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Streaming-Serie El Cid – Schwerter und Intrigen, das Leben des größten Ritters Spaniens

Nur auf dem Feld kommt der Einzelgänger aus sich heraus. In der Schlacht von Graus eilt Rodrigo dem bedrängten Prinzen zur Hilfe. 
Nur auf dem Feld kommt der Einzelgänger aus sich heraus. In der Schlacht von Graus eilt Rodrigo dem bedrängten Prinzen zur Hilfe. 
© PR
Sein Schwert beendete die muslimische Vorherrschaft in Spanien. Die Amazon-Serie "El Cid" zeigt Jugend und Aufstieg des berühmten Kämpfers.

El Cid ist in Spanien ein Nationalheld. Der Ritter und Söldnerführer gilt als größter Schwertkämpfer seiner Zeit. Im 11. Jahrhundert taucht er in den Kleinkriegen der Königreiche von Leon und Navarra auf und wird zum Symbol der Rückeroberung Spaniens von den islamischen Invasoren. Die zieht sich noch ein paar Jahrhunderte hin, doch in der Zeit und mit dem Schwert El Cids geht die Initiative an die Christen über. Die muslimischen Kleinstaaten, einst gegründet von wilden Berberkriegern, hatten damals zu einer feineren Kultur gefunden, werden aber seit dem Aufkommen der schweren Reiterei militärisch bedrängt. (Lesen Sie aus Geo-Epoche: "El Cid - Ritter, Nationalheld - und skrupelloser Opportunist")

Die fünfteilige Amazon-Serie folgt dem Aufstieg Rodrigo Díaz de Vivar, Abkömmling von Kleinadligen. Seiner trauernden Mutter entrissen, landet der Zwölfjährige als Knappe am Hof von Leon. Dort erlebt er die die Demütigungen eines Namenlosen ganz am Ende der feudalen Hackordnung.

Ein Mann seines Schwertarms

Der Zuschauer ahnt natürlich, dass Großes aus dem Knaben erwachsen wird. Weiß Rodrigo doch mit den Vögeln zu reden und Vorzeichen zu deuten. Und dazu zeigt sich schnell, dass niemand mit ihm spaßen sollte. Jaime Lorente – bekannt aus den Serien "Haus des Geldes" und "Elite"- reckt sein gewaltiges Kinn angriffslustig in die Welt und schnell müssen auch Höherstehende erkennen, dass der Knappe jeden zu Boden strecken kann. Eine Eigenschaft, die in der Zeit der permanenten Kleinkriege viele Verfehlungen in der Etikette aufwiegt. In der Schlacht zählen die Herrscher auf ihre Ritter und besonders auf ausgesuchte Kämpfer, die unerschrocken die Entscheidung herbeizwingen sollen.

Spanien ist Streaming-King

Vom weltweiten Boom der Streamingserien profitiert Spanien besonders stark, denn spanische Produktionen haben in Lateinamerika und bei den Latinos der USA einen zweiten Heimatmarkt. Die Serie ist in einem guten Sinn konventionell gemacht. Rodrigo ist ein großer Krieger, aber zum Glück kein Hollywood-Supermann. Mit Mühe und Not und jeder Menge Verletzungen bleibt er am Leben. Gedreht wird an historischen Orten, abgesehen von Massenaufnahmen aus der Vogelperspektive hält sich der Einsatz von Computeranimationen in Grenzen. Auch widersteht "El Cid" dem Trend anderer Mittelalterserien, jeden Schauspieler erst einmal tüchtig einzurußen, bevor er vor die Kamera treten darf. Mittelalterfreunde können sich an akkuraten Details des sozialen Lebens – wie dem Ankleideritual oder dem Abort erfreuen.

Am Hof von Leon herrschen nicht allein Schwerter, sondern auch die Intrigen. Dem einheimischen Adel gilt König Fernando als Usurpator, der die rechtmäßige Herrscherin, Königin Sancha an die Seite gedrängt hat. Der Kirche ist Fernando zuwider, weil er sich von den Muslimen mit Tributen als Söldner bezahlen lässt, anstatt gegen die Feinde der Christenheit zu Felde zu ziehen.

Neben dem Schwertarm des "El Cid" huldigt die Serie den starken Frauen, die um die Macht und ihre Selbstbestimmung in einer Männerwelt kämpfen.

Der Moment der größten Leidenschaft: Bebend gibt Jimena Diaz Rogrigo einen Glücksbinger vor der Schlacht. 
Der Moment der größten Leidenschaft: Bebend gibt Jimena Diaz Rogrigo einen Glücksbinger vor der Schlacht. 

Trockene aber spannende Inszenierung

In Deutschland sind die Anfänge der Rückeroberung Spaniens von den islamischen Invasoren, die Herrscher und ihre Kleinkönigreiche den meisten unbekannt. Die historische Überfülle an Namen, Konstellationen und Abhängigkeiten dürften viele Zuschauer etwas überfordern. In Ritterfilmen der 1950er-Jahre gab es stets eine lustige Nebenfigur, deren Späße den Film auflockerten. Das wurde bei "El Cid" gestrichen. Liebe und Erotik werden in anderen historischen Serien großzügig verteilt, in "El Cid" werden sie nur sparsam und damit vermutlich historisch korrekt eingesetzt. Erotischer Höhepunkt der Serie ist der Anblick eines weiblichen Oberschenkels, versehen mit einem kaligrafischen Liebeszauber. Für Rodrigo ist das schon zu viel der Versuchung, verstört entflieht er der Schönen. Also ganz anders, als der gleichnamige Hollywoodfilm von 1961, in dem Sophia Loren als Jimena Diaz dem pflichtgetreuen Charlton Heston mächtig einheizt. In der Serie spielt Lucía Guerrero die Jimena keusch und zurückhaltend. Als größtes Zeichen ihrer Leidenschaft steckt sie dem Liebsten einen Talisman zu.

Eigentlich erstaunlich, im sonstigen spanischen Screaming-Schaffen sind auch krasse Sexszenen normal, die im prüden deutschen TV nie gedreht würden.

Die ganze Figur des "El Cid" ist sperrig angelegt. Er bleibt ein Einzelgänger - Pflicht und Loyalität sind die wenig zeitgemäßen Leitsterne seines Lebens. "E Cid" serviert also nicht das ganz pralle Mittelalter. Dafür gehören die Kampfszenen zu dem Besten und Blutigsten, die es im TV zu sehen gibt. Auch weil sie auf das billige Immer-Mehr aus dem Computer verzichten. Für Freunde des Genres wiegt der entscheidende Kampf des jungen Rodrigos gegen den normannischen Kämpfer des aragonischen Heeres seine Wortkargheit mehr als auf. Aber wozu muss jemand, der so aussieht wie Jaime Lorente viele Wort machen? Die weiblichen Zuschauer werden sich auch so an ihm weiden.

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