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Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Was der Supercup-Sieg über Kovac, Robbery und die kommende Saison des FC Bayern verrät

Erstes Pflichtspiel, erster Sieg: Niko Kovac setzt auf bewährte Heynckes-Konzepte und der FC Bayern gewinnt. Trotzdem zeigen sich bereits jetzt – neben neuen Stärken - die erwarteten Schwächen. Die lassen tief blicken.

Von Stefan Johannesberg

Thiago und Ribery feixen nach dem Supercup-Sieg des FC Bayern über Eintracht Frankfurt

Erkenntnisse aus dem Supercup-Sieg des FC Bayern: Thiago (l.) ist eigentlich unverzichtbar, Ribéry ist eigentlich viel zu langsam.

Getty Images

Die Szene war zum Schießen - oder eben nicht: Mitte der zweiten Halbzeit konterten Alaba und Ribery über ihre linke Seite wie zu besten Triple-Zeiten (Wie und warum Hoeneß dorthin zurück will, hier entlang). Alleine Frooonck schaffte es über 40 Meter nicht Homie Alaba, der ja noch den Ball führen musste, zu überholen. Der Angriff verpuffte, so wie viele Aktionen von ihm und auch von Robben in der ersten Halbzeit.

Erkenntnis I: Ribéry und Robben zu alt für den Sch...

Eine Scheibe Brot kann man den Dribblings von Robbery zwar noch nicht hinterherwerfen, aber an ihren Gegenspielern kommen Sie auch nicht mehr vorbei. Zumindest direkt nach oder in einer harten Vorbereitungsphase. Für das Spiel des FC Bayern München ist das desaströs. Denn: Kovac setzt wie Vorgänger Heynckes vorerst auf das altbewährte System. Viererkette, drei unterschiedliche Mittelfeldspieler (ein Defensiver mit Martinez, ein Spielmacher mit Thiago, ein vertikaler Schnittstellen-Typ mit Müller bzw. Goretzka) und Überzahl in den Halbräumen, um über die Außen hinter oder zwischen die Abwehrreihen zu kommen. Das erhöht den Druck auf die Flügelstürmer, Eins-gegen-Eins-Situationen zu gewinnen.

Fans spotten über mintgrünes Bayern-Trikot

So wie Kingsley Coman. Eigentlich erwartet man, dass er mit seiner Schnelligkeit immer, wirklich immer, alle, wirklich alle, offensiven Duelle gewinnt. Und das gelingt ihm ja auch meistens. Nach seiner Einwechselung überzeugt er nicht nur mit Flankenläufen, er wirkte auch im Aufbauspiel ballsicherer als die Jahre zuvor. Zusammen mit Gnabry müsste er eigentlich vor Ribéry und Robben gesetzt sein. Müsste. Ein weiteres Problem: Gnabry und Coman sind dank der vielen weißen, schnell arbeitenden Muskelfasern verletzungsanfälliger und Alphonso Davies kann mit 17 die Lücke bei allem Talent noch nicht füllen. Brazzo täte gut also daran, wegen Martial selbst einmal bei Mourinho anzurufen.

Erkenntnis II: Thiago oder nicht nix - kein Verkauf ohne nennenswerten Ersatz

Von Peps Vorschusslorbeeren im Sommer 2013 hat sich Thiago eigentlich nie wirklich erholt. Zu verletzungsanfällig, zu unstet waren seine Leistungen in den fünf Jahren. Trotzdem wird eigentlich in jedem Spiel deutlich, wie gut und wichtig der spanische Mittelfeldstratege sein kann. Wer erinnert sich nicht noch an das Auswärtsspiel bei Real Madrid im Frühling, als die Bayern dank Thiago, Tolisso und James das Mittelfeld gegen die auch nicht ganz miesen Kroos-Modric-Kovacic dominierten.

Keiner schirmt den Ball besser ab, keiner leitet den Ball so (manchmal zu) schnell weiter.  Auch gegen Frankfurt war dies immer wieder erkennbar. Zwar sitzen mit Rudy und James zwei weitere Spieler für die Position auf der (Massage-)Bank, doch keiner der beiden bringt diesen Mix aus Leichtfüßigkeit, Passsicherheit, Zweikampfverhalten und Genialität auf den Rasen wie Thiago. Daher der Rat an die Bosse: Schiebt euer Geseier von deutschen Tugenden kurz beiseite und lasst Rudy stattdessen doch nach Leipzig gehen. Das hilft allen. Tut es für Deutschland!

Sidenote: Dass von spanischen Medien gestreute Rakitic-Transfergerücht entbehrt jeglichem Realitätssinn. Wie bei Rebic genügt die nationale Karte, dass sich manche Medien für Klicks entblöden (sollte ich mich irren, bete ich neben den drei Ave Augenthalern noch drei Ave Brazzos, ist klar).

