das Haus jahrelang leer stand und durch die Untätigkeit der Stadt verfallen ist, kommt der Sinneswandel rechtzeitig zur bevorstehenden Landtagswahl, bei der Ude als Herausforderer von Horst Seehofer antritt. Auf Facebook kritisiert Ude seine eigene Verwaltung: "Aufgrund mehrjähriger Untätigkeit des Hausbesitzers (also der Stadt) macht das Haus mit der heruntergekommenen Balkonfassade und dem abblätternden Anstrich des Treppenhauses einen unansehnlichen Eindruck." Dies sei aber allein auf unterlassene Schönheitsreparaturen zurückzuführen.

Für Münchner auf der Suche nach günstigem Wohnraum besteht also Hoffnung. Wie groß der Bedarf ist, wurde erst vor wenigen Wochen im Stadtteil Haidhausen deutlich. Damals sorgte eine Drei-Zimmer-Wohnung deutschlandweit für Schlagzeilen, weil mehrere hundert Menschen bis auf die Straße Schlange standen, um sich die 80 Quadratmeter für eine Kaltmiete von 652 Euro anzusehen. Geht es nach dem Willen von "Goldgrund", können sich die Münchner bald auf einen weiteren Besichtigungstermin freuen. Dann in der Müllerstraße 6.