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Jahresrückblick bei RTL: Günther und der Gäste-Stau

Bei "2007! Menschen, Bilder, Emotionen" empfing Moderator Günther Jauch Gesprächspartner im Fünf-Minuten-Takt. Da bleib keine Zeit für Verschnaufpausen - und leider genauso wenig für intensive Gespräche. Trotzdem lief Jauch seinem ZDF-Kollegen Kerner locker den Rang ab.

Von Peer Schader

Vielleicht wollte Günther Jauch unbedingt mal von seinem RTL-Kollegen Oliver Geissen in dessen Show "Guinness World Records" eingeladen werden - als Moderator, der die meisten Gäste in einem dreieinhalbstündigen TV-Jahresrückblick untergebracht hat. Das würde zumindest erklären, warum es am Sonntagabend bei "2007! Menschen, Bilder, Emotionen" zu einem solchen Gästestau gekommen ist. Kaum hatte ein Gesprächspartner neben Jauch Platz genommen und sich drei oder vier Fragen stellen lassen, hieß es auch schon wieder: "Vielen Dank, dass Sie da gewesen sind."

Der Lkw-Fahrer, der die Behörden informierte, als das von ihm transportierte Gammelfleisch wieder als verzehrbar etikettiert wurde, hat gerade noch so erzählen können, wie das abgelaufen ist, bevor er wieder von der Bühne gebeten wurde. "Tatort"-Schauspielerin Maria Furtwängler, als "erfolgreichste Schauspielerin" quasi der Veronica-Ferres-Ersatz für RTL, war kaum da, als sie schon wieder weg musste - immerhin nicht, ohne dass Jauch ein bisschen mit ihr füßelte. Und von Rudolf Blechschmidt, dem Deutschen, der mehrere Wochen in der Gefangenschaft der Taliban war und seit Oktober zurück ist, hat leider auch nicht wirklich viel sagen können.

Ulrich Mühe hatte auch schon zugesagt

Es ging also ein bisschen schnell mit den Gästen im Fünf-Minuten-Takt, die RTL in seinen Rückblick gequetscht hatte - vielleicht ja auch, um sie den anderen Sendern wegzunehmen. Eigentlich schade: Mit manchen hätte man Jauch gerne länger sprechen sehen.

Der größte Coup war freilich Franz Müntefering, der nach seinem Rücktritt im November nun noch einmal bei RTL reflektierte - und nicht etwa bei Kerners ZDF-Pendant "Menschen 2007" in der Vorwoche. Herausgekommen ist auch dabei leider nicht viel. Müntefering hat noch einmal erzählen dürfen, dass er allein aus persönlichen Gründen ging und nicht wegen seiner politischen Niederlagen bei Mindestlohn und Arbeitslosengeld. Neue Erkenntnisse ring Jauch ihm nicht ab, auch nicht über sein künftiges Wirken in der Politik. Aber sowieso machte der SPD-Politiker eher den Eindruck, als sei er gerade mit ganz anderem beschäftigt.

Nicht nur wegen Müntefering lief Jauch dem ZDF-Kollegen Kerner locker den Rang ab. RTL hat sich schon Anfang des Jahres um die Gäste für den Dezember gekümmert, kam im Gespräch mit Oscar-Gewinner Florian Henckel von Donnersmarck heraus - gleich nach dem Triumph mit "Das Leben der Anderen". Sogar Hauptdarsteller Ulrich Mühe hatte damals zugesagt, in die Sendung zu kommen. So aber wurde es ein (viel zu kurzes) Gespräch mit Donnersmarck über die Zusammenarbeit mit dem im Sommer nach der Oscar-Verleihung verstorbenen Schauspieler und seine eigenen Pläne als Regisseur.

"Wir 'Drecksäck' müssen zusammen halten."

Wenn Jauchs Team sich schon so früh um die prominentesten Gäste gekümmert hat, bleibt die Frage: Warum mussten es so viele sein, die man auch hätte weglassen können? Dass Mark Medlock und Dieter Bohlen noch mal vorbeischauten: geschenkt! Soviel Reminiszenz an den eigenen Quotenerfolg bei "Deutschland sucht den Superstar" muss bei RTL eben sein. Auch wenn die beiden rein gar nichts zu erzählen hatten. Das einzig Spannende war, Bohlen mal im schwarzen Anzug zu sehen, seriös wie selten. Medlock bot Jauch prompt das Du an: "Wir kennen uns jetzt schon so lange - warum siezt du mich immer noch?" Jauch ging belustigt drauf ein: "Wir 'Drecksäck' müssen zusammen halten."

Schöner wäre ja gewesen, die übrigen "DSDS"-Finalteilnehmer im Studio zu haben und die mal zu fragen, wie sie wieder zurück in ihr normales Leben gegangen sind oder ob sich tatsächlich etwas verändert hat nach der Show. Es hätte ja nicht gleich Max Buskohl sein müssen.

Stattdessen hat Jauch seinen Zuschauern so manches Rätsel aufgegeben. Warum ist Cordula Stratmann ein Mensch des Jahres 2007? Weil sie eine Goldene Kamera eingesackt hat? Nun ja, dafür ist ihre Zeit in der "Schillerstraße" zu Ende gegangen, und ihre neue Sat.1-Show "Das weiß doch jedes Kind" weit davon entfernt, ähnlich erfolgreich zu sein. Witzig war immerhin, dass Jauch mit Stratmann jemand gegenübersaß, der quasi dieselbe Sendung wie er ("6! Setzen") beim Konkurrenzsender moderiert. Und dass keiner der beiden ein Wort darüber verlor.

Schmidt und Pocher beim Gegenbesuch

Außerdem wüsste man gerne noch, warum RTL den jungen Mann eingeladen hat, der - als er seine Freundin in Sydney, Australien, besuchen wollte - aus Versehen nach Sidney, Nordamerika, flog. Und warum in aller Welt "Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer zu Gast sein muss, bloß weil er mit seinem Oldtimer dieses Jahr aus Versehen in ein nicht fertiges Gleisbett einer Straßenbahn gefahren ist. Haben Henry Maske, Herbert Grönemeyer, Handball-Trainer Heiner Brand und Turn-As Florian Hambüchen, der sich im Studio als Breakdancer üben durfte, etwa nicht gereicht?

Den überflüssigsten Auftritt des Abends lieferten Harald Schmidt und Oliver Pocher, die quasi ihren Gegenbesuch bei Jauch einlösten, weil der bei ihrer ersten gemeinsamen ARD-Sendung zugesagt hatte. Das war zwar ein cleverer Deal - aber völlig verschenkt, weil die beiden keinen richtigen Gag zustande brachten und Jauch auch gar nicht wusste, was er sie fragen sollte. Einmal scherzte er immerhin zu Pocher: "Es schafft ja nicht jeder so reibungslos, bei der ARD zu landen."

Dass es dennoch eine annehmbare Show war, lag zweifelsfrei zu großem Teil am Moderator, der sich für einen Scherz auf seine Kosten nicht zu schade ist und ohne große Patzer durch die Dreieinhalb-Stunden-Liveshow führte. Und das, ganz ohne so nervig zu menscheln wie Kerner oder so auf Autopilot zu moderieren wie Geissen. Trotzdem ist es gut, dass es so einen Rückblick nur einmal im Jahr gibt. Wo sollen sonst auch die vielen Gäste herkommen?