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Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Warum ein Verlust von Rudy dem FC Bayern wehtun wird und die Bosse realistisch sein müssen

Der knappe Pokalsieg enttäuschte selbst eingefleischte Fans des FC Bayern. Doch viel wichtiger ist in den kommenden anderthalb Wochen, wer kommt, wer geht, wer bleibt. Nationalspieler Rudy ist eigentlich schon weg - und hinterlässt eine überraschende Lücke.

Von Stefan Johannesberg

Sebastian Rudy (r.) mit seinen Teamkollegen beim FC Bayern Thiago und Robert Lewandowski

Sebastian Rudy (r.) mit seinen Teamkollegen beim FC Bayern Thiago und Robert Lewandowski

Getty Images

Über 180 Millionen Euro durfte Jürgen Klopp beim FC Liverpool in die ohnehin schon teure Mannschaft investieren, um sich mit Naby Keita, Xherdan Shaqiri und Co. für seinen Gegenpressing-Fußball eine noch brutalere Startruppe zusammenzustellen. Auch wenn noch einige Abgänge folgen sollen, jubelte das Team von der Anfield Road dieses Jahr stolze 230 Millionen Euro mehr als der FC Bayern unter die Klubs in Europa. Ja, richtig gelesen. Die Münchener reduzieren dieses Jahr vorrangig nur die Kosten, indem sie auf ablösefreie Spieler wie Leon Goretzka und Serge Gnabry, eigene Talente, alte Säcke und Kaderverkleinerung setzen. Einzig für den 17-jährigen Alphonso Davies griffen sie bisher in den berühmten Geldkoffer. Dessen zehn Millionen stehen jedoch knapp 60 Millionen eingenommenen Euro gegenüber. Den Verkäufen von Arturo Vidal und Douglas Costa sei Dank.

Macht Red-Bull-Pate Mateschitz sein Täschchen ein bisschen mehr auf?

Einer, der diese Bilanz noch weiter in - zumindest an der Säbener Straße - unbekannte Weiten treiben wird, ist Sebastian Rudy. Dessen Wechsel zu Schalke oder Leipzig könnte nur noch an der Ablösesumme scheitern. Die im Raum stehenden 15 Millionen seien aber definitiv viel zu wenig, meint jedenfalls Uli Hoeneß. "Es kann nicht sein, dass Bayern wie ein Weltmeister zahlen soll und man Spieler von uns fast umsonst bekommt. Wenn Herr Mateschitz seine Täschchen ein bisschen aufmacht, lugt da einiges raus. Ich denke, dass im Laufe der nächsten Woche Entscheidungen getroffen werden", so Hoeneß beim TV-Sender "Sky" weiter.

Rudy hinterlässt in Kovac' Kader eine besondere Lücke, auch wenn ihm in seiner ersten Saison beim FC Bayern München nicht viel gelang. Zu sporadisch wurde er, der als Spielmacher und Sechser Spielpraxis und zu ihm passende Systeme braucht, von Carlo Ancelotti und Jupp Heynckes in der Startelf eingesetzt. Vielmehr wirkte er wie ein Mitbringsel von Hoffenheim-Kollege Niklas Süle. So wie früher bei den Chicago Bulls, als für Michael Jordan Wohlfühl-Kumpels verpflichtet wurden (Jack Haley anyone), die dann über ein bisschen Handtuch winken auf der Bank nicht hinauskamen. Selbst in der Garbage-Time, also Spielzeit, wenn das Spiel schon entschieden ist, durften diese Leute nicht auf das Feld. Nicht dass White-Shark-Süle schon auf diesem Niveau unterwegs oder Rudy so schlecht wäre, doch ein Platz am südlichen Firmament rückte in immer weitere Ferne. Bis zum Schweden-Spiel bei der WM in Russland.

