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Emig-Prozess: Provisionen am Fließband

Vor dem Frankfurter Landgericht werden immer mehr Details über die Machenschaften des ehemaligen Sportchefs des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig, bekannt. Details, die Gebührenzahler erschrecken lassen - und die Funktionäre des Senders ins Schwitzen bringen.

Von Daniel Bouhs, Frankfurt am Main

Das Prinzip muss man sich so vorstellen: Von den neunziger Jahren an bis 2004 saß Jürgen Emig, heute 63, an der Spitze der Sportredaktion des Hessischen Rundfunks. Der HR und Emig profilierten sich in dieser Zeit - auch im Ersten - vor allem mit Radsport-Übertragungen, aber auch mit moderner Leichtathletik wie dem toughen Ironman, bei dem sich die härtesten Männer und Frauen ihre Körper um die Wette schinden. Doch der Etat des HR für Sport ist weitgehend auf die sogenannten Regelsendungen ausgelegt, also wöchentlich ausgestrahlte Zusammenfassungen und Diskussionsrunden. Für Events fehlt Geld - ein Dauerproblem.

Höher, schneller,...teurer!

Und dann kommt da eben einer wie Emig daher, der Spaß daran hat, pompöse Veranstaltungen zu übertragen, wie das Radrennen "Rund um den Henninger-Turm" in Frankfurt oder den besagten Ironman. Er moderiert sie teilweise auch selbst. Journalisten sind eitel, das ist oft Motivation genug. Und so fängt Emig an, nach Geldgebern zu suchen. Unternehmen und Verbände kommen entweder als Sponsoren direkt ins Bild oder sie übernehmen einen Teil der teuren Produktionskosten, dann leisten sie "Produktionsbeistellungen".

Dafür werden sie schon mal zusätzlich in Szene gesetzt: Ein Redakteur sagte jüngst, er habe auf Anweisung Emigs ausdrücklich in einem bestimmten Einkaufszentrum mit Sportlern Interviews führen müssen, obwohl sich das für ihn journalistisch nie erschlossen habe.

Im großen Stil

Das Problem ist nur: Die Sache geriet aus dem Ruder. Ein Kumpel Emigs, Jürgen Frahm, der als Chef des Deutschen Tanzsportverbandes selbst Geschäfte mit der ARD machte, gründet eine Agentur namens SMP. Emig selbst ist offiziell nicht involviert - wohl aber seine Frau, die einst selbst beim HR arbeitete. Die SMP organisierte also als zwischengeschaltete Agentur Geldgeber für HR-Übertragungen.

Wer davon profitiert hat? Genau: Familie Emig. Denn die Gewinne der Agentur, erzielt aus Provisionen der Geschäfte mit dem HR, flossen zum Teil an Emigs Frau, blieben also sozusagen in der Familie. Das wird von den Beteiligten nicht mehr abgestritten. Strittig ist hingegen die Summe. Die Staatsanwaltschaft spricht von bis zu 600.000 Euro, die Familie Emig abgegriffen haben soll. Er nicht.

Was wusste der HR?

Das Frankfurter Landgericht verhandelt die Sache seit Anfang August. Emig und Frahm müssen sich vor der 12. Kammer für Wirtschaftsdelikte verantworten. Schon zum Auftakt räumte Emig schwere Fehler ein. Er besteht jedoch seither darauf, dem Sender gleichzeitig gedient zu haben - und zwar bei vollem Mitwissen der Verantwortlichen.

Und da wird es kompliziert: Die HR-Funktionäre streiten das nämlich ab. Und so fragt sich das Gericht: Hat im Sender jemand etwas davon gewusst, dass Emig mittelbar hinter der SMP steckte?

Emigs ehemaliger Chef, der Ex-Programmdirektor Heinz-Werner Conrad, hat dies am Donnerstag vehement bestritten. "Es hat keine Gerüchte gegeben, wonach Emig von den Geschäften der SMP Geld einsteckte", sagte Conrad. Aber auch: "Wohl aber, ob dass bei seiner Frau der Fall war." Den Gerüchten sei sogar nachgegangen worden: Die Innenrevision des HR habe die Sache geprüft, auch ins Handelsregister geblickt - und laut Conrad nichts Bedenkliches entdeckt.

Die Sache mit den Zuschüssen

Seltsam, sagte Frahm, einst Geschäftsführer der SMP, zwei Wochen zuvor doch aus, er habe in seinem Privatanwesen mit dem Chef-Revisor des Frankfurter gebührenfinanzierten Senders gesprochen. "Ich habe ihm rübergebracht, dass Herr Emig für alle Geschäfte der Entscheidungsträger war", beteuerte Frahm, der nur ausführende Kraft der Emig-Deals gewesen sein, also einen Freundschaftsdienst geleistet haben will. Der Revisor ist übrigens für Mitte September als Zeuge geladen. Der Prozess selbst ist bis Ende Oktober terminiert.

Vor allem aber warten die Beteiligten gespannt darauf, was denn der amtierende HR-Chef, Intendant Helmut Reitze, zu den Vorgängen zu sagen hat. Denn der hatte im Jahr 2003 einen Brief eines Sport-Veranstalters bekommen, in dem der sich über die unverhältnismäßig hohen Zuschüsse beschwerte, die der HR verlangte. Auf den Brief, der an Ministerpräsident Roland Koch (CDU) ging und der dem Gericht vorliegt, hatte Reitze persönlich geantwortet - beschwichtigend.

Können 70.000 Euro einfach verschwinden?

Von den knapp 100.000 Euro, die der Frankfurter Ironman-Veranstalter Kurt Denk an die Agentur überwies, kamen nur 30.000 Euro überhaupt beim HR an. Irgendjemand hat also weit mehr als die Hälfte abgezwackt - die Staatsanwaltschaft vermutet die SMP, Emig und Frahm.

Reitze muss sich am kommenden Mittwoch vor Gericht erklären. Er wird sich auch die Frage gefallen lassen müssen, warum die Differenz im Sender nicht für Aufsehen sorgte. Und er wird darüber reden müssen, ob die journalistische Freiheit mit Emigs Geschäften eingeschränkt wurde.

"Anweisungen von Emig"

Der Reporter Werner Damm, einst Ergebener Emigs und heute Vize-Sportchef des HR, hatte nämlich erst vor wenigen Tagen gesagt, er habe auf Anweisung Emigs Sportler in Räumlichkeiten von Geldgebern interviewen müssen, obwohl er dafür keinen journalistischen Grund sehen konnte. Diskussionen mit Emig über solche Sachen seinen zudem "von kurzer Dauer" gewesen.

Interessant ist die Sache mit dem Brief an Reitze vor allem, weil Conrad jetzt aussagte, mit dem Vorfall nichts zu tun gehabt zu haben ("Da müssen Sie Herrn Reitze fragen!"). Sport war jedoch sein Ressort. Hat Reitze die Sache damit etwa klein halten wollen? Dieser Vorgang nährt zumindest den Verdacht, dass im HR so mancher mehr wussten, als er vielleicht zugeben mag.