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Die Medienkolumne: Öffentlich-schwächlicher Rundfunk

Das "schwarze Schaf" ist abgeurteilt. Was aber heißt das für die Herde? Der ehemaliger Sportchef Jürgen Emig war bestechlich und untreu - sollte dies für den Hessischen Rundfunk und die anderen, ähnlich organisierten Sender nicht ein paar Konsequenzen haben?

Von Bernd Gäbler

Hart, aber fair. Zwei Jahre und acht Monate Haft für Jürgen Emig. Dieses Urteil ist hart, aber gerecht. Mit bedeutender krimineller Energie hat der ehemalige Sportchef des Hessischen Rundfunks das eigene Portemonnaie in den von ihm selbst organisierten Geldstrom gehalten. Er floss von Sport-Sponsoren in Richtung seines Senders. Er war stets ein exponierter Vertreter des öffentlich-rechtlichen Journalismus - jetzt ist der Fall tief. Ein "System HR" habe er nicht erkennen können, erläuterte der Richter Christopher Ehrhard, allerdings hätte der Sender seinen Sport-Abteilungsleiter besser kontrollieren können und müssen. Der Sender selbst ist glimpflich davongekommen. Auf ihm liegt ein Schatten, aber nichts bleibt an ihm haften. Seine Repräsentanten haben die Auftritte vor Gericht einigermaßen souverän bewältigt. Wirklich? Gibt es keinen Grund zur Sorge? Können jetzt die Champagnerkorken zur Feier des 60. HR-Geburtstags fröhlich knallen? Kann die Karawane einfach weiterziehen? Oder gibt es nicht - bei allem Unterschied zwischen der faulen Frucht und dem Boden, auf dem sie gedieh - genügend Anlass für Einkehr, ja zur Umkehr?

Ärmliche Auftritte vor Gericht

Wäre das Gericht eine Bühne, wir hätten einen offenkundigen Gauner im ein grellen Spot-Light gesehen. Nicht die ganze Bühne wurde ausgeleuchtet. Es gab Auftritte, die waren absurd, andere waren traurig. Da gab es einen "Controller", der die Machenschaften der von Jürgen Emig verdeckt betriebenen Agentur untersuchen sollte. Also fragte er den offiziellen Geschäftsführer, Emigs Kompagnon Harald Frahm, der jetzt auf Bewährung mitverurteilt wurde, ob er denn ein Strohmann sei, was dieser verneint habe. Im Prozess sagte Frahm allerdings, ganz im Gegenteil habe er dem Controller gegenüber offengelegt, wie sehr er nur ein ausführender Helfer von Emig sei. Verträge ließ sich der Controller nicht zeigen.

Bis zur Verschriftlichung seines ersten mündlichen Bericht verstrich ein Jahr, weil er so viel Wichtigeres zu tun hatte, zum Beispiel das Regionalstudio Kassel einrichten musste. Werner Damm, Sportreporter und später Stellvertreter Emigs beklagte sich, wie schlecht dieser seine Mitarbeiter behandelt habe. Allerdings habe er sich gefügt, wenn er den Alt-Radstar Rudi Altig unbedingt in einem Kaufhaus habe interviewen müssen. Aufmüpfig sei er nie geworden, er habe ja im HR bleiben wollen. Was für eine traurige Aussage. Wie oft predigen die öffentlich-rechtlichen Großkommentatoren Mut und Zivilcourage, die nach innen aber offenbar nicht gefragt sind.

Wer prüft denn das Programm?

Eine Sekretärin war es, die den Fernsehdirektor auf Emigs Geschäfte aufmerksam machte; immer käme nur die Agentur SMP (das war Emigs under-cover-Firma) zum Zuge. Es gab keinerlei Reaktion. Recht souverän bewältigten die Intendanten, Klaus Berg, der ehemalige, und Helmut Reitze, der aktuelle, ihre Zeugenaussagen - aber was sagten sie? Für Sport habe er sich ohnehin nie interessiert, erklärte Berg schlankweg. Ungefähr eben so gut hätte er sagen können: fürs Fernsehen habe er sich so recht nie interessiert.

