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Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Schweinsteiger sagt Servus: Wie der bodenständige Bayer vom Jüngling zum Fußballgott wurde

Im ersten Saisonspiel gegen Hoffenheim erinnerte Thiagos Spielweise an Bastian Schweinsteiger: Erhaben und zweikampfstark dirigierte er. An diesem Dienstag folgt das um drei Jahre verspätete Abschiedsspiel für den langjährigen Bayern-Spieler.

Von Stefan Johannesberg

München: Vor Abschiedsspiel: Bastian Schweinsteiger erhält bayrischen Verdienstorden

Die Fans von Energie Cottbus applaudierten und sangen für den Bayern-Star das bayerische Oktoberfest-Lied "Schenket ein". Was war passiert? Am 12. Mai 2007 wurde Mehmet Scholl ausgewechselt und in seiner letzten Saison wie ein regionaler Held gefeiert. "Das ist schon bewegend, wenn du von den Leuten wie hier in Cottbus, wo sie eigentlich nichts mit dem FC Bayern zu tun haben, soviel Zuneigung erfährst. Ich glaube, das ist die Anerkennung dafür, dass ich immer ein fairer Sportsmann geblieben bin. So etwas kannst du nicht mit Titeln gewinnen", so Scholl später.

Dieses Gefühl blieb verwehrt. 2002 hatte er es nach den Jugendmannschaften zu den Profis geschafft. Seinen ersten Pflichtspieleinsatz absolvierte er am 13. November 2002 im Vorrundenspiel der Champions League beim 3:3 gegen den RC Lens – in der 76. Minute kam er für eben jenen Mehmet Scholl. Nach 13 Jahren wechselte er 2015 zu Manchester United, um seine Karriere im Ausland ausklingen zu lassen. Die deutschen Fans konnten daher noch nicht wirklich Abschied nehmen.   

2002 - erstes Ligaspiel, eingewechselt für Niko Kovac

Ein Kreis schließt sich. Wenn Niko Kovac am Dienstagabend in der Allianz-Arena auf der Trainerbank des FC Bayern München Platz nimmt, werden Erinnerungen wach – zumindest bei den Protagonisten. Am 7. Dezember 2002 passiert in Stuttgart beim 3:0-Auswärtssieg genau das: Bastian Schweinsteiger kommt zu seinem ersten von 342 Bundesligaeinsätzen und Niko Kovac setzt sich ab der 83. Minute auf die Bayern-Bank. Auch der heutige Co-Trainer Robert Kovac steht auf dem Feld.

Es ist eine Zeit des Umbruchs. 2001 hatten die Alpha-Tiere Kahn, Effenberg und Trainer Hitzfeld das Team nach der 99er Last-Minute-Schmach zum Champions-League-Titel geführt. Die folgende Saison geriet zum Debakel, der Zenit war überschritten und neues Blut musste an die Säbener Straße. Michael Ballack und Ze Roberto wurden aus Christoph Daums überragender Leverkusener Mannschaft losgeeist, an Ottmar Hitzfeld jedoch festgehalten. Umrandet von gestandenen Profis und einem verständnisvollen, aber klar kommunizierenden Coach hätte es für das junge Supertalent aus dem eigenen Stall keine besseren Vorrausetzungen geben können, um langsam im Profikader Fuß zu fassen wie Blutgrätschen von Jens Jeremies. Trotzdem spielte der 18-jährige Bastian mit dem Feuer – und der Cousine.

2003 - Liebesspiel im Bayern-Pool

"Es war meine Cousine, der ich den Profi-Trakt zeigen wollte." Ob Bastian Schweinsteiger diese, laut "Sport Bild" getätigte, Ausrede wirklich benutzt hat, ist nicht erwiesen. Fakt ist jedoch,  dass er im Frühsommer 2003 um zwei Uhr morgens mit einer jungen Frau im Whirlpool der Bayern-Kabine badete und von Sicherheitsleuten erwischt wurde. Welcher Fußballfan träumt in der Pubertät nicht von ähnlichen Erfahrungen? Parallel sammelte er Punkte in Flensburg und Stempel in den Discos der Stadt. "Alles abgehakt. Ich hoffe, er hat kapiert, dass man auch als Jungprofi Vorbildfunktion hat", erklärt Hitzfeld damals. Man stelle sich vor, heute würde ein Sané oder ein Coman so über die Stränge schlagen.

