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Momente der TV-Geschichte "Schalt' sofort den Fernseher ein" – Hape Kerkelings Zwangs-Outing durch Rosa von Praunheim

Rosa von Praunheim
Rosa von Praunheim 1991 in der TV-Sendung "Explosiv - der heiße Stuhl". Damals outete er Alfred Biolek und Hape Kerkeling
© MG RTL D
Rosa von Praunheim outet 1991 zwei TV-Lieblinge als schwul: In der RTL-Show "Explosiv - der heiße Stuhl" nennt er Alfred Biolek und Hape Kerkeling. Der Komiker erfährt durch einen Anruf davon.

Der 10. Dezember 1991 sollte ein gemütlicher Fernsehabend werden. Doch er endet in einer beispiellosen Aktion in der deutschen TV-Geschichte. Vor laufender Kamera in der RTL-Sendung "Explosiv – der heiße Stuhl" outet der Schwulenaktivist Rosa von Praunheim die Fernsehstars Hape Kerkeling und Alfred Biolek gegen deren Willen als schwul.

"'Bio' zum Beispiel ist unheimlich beliebt. Warum kann der nicht einfach sagen: 'Ich bin schwul", sagte Rosa von Praunheim über den beliebten Moderator Alfred Biolek, der damals wöchentlich mit seiner Talkshow "Boulevard Bio" in der ARD auf Sendung war. Auch Hape Kerkeling habe eine Vorbildfunktion. "Der ist ein unheimlicher Sympathieträger", erklärte der Provokateur von Praunheim. Doch "öffentlich machen" wolle er sich nicht. "Der heiße Stuhl"-Moderator Ulrich Meyer wirkte hilflos. Zum Eingreifen war es zu spät – also ließ er seinen Gast gewähren.

Das Zwangs-Outing zweier Fernsehstars erzeugte ein riesiges Medienecho. "Pfui, Rosa! Schwulen-Verrat im TV" titelte die "Bild"-Zeitung und verbreitete die Nachricht vom Outing damit erst recht. Von Praunheim stand in der Kritik und löste eine große Diskussion aus. Er habe die TV-Lieblinge geächtet und ihnen damit einen Bärendienst erwiesen. Homosexualität war in der deutschen Gesellschaft 1991 noch immer ein Tabuthema. Dass Prominente offen leben, schien undenkbar.

Hape Kerkeling bekommt Anruf von Freundin

"Sensiblere Naturen als ich hätten sich in einer Kurzschlusshandlung womöglich mit dem Fön in die Badewanne gelegt", sagte Kerkeling ein Jahr nach von Praunheims Aktion in einem Interview mit dem "Spiegel". Wie er von dem erzwungenen Outing erfuhr, schilderte Kerkeling so: Einen Tag vor der berüchtigten "Explosiv"-Sendung habe Praunheim ihn angerufen und wissen wollen, ob er schwul sei. "Ich habe ihm gesagt, das veröffentliche ich, wenn ich es für richtig halte. Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Am Abend darauf rief eine entsetzte Freundin bei mir an: 'Schalt sofort den Fernseher ein, es geht dir an den Kragen.'"

Letztlich schadete das Outing aber weder Biolek noch Kerkeling – im Gegenteil. Biolek war danach mit seiner Kochsendung "Alfredissimo" erfolgreicher denn je, Kerkeling sollte mit Kunstfiguren wie Horst Schlämmer später noch Millionen begeistern und bekam sogar Deutschlands größte Show "Wetten, dass ..?" angeboten.

Rosa von Praunheim spricht von "Verzweiflungstat"

"Mein Outing von schwulen Prominenten war ein Verzweiflungsschrei auf dem Höhepunkt der Aidskrise“, erklärte von Praunheim später über seine Absichten. "Ich wusste, das war unanständig", erklärte er über das Zwangsouting, aber er habe damals eine "Bombe werfen" müssen. Letztlich erreichte er, was er wollte. Die Tabuisierung von Homosexualität - auch bei Prominenten - ist längst Geschichte. Sein Auftritt von 1991 legendär.

mai

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