Interview Dieter Wedel "Ein Regisseur ist einem Hochstapler ähnlich"


In seinem neuen TV-Zweiteiler führt Dieter Wedel den Zuschauer in die glitzernde Partywelt eines Finanzjongleurs. Im stern.de-Interview spricht der Regisseur über das Leben in zwei parallelen Beziehungen, seine Begegnungen mit dem Millionenbetrüger Dieter Harksen - und verrät, wofür er Hochstapler bewundert.

Herr Wedel, gab es einen konkreten Anlass, sich mit der Karriere eines Finanz-Hochstaplers zu befassen? Die Legende sagt, es sei der Moment gewesen, da die Gerichtsreporterin der "Hamburger Morgenpost" ihren Bericht über den Prozess gegen den Millionenbetrüger Jürgen Harksen 2003 mit den Worten "Wedel, übernehmen Sie!" abschloss. Stimmt's?
Ehrlich, ich hatte bis dahin noch nie von Harksen gehört. Den Artikel haben mir Mitarbeiter gezeigt. Die Reporterin hatte den Prozess als äußerst amüsant empfunden und fühlte sich an Mehrteiler von mir erinnert. Daher ihre Aufforderung. Ich suchte damals nach einem Stoff, der es mir erlaubte, in möglichst humorvoller und spannender Weise mein Unbehagen an der Entwicklung des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend zu thematisieren. Immer mehr wurde nach dem Preis einer Sache gefragt und nicht mehr nach ihrem Wert. Alle schienen nur noch auf die äußere Verpackung zu achten. Ich glaubte, dass das irgendwann auf eine Katastrophe zulaufen müsse.

Vor sechs Jahren haben Sie Jürgen Harksen getroffen und befragt ...


Zuerst habe ich ihn in der Haftanstalt Fuhlsbüttel aufgesucht, dann erlaubte ihm die Anstaltsleitung, zu mir nach Hause zu kommen. Ein Fahrer musste ihn abholen und später wieder dort abliefern. Harksen hat sich gleich beschwert, dass er nur in einem alten Mercedes chauffiert wurde ...

Heute wirft Harksen Ihnen vor, Sie hätten ihn ausgenutzt und sein Leben verfilmt.
Ein Biopic hatte ich nie vor, davon war auch nie die Rede. Er hat mir damals gesagt, eine große deutsche Produktionsfirma wolle seine Geschichte verfilmen, da habe ich nur gesagt: "Na, dann machen Sie das, denn ich mache das nicht." Dann erzählte er mir von 400.000 Euro, die man ihm geboten hätte. Ich habe ihm erklärt, dass solche Summen bei mir ganz ausgeschlossen wären. Wir haben dann einen Vertrag geschlossen, hatten fünf ausführliche Treffen und Harksen hat ein durchaus großzügiges Informationshonorar von mir bekommen.

Aber Ihr Film ist schon von Harksens Gaunereien inspiriert?


Ich möchte mich von der Wirklichkeit inspirieren, aber meine Fantasie nicht zu sehr einengen lassen. Vielleicht gelingt es, über das Gefundene zu einer neuen Wahrheit zu finden.

Hatten Sie, als Sie das Drehbuch von "Gier" begannen, bereits die Form der Tragikomödie, mit Elementen des Possenspiels, im Sinn?


Nein, das wusste ich zu Beginn überhaupt nicht. Ich möchte nicht Gleise verlegen, ehe ich nicht weiß, wo der Bahnhof steht. Später habe ich auf Mallorca noch einen anderen Hochstapler kennengerlernt, der hatte seinen Anlegern ein Prozent Gewinn pro Tag versprochen. Auch er empfand wie Harksen nicht das geringste Unrechtsbewusstsein: Die Kunden hatten ihm ihr Geld doch geradezu aufgedrängt. Von dem stammt der Satz im Film, er sei das Opfer des riesigen Vertrauens, das ihm alle entgegen bringen. Er ist das Opfer! Da sind wir natürlich nicht weit von der Komödie entfernt.

Tatsächlich wirken die Anleger in "Gier" wie besonders fanatische Jünger ihres Rendite-Gurus Dieter Glanz.


Ja, wie in einer Sekte. Die laufen mit diesem erhebenden Gefühl herum, sie würden zu den Auserwählten gehören, die bald das Paradies sehen werden. Und entsprechend geduldig und leidensfähig verhalten sie sich, wie die Schafe.

Warum schalten diese Menschen so vollständig ihren Verstand aus?


Viele Betrogene, darunter durchaus clevere Geschäftsleute, haben mir gestanden, sie wollten nicht deshalb blöd dastehen, weil sie dauernd nachfragen. Da haben Sie wohl eine der Ursachen für die Weltwirtschaftskrise.