Damals jedoch vertraute Uli in Sachen Menschenführung seinem Ottmar, hatte er den Schweini doch vorher schon einmal ordentlich angezählt. Als dieser im Februar beim 8:0 im Pokal gegen die Geißböcke seine ersten beiden Tore erzielte und exzessiv jubelte, stauchte ihn Hoeneß öffentlich zusammen. Für Weggefährte Michael Ballack ein erster wichtiger Moment: "Ich glaube, dass dieser Moment für Schweinsteigers Karriere entscheidend war. Ulis Angriff in der Öffentlichkeit hat Basti zurechtgerückt. Das hat ihn auf den Boden zurückgeholt. Es ist dann eine Qualität von ihm, dass er aus der Kritik von Hoeneß die richtigen Schlüsse für sich und seine Karriere gezogen hat." Trotzdem blieb es nicht bei einer verbalen Nackenschelle.

2006 – "Zu viel Puderzucker in den Hintern geblasen"

Was habe ich mich beschwert, als mein Vater in seiner Rolle als Fußballtrainer auf dem Feld immer nur mich kritisierte, natürlich zu Unrecht. Erst später war klar: Er tat dies aus Liebe, um mich besser zu machen. So ähnlich agiert Uns Uli bei seinen eigenen Lieblingen auch. Bastian Schweinsteiger liebte er besonders. Drei Jahre nach dem ersten umfassenden Einlauf explodierte medial ein weiteres Mal. Sein Schützling, mittlerweile dank der WM 2006 ein Popstar,  schwächelte bei den Bayern in der Saison danach. Im Interview mit der "Bild am Sonntag" fielen jene legendären Sätze: "Dem Schweini haben in den letzten sechs Monaten zu viele Leute Puderzucker in den Hintern geblasen. Den klopfe ich nun wieder raus. Ich akzeptiere nicht mehr, was da zuletzt abgelaufen ist. Er arbeitet auf dem Platz zu wenig."

Uli klopfte – und Schweinsteiger arbeitete. Die Beziehung der beiden vertiefte sich und prägte Schweinsteiger bis heute. Wie seelenverwandt er mit seinem Mentor weiterhin ist, zeigt jüngst seine Äußerung zum Zustand der Nationalmannschaft: "Man muss verstärkt auf junge Spieler setzen und die deutschen Tugenden wieder mehr auf den Platz bringen, das wäre der richtige Schritt." Wem diese Worte irgendwie bekannt vorkommen, hier entlang. Trotz der Gardinenpredigten vom Boss wäre Schweinsteiger jedoch heute nicht die sportliche Legende, hätte es nicht das Biest gegeben - das Feierbiest.

2009 – der langsamste Linksaußen aller Zeiten

Louis van Gaal, das selbsternannte Feierbiest und Sichvondeneigenenkindernsiezenlasser schenkt und Deutschland bereits 2009 die kommenden großen Titel. Seine Maßnahme: Er stellt Bastian Schweinsteiger ins mittlere Mittelfeld neben Veteran Mark van Bommel. Zum Glück ist Schweinsteiger für den innovativen Holländer auf den Außenbahnen viel zu langsam (Robbery, ich hör' sie dribbeln), zum Glück erkennt er die strategischen Stärken Schweinsteigers, zum Glück setzt van Gaal viel auf die Jugend ("Müller spielt immer") und zum Glück war die Zentrale nicht mit Superstars so übervölkert wie heute. Nach der Verletzung von Michael Ballack zieht Joachim Löw zur WM 2010 nach und der Rest ist Geschichte.  Selbst für Bayern-Papa Uli hatte sich der einstige Ziehsohn damit von ihm emanzipiert: "Der heißt für mich nicht mehr Schweini, der heißt Bastian. Er ist ein Mann geworden."

Dabei durchlief Schweinsteiger in den ersten Jahren auf dieser Position durchaus schwere Phasen. Van Gaal gestand ihm jedoch Fehler zu, sprach sogar eine Einsatzgarantie aus und machte ihn zum dritten Kapitän hinter Van Bommel und Lahm. Selbst zwei Jahre später, im Jahre 2011, schrieb die FAZ über ihn: "Bastian Schweinsteiger wirkt als alleiniger Chef im Bayern-Mittelfeld überfordert."

Doch nur in jenen harten Zeiten sammelte der immer noch lernwillige Nationalspieler die wichtigen Erfahrungen und entwickelte sich auch in den späten 20ern immer weiter. Vielleicht ist es genau dieses Beispiel, das belegt, warum Uli Hoeneß so überzeugt vom Mia-San-Mia-Weg der Bayern 2018 ist. Vielleicht weiß er aus jener Zeit, dass große Mannschaften und große Spieler nur entstehen, wenn sie vorher durch das Feuer gegangen sind. Dass er damit in Kauf nimmt, auch mal die Meisterschaft nicht zu gewinnen, sollte eingeplant sein: In den vier Jahren von 2008 bis 2012 holte der FCB nur eine von vier Deutschen Meisterschaften.

