HOME

Stern Logo Bundesliga

Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Hoeneß baut seinen FC Bayern radikal und konsequent zurück - eine Lage-Analyse zum Start

Wenn der FC Bayern am Wochenende gegen Frankfurt das erste Pflichtspiel der Saison bestreitet, wird erstmals seit Jahren kein Startrainer an der Seitenlinie stehen. Stattdessen spuken wieder der FC Bayern Deutschland und der Geist des Triple-Teams 2013 an der Säbener Straße.

Von Stefan Johannesberg

Kalle und Uli und ihr FC Bayern: mehr Deutschland, mehr bestia negra - weniger Guardiola und spanisches Tiki-Taka

Kalle und Uli und ihr FC Bayern: mehr Deutschland, mehr bestia negra - weniger Guardiola und spanisches Tiki-Taka

Getty Images

Cobra Elf, übernehmen Sie am Tegernsee. Thriller-reif inszenierte Hasan Salihamidzic den endgültigen Abschied Arturo Vidals aus dem Trainingslager der Bayern. Mit ernstem Blick, als würde er einen Agententausch vorbereiten, stieg Brazzo in die Limousine und verkaufte den Spielfeldkrieger für 19 Millionen nach Barcelona. Der einst Belächelte, aber von Könnern der Branche wie Vorgänger Reschke Gelobte macht eine so gute Figur wie einst auf der rechten Seite im Olympiastadion. Es ist nach Supertalent Alphonso Davies bereits der zweite, große Erfolg in seiner ersten echten Transferperiode, denn wer für einen kaputt gespielten und daher verletzungsanfälligen 31-Jährigen noch ein solches Sümmchen auf das berühmte Festgeldkonto packt, kriegt garantiert ein paar fränkische Würstchen von oben frei Haus. Zumal im Kader der Bayern mit Renato Sanches, Leon Goretzka und Corentin Tolisso drei jüngere, extrem talentierte 8er stehen. Auch wenn die noch nicht über die Erfahrung des Chilenen verfügen, so bringt jeder von ihnen ebenfalls Box-To-Box-Fähigkeiten ohne Ende sowie Entwicklungspotenzial für andere Positionen mit. Die Kollegen hier haben das sehr ausführlich analysiert.

Twitter-Reaktionen: Hoeneß-Attacke: Wie das Netz über Bayern und den "kroatischen Fahrer" lacht

Der FC Bayern Deutschland

Viel spannender als der Vidal-Transfer war für Bayern-Fans jedoch Salihamidzics Äußerung zur Teamstrategie bei der Vorstellung von Leon Goretzka. "Wir versuchen, den Kern unserer Mannschaft deutsch zu halten." Hasan kennt hier wie einst Gerhard Polt keine Kompromisse. Die Bayern-Kabine wird zu Polts Touristenhölle Siena. Man spricht Deutsch. Und auch die deutschen Tugenden (Funfact: Es sind wohl die preußischen gemeint) sind wieder lit. "Wir wollen die Tugenden des deutschen Fußballs hier haben und den deutschen Fußball auch in der Welt repräsentieren". Goretzka, Gnabry, Hummels, Kimmich, Süle, Neuer, Müller und Wagner bilden bei den Profis das teutonische Gerüst. Robben und Ribery gehen als anerkannte Lederhosen durch, Alaba ist Österreicher und damit für Söder ja wichtiger als Merkel. Folgerichtig müsste auch ein Rudy-Verkauf nach Leipzig vom Tisch sein.

Ulis einstiger Traum vom FC Bayern Deutschland, geäußert 2001 im Blick auf die Heim-WM 2006, lebt wieder. Seine Macht und sein Wille scheinen größer denn je. Klar und unerbittlich ordnet er seiner Vision seines FC Bayern alles unter. Es ist schon respekteinflößend, wie er sie nach der Haftentlassung Stück für Stück in die Tat umsetzt. Vorbei sind die Zeiten von Pep und dessen spanisch geprägten Spielverständnis, vom FC Barcelona München, dem neuen Milliardenplayer im Weltfußball. Drei Jahre lang schnupperten die Bayern-Fans an Hummer und Kaviar wie in Paris und London. Jetzt riecht es wieder altbekannt nach feingrobem Obatzda vom Schuhbeck. Back to la bestia negra, als man selbst der gefürchtete Außenseiter war, der spanische Mannschaften mit Zickzack-Zickler reihenweise auskonterte und nicht gegen diese überlegen verlor. Es lebe das neue, alte Mia San Mia-Gefühl, der besondere, einzigartige Bayern-Brand. Beispiele gefällig?

  • die Verpflichtung von Kovac: Statt des introvertierten Taktikguru Tuchel holt man einen charismatischen, harten Jungtrainer mit Stallgeruch
  • die Verpflichtung von Brazzo: Statt eines global und modern denkenden Players wie Philipp Lahm holt man einen charismatischen, harten Jungmanager mit Stallgeruch
  • die Verpflichtung von Klose als U17-Trainer: Trainertalent Tobias Schweinsteiger bot man nur Kloses Co-Posten an. Das zeigt schon, wie hoch Uli die richtige Mentalität, den nötigen Biss in der Jugendarbeit hängt.
  • die Verlängerung von Rafinha, Ribery und Robben: Verdiente Spieler belohnt man, selbst wenn sie nur noch 70% der Zeit nur 70% ihrer einstigen Leistung abrufen können. Soziale Wohltaten vor Umbruch.
  • "Özil hat seit Jahren einen Dreck gespielt": Wer eher auf Tugenden wie Wille, Kraft und Führungsfähigkeiten der alten Schule setzt, sieht nicht immer die Feinheiten des modernen Spiels. Alle Fakten sprechen hier sportlich für Özil, doch was Uli nicht passt, wird halt passend gemacht. Aus ähnlichen Gründen verfügt wohl auch Thiago als bayerischer, vertikal-passsicherer Spielmacher über so wenig Lobby in der Bayern-Führungsetage.