Sebastian Rudy - in der Gegenwart wichtiger als Sanches und Goretzka

Die Nationalmannschaft wirkte nach der Mexiko-Niederlage verunsichert, das hochgelobte Mittelfeld stand im Dauerfeuer der Kritik. Es ging gegen Schweden bereits um alles und Löw vertraute unter diesem Druck keinem Geringeren als: the mighty Sebastian Rudy aka Günter Hermann 2.0. Er sollte das schaffen, was Khedira gegen Mexiko misslungen war: Stabilität und Struktur ins Spiel bringen, Toni Kroos absichern. Und Rudy lieferte ab, bewegte sich gut, stand in der Rückwärtsbewegung meist richtig und verteilte die Bälle sicher. Wer weiß, wie hoch sein Stellenwert heute bei den Bayern wäre, wenn ihm nicht ein Schwede in der 31. Minute die Nase gebrochen hätte. Nun heißt es aber:  Schalke oder Leipzig, Hauptsache Preußen. Champions League 2018 oder Vereinigung mit Mentor Nagelsmann 2019. Es deutet nach den oben zitierten Aussagen von Hoeneß eher Richtung Osten, auch wenn Rudy im dünnen Schalker Mittelfeld der absolute Chef wäre. Doch warum wiegt dieser Verlust für die Bayern schwerer als der von Vidal und schwerer als von vielen gedacht? 

Ein mittlerweile berühmtes, vom ehemaligen Salzburg-Chef Moniz überliefertes Kovac-Zitat gibt die Antwort: "Ich brauche immer einen Sechser. Ich brauche immer Absicherung." Kürzlich nannte er drei Namen, die er statt Rudy auf dieser wichtigen Position sieht: Martinez, Thiago und Tolisso. Alle drei haben andere Stärken als der kommende Ex-Bayer, doch alle drei lassen auch das Allround-Game von Rudy vermissen. Der angestammte Sechser Martinez räumt zwar alles ab und stopft mehr Löcher als ein Schneiderlein, doch den Spielaufbau verlangsamt er zu oft. Thiago schickt sich trotz früher Wechselgerüchte an – nicht nur im Supercup und Pokalsieg –, der Spielmacher des FC Bayern zu werden. Defensiv bleibt der Spanier aber eine Unsicherheit, gerade wenn der offensive Thomas Müller neben bzw. vor ihm agiert und die Lücken in der Vorwärtsbewegung unter Ancelotti und Heynckes oft sehr groß waren. Und Tolisso? Tolisso kommt Rudy von seinen umfassenden Fähigkeiten am nächsten, ist aber eher ein geborener Box-to-Box-Achter. Der einzige "echte" Sechser rudiesker Prägung wäre Joshua Kimmich, aber den hat das Schicksal ja auf Außen ge- oder wie manche meinen - verweht. Halten wir also fest: Achter gibt es im Überfluss, Sechser eher nicht. Doch wenn Rudy diese Woche geht, müsste ein anderer eigentlich bleiben.

Jerome Boateng – forget Paris wie Billy Crystal?

Alle lieben Jerome. Egal ob Kovac, Müller oder Robben, sie alle hofften öffentlich, dass Boateng bleiben wird. Nach dem Kehrer-Wechsel von Schalke zu PSG schien die Diskussion beendet. Der Innenverteidiger äußerte sich nicht mehr öffentlich und stand beim famosen 1:0-Pokalsieg gegen Drochtersen/Assel in der Startelf. Doch am Sonntag heizte Uli Hoeneß die Transfergerüchte Richtung Paris bei "Sky" wieder an. "Jerome hat Karl-Heinz Rummenigge mitgeteilt, dass er sich verändern will. Bleibt er, sind wir auch glücklich, weil er ein fantastischer Spieler ist. Es kommt aber nur noch Paris in Frage." Natürlich Paris. Wo sollte der bald 30-jährige Lebemann und Mitglied von Jay-Z's Roc-Nation-Label auch anders hin, um seinen Brand nicht kaputtzumachen? Selbst von einem absteigenden Bayern-Team wechselt man nicht ins graue Mittelmaß einer grauen Brexit-Stadt der englischen Liga. Wenn man unter Pep aufblühte, wechselt man nicht zu Mourinho. 