Der zweite Teil Ihres Films sieht aus wie in einem luxuriösen Straflager - beim ewigen Warten auf die ominöse "Auszahlung" vertreibt man sich die Zeit: Besäufnisse, Ehebruch, es wird gefeiert und getanzt, eine Polonäse um den Pool nach der anderen, mit dem Rattenfänger Dieter Glanz an der Spitze. Eine Zwangs-Party ohne Erlösung?


Aber immerhin an den schönsten Schauplätzen, die man sich vorstellen kann. Aber Sie haben Recht: Noch eine Finte, eine Verzögerung, eine Vertröstung, ein Bluff, eine Durchhalte-Rede, ein Heilsversprechen für die Zukunft. In der Wirklichkeit haben die Leute es neun Jahre geglaubt, neun Jahre! Da gibt es, wie auch jetzt im Film, eine Reihe von Menschen, die einfach nicht zugeben können, dass sie sich haben reinlegen lassen. Diese Scham schmerzt einige mehr als der finanzielle Verlust.

Wie Ulrich Tukur ihn spielt, mit kraftvoller Eleganz, kommt der Hochstapler Glanz reichlich gut weg in Ihrem Film. Ist der Betrüger am Ende auch ein tragischer Held?
Ja, natürlich. Wie unendlich einsam muss einer sein, der nur noch lügt? Aber er muss über Charisma verfügen, er muss ein überzeugender Verführer sein, sonst wäre es doch gar nicht nachzuvollziehen, dass seine Kunden ihm so blind folgen und so voll vertrauen. Außerdem bewundere ich den Einfallsreichtum solcher Geschichtenerzähler, wie es Hochstapler nun einmal sind. Aber am Ende ist dieser Glanz natürlich ein melancholischer Versager wie aus einer bittersüßen Fitzgerald-Story.

In "Gier" werden einige Anleger auch deshalb zu Opfern, weil sie die scheinbare Wärme einer "Ersatzfamilie" suchen. Ist der Film ein Plädoyer dafür, Freundschaft und Geschäfte fein säuberlich voneinander zu trennen?
Der Trick, das zu vermischen, den sehen Sie doch in jeder Bankfiliale. Da wird von einem "Beratungsgespräch" geredet, obwohl es sich ganz klar um ein Verkaufsgespräch handelt. Die Botschaft ist: Wir sind für dich da. Die Wahrheit heißt: Dafür bezahlst du.

Das Familien-Prinzip nutzen Sie selbst auch…


Stimmt. Bei mir wird weniger gezahlt, die Schauspieler müssen länger arbeiten und warten ewig auf ein verlässliches Drehbuch. Trotzdem machen sie mit.

Die Wedelianer - auch so eine Art Orden?


Maßlos übertrieben. Letztlich ist ein Regisseur einem Hochstapler ähnlich: Er vermittelt allen, er wüsste stets genau, wo er hin will. Leider ist das häufig geblufft.

Das ist Koketterie!


Nicht nur. Ich will schon noch überrascht werden. Wenn von Anfang an alles klar und sortiert ist, wird es ein langweiliger Film. Es sollte also zu Drehbeginn wie in einem dunklen Zimmer sein, in dem man sich auch noch an Möbeln stößt. Und die anderen folgen…

Weil sie glauben, Sie hätten die einzige Taschenlampe!


Solange sie das glauben, ist alles gut.

Ist Ihre Rolle als cholerischer Verrückter, der jederzeit für einen Anfall von Jähzorn zu haben ist, Ihr erfolgreichster Trick?


Nett, dass Sie es einen Trick nennen. Die pure Drohung, ich könnte explodieren, sorgt manchmal bereits für eine gewisse Disziplin. Und manchmal reicht sie leider nicht aus, dann muss ich explodieren.

Kann es sein, dass der Anteil echter Wut im Lauf der Jahrzehnte stark abgenommen hat?


Keine Ahnung. Aber es ist jedenfalls ein legitimes Mittel, um sich durchzusetzen. Leider bin ich entsetzlich empfindlich, geradezu krankhaft empfindlich. Dadurch passiert es, dass ich ausraste. Also es ist nicht immer eine berechnende Pose. Im Prinzip ist es natürlich gut, wenn alle am Set darum bemüht sind, den Regisseur bei guter Laune zu halten.

Ertappen Sie sich gelegentlich bei Anfällen von Altersmilde, gar von Geduld?


Wie heißt das Wort? Im Ernst: Nee.

In Ihrer gerade erschienenen Autobiografie "Vom schönen Schein und wirklichen Leben" schildern Sie Ihre Freude, als Sie beim Debüt "Gedenktag" 1969 einen riesigen Panzer hin- und herdirigieren können. Ist das der Hauptantrieb geblieben, der Spaß am Kommandieren?