  • Boateng auf der Verkaufsliste: Der verletzungsfällige, leise Boateng konnte die Herzen der Bayern-Bosse mit seinem Style auf und außerhalb des Spielfelds noch nie erwärmen.
  • Keine 100-Millionen Transfers: Auch wenn Rummenigge gegen die 50+1-Regel wettert, bleibt der FC Bayern seinem Festgeldkonto treu und geht mit Investitionen nicht ins absolute Risiko.
  • Die neue, internationale Jugendstrategie:  Die Bayern schnappten sich ja nicht nur Davies, sondern sammeln seit einiger Zeit umworbene Talente aus der ganzen Welt ein wie Ryan Johansson oder Alex Timossi Andersson. Ziel: die neuen Stars selbst heranzubilden.
  • Die harte Haltung bei Lewandowski: Natürlich geht ein Mia San Mia nicht ohne Ego. Wenn die Bayern-Führung im Dembele-Dortmund-Zwist meint, bei uns müsse jeder seinen Vertrag erfüllen, dann lässt man sich eben auch nicht von einem abwanderungsbereiten Lewy auf der Nase umtanzen.
  • Rummenigges Abschiedsgedanken: Kalle "ich will eigentlich globaler und größer denken" Rummenigge lässt in einem Interview fallen, dass er den Job auch nicht ewig machen werde.

Triple-Team reloaded – welche Transfers können noch kommen

Bayern also als das kleine, gallische Dorf im Kampf gegen die Oligarchen und Staaten: Das erinnert irgendwie an das Auftreten von Leitwolf Effe 2001 gegen ManU und Real. Lebt Uli so in der Vergangenheit? Will er einfach wieder die 2001er Truppe nachbilden, um alle zehn Jahre den Titel zu gewinnen? Willensstarke Alpha-Tierchen aus Deutschland führen deutsche Indianer, bissige Renner und ein paar Zauberer zum Titel? Nein, dafür ist der Plan zu komplex, den Uli seit seiner Haftentlassung so gut umsetzt. Eher steht das legendäre Triple Team aus dem Jahre 2013 Pate, die wohl ewige Referenz für alle folgenden Bayern-Teams. Die Mischung aus hungrigen deutschen Stars wie Lahm oder Schweinsteiger, die dank der eher Titel-dürren Jahren schon früh Stammspieler waren, aus jüngeren Eigengewächsen wie Müller und Alaba, internationalen Stars wie Robbery und Bundesliga erfahrenen Rollenspielern wie Dante funktionierte perfekt.

Nimmt man diese Mannschaft als Maßstab, liegt in den kommenden Jahren noch viel Arbeit vor Arbeitsbiene Brazzo. Für 2018 ist vor allem ausdünnen angesagt wie bei den Weight Watchers – und jeder weiß, wie schwer eine Diät ist. So schmelzen die Transfergerüchte um Thiago sekündlich wie die Argumente der Klimawandelskeptiker. Auch Juan Bernat trainiert noch am Tegernsee, obwohl mehrere spanische Vereine Interesse bekundet haben. Die Verhandlungen mit Jerome Boateng scheinen dagegen schon weiter, auch wenn Boateng Manchester United-Trainer Mourinho jetzt am Telefon abgesagt hat. Der Innenverteidiger soll einen Wechsel zu PSG favorisieren.

 
Die Bayern-Fan-Kolumne

Martial oder nix?

Geht Boateng, hat Kovac mit Hummels und Süle zwar zwei absolute gesetzte Kräfte in der Innenverteidigung, dahinter aber nur  Quereinsteiger wie Alaba, Notlösungen wie Martinez oder Jugend-Forscht-Spieler. Die beiden erstgenannten würden zudem Lücken auf anderen Positionen reißen. Daher bleibt es spannend, ob Kovac mittelfristig eine 3er Kette ernsthaft einstudiert. In den ersten Testspielen setzte er noch auf das altbewährte 4:1:3:1. Und Anthony Martial? Der hochtalentierte, 22-jährige Stürmer von ManU würde sportlich sehr gut in die Post-Robbery-Ära um Coman und Gnabry passen. Alleine sein rebellisches Verhalten, die Davies-Verpflichtung und die vielen Dementi von FC Bayern-Seite aus lassen die Hoffnung schwinden.  Doch vielleicht gelingt Hasan Salihamidzic ja eine weitere Mission Impossible. Brazzo hat ja gezeigt, dass er sehr gute Deals unter Dach und Fach bringen kann.  Ob diese Mia-San-Mia-Strategie mit dem aktuellen Kader jedoch gegen Real, Barca oder Juve oder hochfinanzierte, voll auf die Philosophie des Trainers ausgerichtete Klubs wie Liverpool, PSG oder Man City aufgehen kann, analysieren wir in einer der weiteren Kolumnen.

Fans spotten über mintgrünes Bayern-Trikot

Wissenscommunity