Das Triple und der folgende Turnaround geben Uli jedoch langfristig gesehen Recht. Doch was funktionierte bei Schweinsteiger in jenem Jahr  2013 sportlich besser als zuvor? Fakt ist: Er war nie ein Sechser im Stile eines Abräumers, der zufälligerweise auch über ein wenig Überblick verfügt. Schweinsteiger war eher ein Achter, der das Spiel von der Sechs offensiv gestalten wollte. Das hieß aber – und so ähnlich verhält es sich auch mit dem anfangs erwähnten Thiago oder auch Toni Kroos -, dass er einen defensiv denkenden Kollegen neben sich brauchte. Den jedoch hatte er nie wirklich. Weder Van Bommel, noch Gustavo, noch Khedira stopfte für ihn zuverlässig die Löcher, zog für ihn die schmerzenden Rückwärtssprints an oder haute sich in die Zweikämpfe, als gebe es kein Morgen mehr. Keiner, außer Javi Martinez. Erst als Trainergott Jupp Heynckes den Spanier neben Schweinsteiger stellte, erreichte der Fußballgott seinen Olymp.

2015 – eine 0:3-Klatsche als bittersüßer Abschluss

Im Herbst seiner Karriere schmerzte es jeden Bayern-Fan, mit ansehen zu müssen, wie Bastians Körper für die Jahre des Profifußballs Tribut zollen musste. Auch der Kopf wollte nach der mentalen Kraftanstrengung 2014 und dem Gewinn des WM-Titels nicht mehr richtig. Trotzdem gab es da dieses eine wahnwitzige Debakel, das jedoch insgesamt gesehen zu den absoluten Sternstunden des bayerischen Fußballs zählt. Im Champions-League-Halbfinale musste der FC Bayern unter Pep Guardiola zum FC Barcelona - und auf Alaba, Ribery, Robben und Douglas Costa verzichten. Im Endeffekt hatten die Bayern also keinen, für Peps System so wichtigen Eins-gegen-Eins-Spieler im Kader. Und das gegen Barcelona in absoluter Bestbesetzung.

Und trotz aller Außenseiter-Chancen spielten die Münchener im Camp Nou wie wohl noch keine andere Mannschaft vor ihnen: Sie igelten sich nicht hinten ein und parkten den Bus vor dem Tor, sie wollten den Ball. 55 Prozent Ballbesitz und 83 Prozent Passquote standen am Ende auf der Habenseite. Man hielt sogar bis zur 77. Minute das 0:0, während Schweinsteiger im 3-5-2 auf seine alten Tage hinter den Spitzen agierte. Im Endeffekt verlor man ob der offensiven Ausrichtung zum Schluss mit 0:3 und verpasste damit trotz des Rückspielsiegs das Finale. Für echte Bayern-Fans wird das Spiel in Barcelona aber immer zu den bemerkenswertesten Begegnungen gehören, die der Klub je spielte.

 
Die Bayern-Fan-Kolumne

Bastian Schweinsteiger - in der Jahrhundert-Elf

Wo steht Schweinsteiger nun in der ewigen Rangliste der Bayern-Legenden? Schafft er es trotz der großen Konkurrenz in die Startelf? Die Antwort ist eindeutig: Er ist dank seiner bayerischen Wurzeln sogar der Mittelpunkt der Jahrhundert-Elf des , aber er ist nicht ihr Leader. Im 4-3-3 bildet er neben Loddar und Effe das Mittelfeld. Ihm würde es wohl gefallen, wenn er, der eher introvertierte Mensch, auf dem Platz nicht den großen Macker markieren müsste. Er, der Prototyp des modernen Profis, der nach Siegen respektvoll mit dem Gegner umging, der am Mikrofon niemals durchdrehte oder über andere lästerte, der seinen Emotionen und Tränen nach Niederlagen freien Lauf ließ. Er, den immer eine gewisse Lockerheit und Bodenständigkeit umwehten, so dass man zumindest ein besseres Gefühl im Magen hätte, würde man ihn oder Effenberg heute um ein Autogramm bitten.

Nun feiert Bastian Schweinsteiger seinen offiziellen Bayern-Abschied beim Spiel seines aktuellen Klubs Chicago Fire gegen den FC Bayern München. Man hätte ihm eine Bühne wie bei Mehmet S.choll gewünscht, doch so ist es an seinem Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld die berühmten, letzten Worte zu sprechen: "Es erfüllt mich mit Stolz, so einen großartigen Spieler trainiert haben zu dürfen. Er hat mir viele glückliche Stunden bereitet." Und uns auch. Auf Wiedersehen, Fußballgott.

München: Vor Abschiedsspiel: Bastian Schweinsteiger erhält bayrischen Verdienstorden
tkr

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