Und Helmut Reitze? Kaum guckte er einmal das Programm an, da merkt er gleich: Auf vier Minuten Eishockey gab es eine Minute Gewinnspiel. Da konnte doch was nicht stimmen! Recht hat er. Fragt sich nur, warum er nicht früher ins Programm schaute. Alles, was Emig programmbezogen machte - mit dieser Aussage zu seiner Verteidigung hat Emig ja recht -, war öffentlich. Da gab es einmal ein durch und durch Opel-freundliches Auto-Magazin; ein Football-Magazin allein zugunsten der Frankfurt Galaxy; die Werbetafeln bei Start, Ziel und Bergwertung des Radrennens "Rund um den Henniger Turm" waren nicht zu übersehen; ebenso wenig die Geschäfte mit dem "Hessen-Lotto", die jährlich wiederkehrende Versicherung des Sportchefs in den Etat-Verhandlungen, er werde das schon hinbiegen, auch wenn das Budget auf dem Papier bereits Ende des Frühjahrs erschöpft sei; die Belobigungen gegenüber anderen Abteilungsleitern, an Emig sollten sie sich mal ein Beispiel nehmen.

Dabei pfiffen es die Spatzen von den Dächern und in Hessen wusste es zumindest jeder führende Sportveranstalter: Wer immer ein Reit- oder Tanzturnier ausrichtete, musste zahlen, wenn er damit ins Fernsehen wollte. Über Jahre hat die Kontrolle komplett versagt. Dabei geht es nicht allein um besseres Verwaltungshandeln oder die Gremien, sondern es geht um den Geist, der in den Anstalten herrscht. Zielt er auf Offenheit, Transparenz, Selbstkritik und Dialog nach außen oder sind hier Duckmäuser am Werk, die sich verfolgt fühlen, allenfalls ängstlich tuscheln und sich abschotten gegen die Einsicht von draußen?

Käuflicher Journalismus

Emig hat viele Sponsorengelder organisiert. Wahrscheinlich hat er sich im Laufe der Zeit gedacht, dass er da doch selber auch etwas von haben müsse. Besorgt er 60.000 und gibt dem HR davon 40.000, dann haben doch beide was davon. Jedenfalls mehr als wenn er nix besorgt. Das sind die "Beistellungen". Noch heute weist der HR, der sie abgeschafft haben will, in jeder Pressemitteilung darauf hin, dass "Beistellungen" ja eigentlich ganz legal sind. Wer wollte auch etwas dagegen haben, wenn ein Hersteller ein paar Autos kostenlos zur Verfügung stellt und dafür im Abspann dankend erwähnt wird? Die öffentlich-rechtlichen Sender verweisen auf legales "Sponsoring", reden allenfalls von "Grauzonen", wenn in "Wetten, dass..?" einmal wieder ganz unmotiviert Mercedes-Limousinen oder Handys vorgezeigt werden; wenn im Auto-Service des Saarländischen Rundfunks (da, wo ARD-Chef Fritz Raff zu Hause ist) vor gefährlichen "Billig-Schlappen" aus China gewarnt wird und dabei wie zufällig das Michelin-Männchen ins Bild kommt. Und so weiter und so heiter. Gerade Sportübertragungen haben oft nichts mit der Relevanz eines Ereignisses zu tun, sondern allein mit Geld, das für Werbung bezahlt wird.

Die Werber aber begnügen sich nicht mit Ungefährem. Bis auf die Sekunde genau wird festgelegt, wann und wie ein Marken-Logo ins Bild zu kommen hat. Darüber gibt es Verträge und Menschen, die sie schließen. Nur keine hinreichende Kontrolle. Ich behaupte aber, dass jeder einigermaßen journalistisch Geschulte zu erkennen vermag: wird dieser Produktname oder jene Aussage gesendet, weil dies sinnvoll und notwendig ist oder führt hier die Werbung Regie? Die Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt ist ein allgemeiner journalistischer Grundsatz. Der Sportchef Jürgen Emig hat sich in einem System schmieren lassen, das geschaffen wurde, um Unabhängigkeit zu garantieren. Käuflicher Journalismus ist kein Kavaliersdelikt.

Sie sollen ernst nehmen, wofür wir sie bezahlen

Es ist auch keineswegs alles zu tun geboten, was nicht explizit verboten ist. Nicht nur das Recht gilt hier, sondern auch das moralische Beispiel. Aus dem Fall Emig, der in seiner konkreten Ausprägung gewiss ein Einzelfall ist, haben alle, die den Auftrag "öffentlich-rechtlich" ernst nehmen, nicht nur Konsequenzen zu ziehen bezüglich der Kontrolle, der Aufsicht oder des inneren Beschwerdemanagements. Die Revitalisierung des Gedankens vom Senden in gesellschaftlichem Auftrag ist auch keine Frage der Übertragungswege (mehr Internet) - sondern es geht um den Geist und das Herz, die Verfassung nach innen und die Offenheit nach außen bei den gebührenfinanzierten Institutionen.