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Halbfinale "The Voice of Germany" "Rocketman" rettet bräsige Battles


Das Publikum sieht in Antistar Andreas Kümmert schon jetzt den Sieger von "The Voice of Germany". Das Halbfinale bot kaum Überraschungen – von einer Fehlentscheidung abgesehen.
Von Simone Deckner

Stets findet Überraschung statt, da wo man's nicht erwartet hat", sprach Wilhelm Busch, der begnadete Rapper, Gott hab' ihn selig. Nur gut, dass er nicht im Jahr 2013 "The Voice of Germany" gucken muss. Wie sollte man ihm erklären, dass einen da nichts auch nur ansatzweise überrascht? Und das, obwohl man nun wirklich nichts erwartet hat.

Arg bräsig kommt daher, was ProSieben/Sat.1 als große Unterhaltungsshow Marke "Schaut her, wir machen Stars" verkauft. Man hat allein schon Mühe, wach zu bleiben, weil alle 15 Minuten ein Werbeblock von gefühlt 20 Minuten den Sangeswettstreit unterbricht. Da reibt uns dann die ebenfalls gecastete Sängerin Lena Meyer-Landrut ihre neue Gesichtscreme unter die Nase. Es macht einen kurz sentimental. So schnell kann's gehen.

Tattoos, die bestechen

Bis das erste von vier "Cross-Battles" weitere schwermütige Gedanken stoppt. Die Teams fordern sich heraus. Für Team Nena tritt Peer Richter an. Er hat was vom jungen Schweini. Leider singt er ein Lied vom jungen Tim Bendzko. In ein paar Jahren wird er das unter "Erfahrung" verbuchen können. Sein Gegner Chris Schummert sieht eher aus wie ein junges Model für einen Herrenduft. Er singt kein Lied von Tim Bendzko, sondern eins von den alten Männern von Police. Gute Wahl. Team Samu (und alle Frauen) so: Yeah! Und der Sieg für Chris.

Im zweiten Battle entscheidet sich die bis zum Hals tätowierte Judith van Hel für die zu Tode genudelte Heulsusen-Hymne "Chasing Cars" von Snow Patrol Das Spannendste an ihrem Vortrag: Im Hintergrund wirbelt der Federtänzer aus "Got To Dance" herum. Judiths Kontrahentin Emily Intsiful hat klar die bessere Stimme. Und sie hat eine tolle Ausstrahlung. Aber sie hat keine Tattoos und weniger Twitter-Fans. Deshalb gewinnt die Frau mit den Tattoos, weil die ja bestimmt irgendetwas bedeuten. So was interessiert den Zuschauer immer. Die Tattoo-Frau singt - wie alle Kandidaten - noch einen eigenen Song. "Fucking beautiful" heißt der. Wer jetzt denkt: Moment mal, Christina Aguilera hat doch genau so einen Song zu genau dem gleichen Thema gemacht? Stimmt.

Ist das der Moderator oder kann das weg?

Über den Moderator muss man auch reden. Mehr Platituden als Thore Schölermann haut sonst nur noch ein Lothar Matthäus raus. Ein wahllos herausgegriffenes Beispiel: "Er steht einfach nur da und singt uns hin und weg". Schölermann schleimt sich bei Peer Richter ein, der kurz danach in hohem Bogen rausfliegt. Quälend auch, wie sich der Schauspieler ("Verbotene Liebe") durch sein Interview mit Gaststar Katy Perry stottert: "Wow, you look ...hot, ey." Die Perry mit Verachtung im Blick: "I don't know if that's the word?". Andererseits: Immer wieder überraschend, wo Fernsehsender solche Wegmoderiermaschinen wie Schölermann herbekommen. Da muss es an der deutsch-holländischen Grenze geheime Fabriken geben, wo die hergestellt werden. Interessant, weil unerwartet ernsthaft auch der Einwurf von Megastar Perry, die in einem 80er-Jahre-Madonna-Revival-Outfit mit Schottenröckchen und Netzhemd aufkreuzt. Ob denn einer der Kandidaten ein Instrument beherrsche? "That's always helpful."

Tiana Kruskic aus dem Team Nena will schon mal "keinen Rock, keine Röhre" machen, wie sonst immer. Ein Instrument hat sie nicht dabei. Aber ein bosnisches Friedenslied. Für den Grand Prix Vorentscheid wäre das eine gute Wahl gewesen. Ihre Konkurrentin Debbie Schippers vergreift sich ihrerseits an U2s "With Or Without You", vergeigt dabei komplett den Einsatz: "Ich hatte ein Knacken im Ohr". Technikpanne hin oder her: Man muss als U2-Fan der ersten Stunde feststellen: Sie hat den Song umgebracht. Man kann nur hoffen, dass Bono kein Satellitenfernsehen hat. Der Logik dieser Sendung folgend kommt sie natürlich trotzdem weiter. Ihren eigenen Song "Skin and Bones" kriegt sie dann schon besser hin.

Der Siegeszug eines Nerds

Und dann kommt irgendwann endlich auch der Mann, dem alle schon den Sieg dieser Staffel vorhersagen. Der "Rocketman" bekam seinen Spitznamen für seine Interpretation des Songs von Elton John. Bürgerlich: Andreas Kümmert, 27 Jahre alt, aus Unterfranken. Er hört es nicht gern, aber mit seinem IT-Techniker-Outfit Matte, Vollbart und ein paar Kilos mehr ist er der Nerd der Staffel. Singen kann er wie ein ausbrechender Vulkan. Warum sollte aber auch das Aussehen etwas mit den gesanglichen Fähigkeiten zu tun haben? Kümmerts Version des Beatles/Joe Cocker-Songs "With A Little Help From My Friends" ist sehr, sehr gut. Hoffentlich hat Joe Cocker kein Satellitenfernsehen. Samu Haber bringt es rotzlöffelig auf den Punkt: "Ein bisschen Arschkarte für Caro". Caro Trischler muss gegen Andreas antreten. Sie hat keine Chance.

"Andreas hat sieben Jahre auf Kleinbühnen gestanden. Ihm gebührt es jetzt einfach, gehört zu werden", sagt sein Coach Max Herre. Der "Rocketman" macht das tatsächlich bereits beruflich. 150 Konzerte spielt er im Schnitt pro Jahr. Dieser Hintergrund wird ihm helfen in der Zukunft, wo ihm alle zu Füßen liegen werden – für ein paar Wochen. Nach der Sendung bricht dann auch erstmal seine Website unter den Zugriffen zusammen.

Im Finale am 20. Dezember stehen nur zwei Schützlinge von Samu Haber, einer von The Boss Hoss und einer von Max Herre. Nur Nena ging leer aus. Sie wird es verkraften. Die sonst so aufgedrehte Sängerin blieb die meiste Zeit über stumm. So, als sei sie gar nicht richtig anwesend. Und die Moral von der Geschicht'? Wir geben erneut ab an Wilhelm Busch: "Gute Unterhaltung besteht nicht darin, dass man selbst etwas Gescheites sagt, sondern dass man etwas Dummes anhören kann."


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