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Fünf Gründe gegen "Gier": Warum Sie sich Wedel sparen können

Der neue TV-Zweiteiler "Gier" von Dieter Wedel" ist eine sechs Millionen Euro ist teure Produktion mit zahlreichen hochkarätigen Schauspielern. Es gibt trotzdem gute Gründe, sich vom neuen Wedel nicht wertvolle Lebenszeit rauben zu lassen.

In dem TV-Zweiteiler von Wedel lockt der Hochstapler Dieter Glanz (Ulrich Tukur) mit Traum-Renditen

In dem TV-Zweiteiler von Wedel lockt der Hochstapler Dieter Glanz (Ulrich Tukur) mit Traum-Renditen

Mit seinem neuen TV-Zweiteiler "Gier" scheint Regisseur Dieter Wedel den Nerv der Zeit getroffen zu haben: Der Film zeigt, wie die Gier nach Geld, Macht und Anerkennung Menschen dazu treibt, Hochstaplern und Bankern geradezu blind zu vertrauen. Im Mittelpunkt steht der Finanzbetrüger Dieter Glanz (Ulrich Tukur), der eine ganze Reihe von Leuten mit traumhaften Renditeversprechen dazu gebracht hat, bei ihm Millionenbeträge anzulegen. Inspiriert ist die Geschichte von den wahren Erlebnissen des Hochstaplers Jürgen Harksen, der ab 1987 prominente "Kunden" wie Dieter Bohlen und Udo Lindenberg um Millionenbeträge prellte. Es hätte der Film zur aktuellen Lage der Nation werden können. Dass er das nicht geworden ist, liegt vor allem an fünf Gründen.

1. Der Film ist ein ermüdender Reigen von Partys, Zweifeln und Beschwichtigungen

Der Millionenbetrüger Dieter Glanz blendet die Anleger mit seinen Festen und täuscht auf diese Weise sagenhaften Reichtum vor. Das ist beim ersten Mal noch schön anzusehen und vor allem amüsant: Dieter Wedel und wie er sich die Welt der Schönen und Reichen vorstellt. Doch findet der Regisseur zu großen Gefallen an diesen Szenen. So inszeniert er den Film als einen endlosen Reigen zwischen wilden Partys, in deren Anschluss Zweifel über die Zahlungsfähigkeit von Dieter Glanz aufkommen. Dem gelingt es jedoch immer wieder, die Anleger mit seinem Charme um den Finger zu wickeln - schon knallen wieder die Champagnerkorken und die Meute wieselt um den Pool herum. So tanzt und feiert sich die Entourage einmal um den Erdball: Es geht von Hamburg über Mallorca nach London und endet schließlich in Südafrika. Dieter Glanz reist - und eine Baggage von Anlegern folgt ihm. Dass die immer nur im Rudel auftreten, führt direkt zum zweiten Punkt.

2. Ein blasses Schauspieler-Ensemble

Wedel verfügt über ein grandioses Ensemble - darunter Devid Striesow, Heinz Hoenig, Uwe Ochsenknecht, Harald Krassnitzer, Sibel Kekilli, Katharina Wackernagel und Kai Wiesinger, um nur einige zu nennen. Doch all die tollen Schauspieler kommen kaum zur Entfaltung, denn Ulrich Tukur spielt in der Rolle des Dieter Glanz alle an die Wand. Das liegt zum einen natürlich daran, dass Tukur ein brillanter Schauspieler ist. Zum anderen gewinnt die Gesellschaft der Geprellten kaum Kontur, da sie alle stets im Rudel auftreten. Devid Striesow in der Rolle des kleinen Angestellten einer Immobilienfirma hätte einzig das Zeug dazu, Tukur schauspielerisch Paroli zu bieten. Doch anstatt ihn zum ebenbürtigen Gegenspieler aufzubauen, sieht das Drehbuch für Striesow die Rolle des ewig zaudernden Hasenfußes vor.

3. Hölzerne Dialoge und unmotivierte Sexszenen

"Gier" ist gespickt mit gekünstelten Dialogsätzen, die ein Mensch im wahren Leben nie so sagen würde. Auf einer Party sagt ein Gast naiv: "Reiche sind irgendwie anders", woraufhin ein anderer erwidert: "Ja, sie haben Geld". Auf diesem Niveau sprechen die Figuren den ganzen Film über miteinander. Ebenso unglaubwürdig sind die Personenkonstellationen. Da betrügen sich Menschen vor den Augen ihrer Ehepartner, die sich das alles stillschweigend bieten lassen. Und ausgerechnet der biedere Andy Schroth (Devid Striesow) verführt seine Schwägerin (Sibel Kekilli) unter freiem Himmel - passend zur Abgeschmacktheit dieser Szene setzt mit dem Beischlaf auch der Regen ein.

4. Der Film ist doppelt so lang wie nötig

Nichts beleidigt die Intelligenz des Zuschauers so sehr wie überflüssige Wiederholungen. Im Fall von "Gier" hat man schon nach einer halben Stunde verstanden, wie der Hase läuft - und hat dann noch zweieinhalb Stunden vor sich. Der Stoff hätte einen spannenden einstündigen Film ergeben, mit viel gutem Willen auch einen Neunzigminüter. Aber ein Zweiteiler mit 180 Minuten ist geraubte Lebenszeit.

5. Wedel hat den Anschluss an den Zeitgeist verpasst

Gleich zu Anfang der ersten Folge wird überdeutlich, wie weit Wedel, der Starregisseur der 80er und frühen 90er Jahre, sich vom Zeitgeist entfernt hat. Um vorzuführen, dass sich Dieter Glanz nur mit den prominentesten der Prominenten und den angesagtesten Stars umgibt, lässt er Frank Elstner auftreten. Ausgerechnet jenen Moderator, dessen große Zeit noch länger zurückliegt als Wedels Großtaten! Auch die Musikauswahl lässt zu Wünschen übrig. Wer schon glaubte, mit Saschas Titelsong zu "Die Affäre Semmeling" aus dem Jahr 2002 sei der Tiefpunkt erreicht, wird hier eines Besseren belehrt. Da unterhält Dieter Glanz seine Gesellschaft mit seinem Akkordeon, anschließend bringt eine Live-Band die Meute mit abgeschmacktem Disco-Pop zum Tanzen. Am schlimmsten sind jedoch die Partyszenen in Südafrika: Anouschka Renzi soll eine erfolgreiche Chansonsängerin darstellen, die ihre Songs lasziv ins Mikro haucht. Doch irgendwo zwischen Kapstadt und Hamburg ist die Erotik verloren gegangen.