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TV-Kritik "Günther Jauch": Schwiegermutter-Bonus statt Stinkefinger

Günther Jauch macht es wie Angela Merkel: Schweigen, wenn's brenzlig wird. Varoufake hin, Varoufake her - kein Wort zu letzten Sendung. Diskutiert wird über Equal Pay und ein entsprechendes Gesetz.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Frauenquote und faire Bezahlung: "Günther Jauch" war die "Varoufake-Affäre" aus der letzten Sendung kein Thema wert.

Frauenquote und faire Bezahlung: "Günther Jauch" war die "Varoufake-Affäre" aus der letzten Sendung kein Thema wert.

Tut er es? Tut er es nicht? Er hat es nicht getan. Günther Jauch, wohl mit dem Angela-Merkel-Gen ausgerüstet, das für Aussitzen und Totschweigen verantwortlich ist, hat in seiner Talkshow am Sonntagabend keine weitere Erklärung abgegeben zum sogenannten Stinkefinger-Gate oder auch "Varoufake". Keine Entschuldigung. Keine Rechtfertigung. Kann man machen. Unsere Antwort: Setzen, sechs!

Jauch aber, ohne mit der Brille zu zucken, zieht lieber einen anderen Joker: "Deutlich mehr Frauen schauen bei uns zu." Verstanden. Hier spricht also der Frauenliebling. Ob Schwiegermama, ob Uroma, ob Enkelin - alle haben den Günther gern. Er scheint das zu glauben. Auch so eine Hybris. Jenseits der, über redaktionelle Fehler im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht sprechen zu müssen. Ja, man könnte sich aufregen, man tut es auch. Aber Günther lächelt sanft. Und er hat eine Frage mitgebracht: "Fühlen Sie sich gerecht bezahlt?"

"Warum verdienen Frauen weniger?"

Edeltraut Walla, Schreinermeisterin aus Stuttgart, tut es nicht. Und sie macht was dagegen. Das Thema der Sendung "Der ungerechte Lohn, warum verdienen Frauen weniger?", beantwortet sie ihrerseits mit dem Appell an alle Frauen, es ihr gleichzutun: "Nehmt es nicht hin! Klagt!" Neben ihr sitzt Sylvia Wilson. Bei einem Industrieunternehmen hat die Managerin aus Köln satte 55.000 Euro weniger im Jahr verdient als ihre männlichen Kollegen - bei gleicher Tätigkeit. Auch sie hat es nicht hingenommen. Sondern den Arbeitgeber gewechselt. Nun kriegt sie für ihren Job dasselbe wie ein Mann.

Zwei Frauen, zwei Geschichten, dasselbe Thema. "Und das sind keine Einzelfälle", stellt SPD-Politikerin Manuela Schwesig heraus, die längst beschlossen hat, gegen Lohnungleichheiten vorzugehen. Denn: "Ich will nicht länger zugucken bei so viel Ungerechtigkeit." Das sei "wie im Mittelalter". Bis spätestens Ende des Jahres will die Bundesfamilienministerin nach eigenen Angaben ein entsprechendes Gesetz vorgelegt haben, wohl unterstützt von Volker Kauder, das auf den Namen "Entgeltgleichheitsgesetz" hört. Jauch aber findet das Wort nicht schön.

Nur Lügen und Manipulation

Zu den Zahlen, die vorgelegt werden: Frauen verdienen deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen, im Schnitt 22 Prozent. Bei gleicher Tätigkeit liegt der Unterschied bei bis zu 7 Prozent. Europaweit liegt Deutschland mit diesen Lohnunterschieden ganz weit hinten- nur drei Länder treiben es noch doller mit der Lohnschere der Geschlechter, darunter Estland. Man hört die Zahlen.

Man hofft, sie stimmen. Aber solange kein Stinkefinger mit im Spiel ist, wird doch wohl schon alles seine Richtigkeit haben - oder? Mensch, kann Fernsehen nicht einfach mal entspannend sein. Immer nur die nächste Lüge, die nächste Manipulation wittern wollen, geht doch nicht.

Frauen müssen wie "Orang-Utans" verhandeln

Thomas Sattelberger war ehemaliger Vorstand bei der Telekom. 2007 kam er ins Unternehmen. Die Gehälterdifferenz bei Arbeitsantritt: bis zu 29 Prozent. Auch hier zu Ungunsten der Frauen. Dass jetzt die Politik eingreifen will, bewertet er als ein Versäumnis der Personalverantwortlichen: "Vor sieben, acht Jahren hätten sie die Zeichen der Zeit erkennen und die Sache in die Hand nehmen müssen." Um Fairness müsse sich zuallererst das Unternehmen selbst kümmern. Es könne nicht sein, dass Frauen "wie ein Orang-Utan" verhandeln müssten, damit sie mehr rausbekommen. Findet auch die Journalistin Elisabeth Niejahr. Es löse, wie sie befindet, das Problem nicht, den Frauen zu sagen, sie sollten einfach besser verhandeln.

Zudem würden gerade die, die es anpacken, als "zickig" gelten. Roland Tichy, ebenfalls Journalist, bleibt hingegen dabei, die Frauen in die Verantwortung zu nehmen, selbst für besseres Gehalt zu kämpfen. Verhandlungspositionen erleichtern können, und hier ist Schwesig wieder am Zug, wenn, ihr nächster geplanter Coup, die Lohnspannen in Unternehmen öffentlich gemacht würden.

Wo war Jauch eigentlich?

Es ist viel von Kampf die Rede. Marcus Wöhrl, er ist Chef einer Hotelkette, sieht aber aus würde er bei einer Boy-Group singen, winkt hingegen ab. Nach dem Motto: Wen kümmert´s, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Heutzutage, sagt er, würde man doch diese Unterschiede nicht mehr machen, da die Frauen, dort die Männer, da die Christen, dort die Muslime. Das seien für ihn keine Kriterien, nach denen er Mitarbeiter einstelle. Die Debatte, die Schwesig weiter befeuere, könne er "nicht mehr hören". Sie würde polemisch geführt.

Zudem wehre er sich gegen einen Eingriff in die unternehmerische Freiheit. Ebenso rot sieht Wöhrl beim Stichwort "Frauenquote". Er gerät immer mehr in Fahrt und nimmt Schwesig ins Visier: "Sind Sie nicht stolz, dass Sie es ohne Frauenquote geschafft haben?". Schwesig antwortet so: "Ich habe nicht vergessen, wo ich herkomme." Und sucht lieber den Konsens mit Wöhrl: Ja, es müsse natürlich auch weiterhin, so wie er es gefordert habe, der Leistungsgedanke gelten." Apropos: Sicher auch für Herrn Jauch, oder? Ups, wo ist der eigentlich? Die Talkshow ist gleich rum. Allein: Man hat ihn gar nicht so richtig bemerkt. Und Thomas Roth hat mit seinen "Tagesthemen" längst übernommen.

  • Sylvie-Sophie Schindler