Der Spaß am Spielen! Ob ich eine große elektrische Eisenbahn dirigiere oder einen Panzer kommandiere oder, wie bei "Gier", an einem Drehtag über 20 Schauspieler, Hunderte von Komparsen, eine Band und ein riesiges Team lenke, es ist immer vor allem der Spaß am Spielen. Die Begeisterung dafür habe ich nie verloren. Ich merke das, wenn ich mit Udo Reiter, dem MDR-Chef, auch so ein Spielbegeisterter, zusammensitze und über einen Film rede, der die letzten Tage des Staatszirkus der DDR erzählen soll. Das packt mich jetzt schon, da bin ich voller Vorfreude ...

"Die Affäre Semmeling", "Der große Bellheim", "Der Schattenmann" - fühlen Sie sich manchmal wie der staatlich vereidigte Film-Dokumentarist dieses Landes? Rächer der einfachen Leute, Senioren und Mafia-Opfer?


Dieses Amt habe ich nicht angestrebt, ich maße es mir auch nicht an. Vor allem möchte ich die Zuschauer gut unterhalten. Meine Stoffe haben mich immer brennend interessiert, und es waren Gegenwartsstoffe. Wenn das und die Tatsache, dass noch ein paar andere Sätze drin vorkommen als "Super!", "Ist ja krass" und "Wir müssen reden", einen zu einer bestaunten Ausnahme macht, liegt es eher an den Verhältnissen als an mir.

Das Erinnern für ein solches Buch zwingt auch zur schmerzhaften Rückschau. War die schonungslose Beschreibung Ihrer Abkehr von Hannelore Elsner in dem Moment, da sie von Ihnen schwanger war, besonders heikel?
Ja, da spiele ich keine ruhmreiche Rolle. Zu einer ehrlichen Darstellung muss man sich da zwingen.

Ihr vielfältiges Liebesleben erscheint im Buch wie eine Abfolge zufälliger Ereignisse, bei denen die Frauen stets den schüchtern unbeholfenen Herrn Wedel verführen...


Ich war nie der Typ feuriger Eroberer oder Aufreißer, das liegt mir nicht. Aber es war ja auch eine ganz erfolgreiche Strategie: erst mal abwarten. Also gab es wenig Anlass, sie zu ändern.

Nun leben Sie seit langem in einer festen Beziehung mit Uschi Wolters, dazu gab es wechselnde weitere Frauen. Seit 13 Jahren führen Sie nun eine Dreierbeziehung mit Uschi Wolters und der Schauspielerin Dominique Voland. Dieses argwöhnisch betrachtete Lebensmodell ist selten...
Das glaube ich nicht. Ich habe es nur im Gegensatz zu vielen anderen offen zugegeben.

Es konnte nur gehen, weil Uschi Wolters immer Bescheid wusste?


Ja, ich respektiere sie viel zu sehr, um sie anzulügen. Schwindeleien sind manchmal sehr demütigend, manchmal allerdings glaube ich, kann die ganze Wahrheit den Partner auch zu stark belasten. Es gibt da keinen generell gültigen Rat.

Irritiert war Uschi Wolters aber, als sie erfuhr, dass Ihre Lebensgefährtin Dominique Voland schwanger war.


Das ist richtig. Da war ich hin- und hergerissen: Der Freude, die Vaterschaft einmal richtig zu erleben, stand die Furcht gegenüber, Uschi zu verletzen. Dass sie und Dominique und mein Sohn Benjamin sich so gut verstehen, dafür bin ich unendlich dankbar.

Glück gehabt, Herr Wedel?


Ja, wirklich.

Diese Dreier-Konstellation gibt es nun schon seit 13 Jahren - finden Sie das nicht selbst spießig?


Total langweilig, ja (lacht).

Versuchen Sie, bei Ihrem jüngsten Sohn all das wieder gut zu machen, was Sie als Vater bei den anderen fünf Kindern versäumt haben?


Natürlich, das schlechte Gewissen spielt da bestimmt eine Rolle. Obwohl man auch sagen muss, dass ich bei dreien meiner Kinder quasi keine Chance hatte, weil die Frauen mich gar nicht wollten. Zu meiner Anfangszeit sah es wirklich nicht so aus, als könnte ich eine Familie ernähren.

Und bei anderen Frauen, da hätten Sie nicht heiraten mögen?


Nein. Ich habe nie verstanden, was sich bei einer funktionierenden Beziehung ändern soll, wenn man verheiratet ist. Außer, dass man Steuern spart.

Haben Sie Kontakt zu all Ihren Kindern?


Ja, mittlerweile, wenn auch unterschiedlich intensiv. Außer zu Dominik, dem Sohn von Hannelore.

Sind Sie schon Großvater?


Nee, aber das ist reiner Zufall.

Gibt es denn Treffen, bei denen sich mal alle Wedel-Kinder sehen?


Bloß nicht, nachher bringen die alle ihre Mütter mit. Und die sehen dann, wie viel Falten ich inzwischen habe. Wenn es unbedingt sein soll, können die das ja bei meiner Beerdigung machen.

Interview: Helge Hopp

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