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Medienkolumne zu Günther Jauch: Der Golden Retriever unter den Talkern

Er leitet den quotenstärksten Polit-Talk im deutschen Fernsehen. Doch sobald es politisch wird, versagt Günther Jauch regelmäßig, wie zuletzt beim griechischen Finanzminister. Eine Bilanz.

Von Bernd Gäbler

Mit strenger Miene befragt Günther Jauch am 15. März den griechischen Finanzminister Gianis Varoufakis, ob er sich vor Jahren einer oszönen Geste schuldig gemacht haben könnte

Mit strenger Miene befragt Günther Jauch am 15. März den griechischen Finanzminister Gianis Varoufakis, ob er sich vor Jahren einer oszönen Geste schuldig gemacht haben könnte

Sonntagabend - ungefähr zehn Millionen Menschen sehen jetzt zu. Ganz schnell nach dem "Tatort" sagt Günther Jauch auf, worum es gleich gehen wird. Er sagt das so, dass es jeder versteht. Er spricht etwas schneller, vermittelt, dass jetzt gleich etwas ganz Wichtiges passieren wird. Er sagt das sehr artikuliert, aber in der Intonation eines Märchenonkels. Dann kommen dramatische Musikakzente und die Vorstellung der Gäste - so geht es Sonntag für Sonntag in der ARD.

Im Durchschnitt erreicht Günther Jauch dann fast halb so viele Zuschauer wie der "Tatort". Damit führt er die Talkshow-Hitparade natürlich klar an, erreicht rund 1,5 Millionen Zuschauer mehr als Frank Plasberg und zwei Millionen mehr als Maybrit Illner.

Wie aber läuft es dann in der Talkshow?

"Günther Jauch" - der Normaltypus der Sendung

So war es am vergangenen Sonntag: Manuela Schwesig sagt, was Manuela Schwesig immer sagt. Roland Tichy widerspricht genauso, wie es Jauchs Rechercheure schon vorher hatten aufschreiben können. Der Talk läuft wie geplant. Alle Diskutanten sagen im Großen und Ganzen das, was man schon von ihnen lesen konnte. Das Thema ist einigermaßen aktuell. Die Anwesenden sind mit dem Thema befasst. Die Runde entspricht in etwa dem politischen Spektrum. Es sind nicht nur Politiker da (die mag der Zuschauer nämlich nicht so), sondern auch Betroffene, eine Journalistin und ein Unternehmer.

Immer wieder schaut Günther Jauch dann mit großen Augen erstaunt in die Runde oder stellt eine Frage, die auf der Hand liegt. So bleibt das Reden in Schwung, aber eigentlich könnte man auch ein paar Schauspieler Zeitungsschnipsel oder Interviewauszüge vorlesen lassen. Aus der Konfrontation der Meinungen schlägt Jauch keine Funken. Es gibt zwischendurch zwar mal ein "Erklärstück", aber Jauch vertieft nichts, verschafft der Debatte keine zusätzliche Dimension, treibt keinen politischen Prozess voran. Er macht brav seinen Job, begeht keine schlimmen Fehler, bewirtschaftet aber letztlich nur das Naheliegende.

Mindestens so gut könnten das auch Anne Will, Maybrit Illner oder Frank Plasberg, aber sie sind natürlich nicht so populär wie der omnipräsente Jauch mit dem treuen Hundeblick. Er ist der Golden Retriever unter den Talkern. Vielleicht würden die anderen im Schnitt nur 4,2 Millionen statt 4,6 Millionen Zuschauer holen. Vielleicht wäre die Diskussion ein wenig besser. So weit, so wenig aufregend - im Fernsehen ist halt vorne, was Reichweite bringt.

Die außerordentlichen Sendungen

Das Problem ist allerdings, dass es neben diesem "Normaltypus" der Sendung "Günther Jauch" immer wieder auch einige Sendungen gibt, die eigentlich besonders heikel, besonders brisant, also auch politisch besonders aufregend sind - oder sein könnten.