Erkenntnis III: Der böse Lewy als X-Faktor

Wie viele einzigartige Einzelspieler, die den Unterschied machen können, hat der FC Bayern München 2018? Ein Team, das seit jeher vom Teamgedanken lebt? Nach dem Thomas Müller auch in die Jahre gekommen ist, läuft genau nur noch einer jedes zweite Wochenende in der Allianz-Arena auf: der ungeliebte Stürmerstar Robert Lewandowski. Alleinikov, Meckerpott, Versager in großen Spielen und Möchtegern-Madrilene - die Liste seiner Verfehlungen ist lang. Die Liste seiner Tore auch. Gegen Frankfurt waren es gleich drei, inklusive aggressivem Auftreten gegen alle und Scharmützel mit Frankfurts Kapitän Abraham. Sollte Kovac es hinkriegen, Lewys Wut der letzten Monate in positive Energie zu bündeln, wäre Uli der Bestia Negra einen guten Schritt näher gekommen.

Erkenntnis IV: Niko Kovac hält FC Bayern auf Heynckes-Kurs

Wie oben erwähnt setzte Kovac klugerweise auf das eingespielte und erfolgreiche System von Jupp Heynckes. Sein Pech ist eher, dass in ihren fast zeitgleichen Spielen Liverpool oder Man City, also die direkten Konkurrenten des FC Bayern um die Champions League, ein Feuerwerk an schnellem Offensivspiel abbrannten. Das sah man gegen die Eintracht, auch wegen der ebenfalls erwähnten Opas auf Außen eher selten. Trotzdem erkennt man bereits die Handschrift und Akzente, mit denen Kovac das System noch optimieren möchte.

  • Standards: Auch ohne James führte immerhin eine Ecke zum Tor. Man hat mittlerweile wieder das Gefühl, dass Standards und auch Flanken der Münchener eine stetige Gefahr darstellen. Gleiches gilt übrigens auch für die eigene Abwehrarbeit bei Standards.
  • Pressing: Letzte Saison wirkte das Pressing noch sehr unkoordiniert, wenig zwingend und sorgte bei Fans regelmäßig für Schnappatmung. Mittlerweile sieht man auch hier die ersten Trainingseffekte.
  • Defensive Stabilität: Am Anfang noch mit ein, zwei Problemen, machen die 4er-Kette und die drei Mittelfeldspieler davor immer schneller die Räume dicht. Zudem stehen die Außenverteidiger etwas tiefer (oder sind schnell genug wieder hinten). Daher hielten die Bayern selbst mit zehn Mann den Gegner stabil vom eigenen Tor weg.
  • Fitness: Trotz eines Mannes weniger auf dem Feld beherrschten seine Bayern die Frankfurter locker und wirkten selbst in der 90. Minute noch spritziger. Und das gegen ein Team, das sich vor allem über eine körperliche, ausdauernde Spielweise definiert.
 
Die Bayern-Fan-Kolumne

Special-Fazit: Boateng ist auch zu alt – zumindest für PSG

Wenn ein Schalker Boatengs Party crasht: Wie aus dem Nichts verscherbeln die Schalker - nach Draxler, Sane oder einst gar Özil - mit dem U21-Nationalspieler Thilo Kehrer für 37 Millionen ein weiteres Talent. Tuchel war wohl im Endeffekt der Meinung, mit Thiago Silva und Marquinhos genug erfahrene Leute im Kader zu haben. Da braucht es den sicherlich besseren, aber auch verletzungsanfälligeren und sich im Herbst seiner Karriere befindenden Jerome nicht.

Für Coach Kovac ist dies natürlich ein Glücksfall. Die Angst stand den Verantwortlichen ins Gesicht geschrieben, als Alaba nach dem Foul von Da Costa in der zweiten Halbzeit in die Katakomben humpelte. Ein Ausfall, der nicht nur die linke Seite komplett auf links gedreht hätte. Alaba spielt in Kovac‘ Überlegungen eine zentrale Rolle. Er sprintet für Ribéry die Linie rauf und runter und kann mit seinem Stellungsspiel und Zweikampfverhalten auch als Innenverteidiger aushelfen. Wäre Boateng jetzt gegangen und Alaba hätte sich verletzt, hätte Martinez als einziger echter Abräumer bei Bedarf in der Innenverteidigung aushelfen müssen. Damit wäre links und in der Mitte die für Niko so wichtige defensive Stabilität vom Winde verweht gewesen wie einst die Lederpille beim Kreisklassenspiel Hohwacht gegen Behrensdorf an der Ostseeküste. Doch zum Glück ist das Leben kein Konjunktiv. Boateng bleibt anscheinend, Alaba hat nur eine Prellung und läuft Ribéry wahrscheinlich auch damit noch davon.

Twitter-Reaktionen: Hoeneß-Attacke: Wie das Netz über Bayern und den "kroatischen Fahrer" lacht

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