Das einzige Problem - neben dem löchrigen Financial Fairplay: Paris St. Germain hat bereits vier Innenverteidiger im Kader. Der eine war letzte Saison Kapitän (Thiago Silva), der andere Co-Kapitän (Marquinhos). Die anderen beiden, Kimpembe und Kehrer, sind jüngere Spieler mit Potential. Boateng könnten nur zwei Dinge in die Karten spielen: Zum einen verhinderten zumindest die ersten drei das Champions-League-Aus gegen Real Madrid nicht, zum anderen könnte Coach Tuchel einen Verteidiger bevorzugen, der hochstehendes Verteidigen bei Ballbesitzfußball gewohnt und mit einem feinen Füßchen für lange Bälle ausgestattet ist. Irgendwie ist es jedoch kaum vorstellbar, dass die Bayern ihren Kader mit einem weiteren Abgang noch mehr unter Druck setzen, denn die Zeit für einen halbwegs sinnvollen Ersatz ist mit Ablauf der Transferperiode am 31. August viel zu knapp. Zudem müsste Javier Martinez beizeiten in die Innenverteidigung rücken, so dass die schon mit dem Abgang von Rudy schwächer gewordene Sechser-Position noch einen Schlag abbekommt. Niko Kovac hat sich in der "Süddeutschen Zeitung" bei einem möglichen Abgang bereits positioniert und Verstärkungen gefordert. Serdar Tasci soll ja momentan vereinslos sein.

Juan Bernat – Atlético Madrid heißt das neueste Transfergerücht

Der letzte im Bunde ist Linksverteidiger Juan Bernat. Gehen die Bayern hier ein weiteres Risiko ein? Alaba ist verletzt, Back-up Rafinha bestenfalls ein erfahrener Rechtsverteidiger und Gnabry defensiv nicht erfahren genug für diese im Bayern-Spiel wichtige Position. Spanische Medien berichten jedenfalls, dass Atlético Madrid interessiert sei. Juventus, Wolfsburg, Sevilla, Schalke – bisher verliefen alle Transfergerüchte im Ebbe Sand. Es bleibt spannend, ein bisschen.


 
Die Bayern-Fan-Kolumne

Fazit Transfers 2018 – erst nächstes Jahr geht es ans Festgeldkonto 

Umbruch heißt Investieren, normalerweise begleitet jedes Unternehmen großangelegte Transformationen mit viel Geld. Alte, teure Arbeitnehmer dürfen gehen, neue Talente und Stars müssen kommen – und dass alles während man im Tagesgeschäft erfolgreich ist. Der FC Bayern München geht für die Saison 2018/2019 einen anderen Weg und schafft Platz für junge Talente aus ihren erfolgreichen U-Mannschaften. Erst im kommenden Jahr will man die Schatulle aufmachen, wenn Robbery endgültig abtreten. Uli Hoeneß bestätigte am Wochenende die "Kicker"-Spekulationen vom Donnerstag: "Wir sammeln im Moment ein bisschen Geld ein für den Fall, dass wir nächstes Jahr mal etwas größer einkaufen müssen. Aber das entscheiden die Spieler, die jetzt im Kader sind, ob wir nächstes Jahr mehr tun." 

Die Erwartungshaltung an Niko Kovac sollte jetzt aber - in einem professionell geführten Unternehmen - an diese Voraussetzungen angepasst sein. Heißt: Ein statt drei Titel wäre ein Erfolg. Ein Blick auf den Kader des FC Liverpool sollte genügen, um selbst bei den Bayern-Bossen für Realismus zu sorgen. 

Fans spotten über mintgrünes Bayern-Trikot

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