Da gab es im vergangenen November eine Sendung zu den Muslimen in Deutschland, die den seltsamen Titel trug: "Gewalt im Namen Allahs - wie denken unsere Muslime?" Im Januar folgte "Politik trifft auf Protest - Pegida bei Günther Jauch", in der erstmals eine führende Vertreterin dieser Bewegung sich nicht etwa "stellte", wie es sonst bei Jauch gerne heißt, sondern sich beehrte, die nationale Talkbühne zu betreten. Und natürlich ist es auch etwas Besonderes, wenn inmitten einer ernsthaften Krise der europäischen Gemeinschaft und des bilateralen Verhältnisses beider Staaten ein griechischer Finanzminister in einer deutschen Talkrunde auftritt. Bei Jauch unter dem reißerischen Titel: "Der Euro-Schreck stellt sich."

Was haben diese drei so unterschiedlichen Sendungen gemeinsam? Dass es eigentlich besonders originelle, besonders tolle Sendungen hätten sein können, die Jauch aber samt und sonders in einen totalen Crash gesteuert hat. Immer, wenn es im eigentlichen Sinne politisch brisant wird, versagt er.

Jauch bereitete die Bühne

Da hatte Abdul Adhim Kamouss, der wie ein Wasserfall redende Prediger in der Al-Nur-Moschee, brav getan, was die Redaktion von ihm wollte, und sich schön mit Kopfbedeckung und weitem Gewand ausstaffiert, damit jeder zu Hause auf den ersten Blick erkennt, mit wem er es zu tun hat. Doch dem überforderten Jauch lief die Sendung zu "Unseren Muslimen" vollständig aus dem Ruder. Die ebenfalls anwesende "Spiegel"-Redakteurin Özlem Gezer hat schön beschrieben, wie sie hilflose Zeugin dieses TV-Unfalls wurde.

Sorge, wenn nicht Angst flößt so ein nicht einzufangender Islam-Prediger ein. Mit solch einem Grundverdacht wurde er auch angegangen. Ganz anders die Pegida-Dame Kathrin Oertel im Januar: vorsichtig, leise, nur sanft und nur ja nicht konfrontativ wurde sie befragt. Als wollte Jauch sie auf keinen Fall verschrecken, war er doch der erste, dem sie die Gnade erwies, zur "Lügenpresse" herabzusteigen. Man kennt nicht die im Hintergrund getroffenen Absprachen, aber für Pegida sollte dieser Talkshow-Besuch gewissermaßen die offizielle Anerkennung als ernstzunehmende politische Kraft bedeuten.

Jauch bereitete diese Bühne. Der Golden Retriever bellte nicht, sondern ließ sich streicheln. Ressentiments und Vorurteile "besorgter Bürger" gegen Asylbewerber kann Günther Jauch allemal genauso einfühlsam artikulieren wie sein Staunen darüber, dass Frauen tatsächlich noch immer weniger Lohn bekommen als Männer.

Elch-Test für den "Euro-Schreck"

Kein geringeres Desaster war die März-Sendung mit Yanis Varoufakis. Dabei geht es nicht um den echten oder gefälschten Finger, sondern um die gesamte Anlage der Sendung. Da war kein offener, kritischer Diskurs geplant, sondern eine Art Elch-Test für den Grusel erregenden "Euro-Schreck". Die Mittalker, Bayerns Finanzminister Markus Söder und der derbe "Bild"-Kolumnist Ernst Elitz sollten für den Seitenwind sorgen. Jauch guckte streng, attestierte dem Finanzminister am Ende aber jovial, dieser habe sich ordentlich geschlagen. Was bildet er sich eigentlich ein?

Bleibt die Frage: Warum lässt es die ARD, in der es doch viele gute Journalisten gibt, eigentlich zu, dass einer ihre politische Vorzeigesendung anführt, der regelmäßig versagt, sobald es tatsächlich um brisante Politik geht? Das wird wohl mit Qualität und Quote zu tun haben - siehe oben.