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Kritik zu "Anne Will": Abzocke und Libido

Wenn es um Benzinpreise geht, sind sich FDP und Linke fast einig - doch sonst wiederholt die Debatte bei Anne Will vor allem alte Positionen. Und führt lieber ein paar Porsche-Fahrer vor.

Von Jan Zier

Benzinpreise! Eines jener Themen, bei denen im Grunde jeder mitreden kann. Weswegen es offenbar fast egal ist, wer im Fernsehen über "Preis-Wahnsinn an der Zapfsäule" spricht. Die Schlagzeile könnte dabei auch aus der "Bild" stammen, oder wenigstens vom ADAC. Vor allem mit dem Nachsatz "Autofahren bald unbezahlbar?". Doch hier sind wir bei Anne Will. Und weder Deutschlands mächtigste Autofahrer-Lobby ist da, noch die "Bild"-Zeitung. Dafür gleich zwei Journalisten, warum auch immer: Ines Pohl, taz-Chefredakteurin, und Ulf Poschardt, der mal das SZ-Magazin verantwortet hat und heute Herausgeber der Musik-Magazine im Hause Springer ist.

Obwohl: Poschardt hat ein, wie er selbst zugibt, "libidinöses Verhältnis" zum Auto und also einen Porsche mit 300 PS. Und er fährt gerne 270. Dennoch: "Ich bin nicht das Problem", findet er. Aber "privilegiert genug", dass ihm die Debatte eh egal sein kann. Tempolimits findet Poschardt total doof, den Benzinpreis, "vollkommen im Range", beides aus naheliegenden Gründen. Und überhaupt: In der "Welt", wo er in der Chefetage sitzt, haben sie neulich geschrieben, dass Benzinpreis und Kaufkraft seit 1970 in einem "stabilen Verhältnis" stehen.

Pendlergeld für alle?

"Abgezockt" fühlt sich dagegen nicht nur der vielfahrende Schlagersänger Bernhard Brink, der statt Porsche heute Diesel fährt. Womöglich, weil seine ruhmreichen Tage länger zurückliegen. Auch FDP und Linkspartei sind sich an dieser Stelle einmal erstaunlich nah: Linkspartei-Chef Klaus Ernst, dessen Sportwagen schon immer ein Politikum war, spricht von "unsäglicher" Abzocke der Öl-Konzerne. Und FDP-Mann Alexander Graf Lambsdorff fühlt sich an der Tankstelle zumindest "in Teilen abgezockt".

Doch während Ernst ein "Pendlergeld" für alle fordert und "für eine echte Kontrolle" der Benzinpreise streitet, ja, diese sogar vom Staat genehmigen lassen will, setzt Außenpolitiker und Europaparlamentarier Lambsdorff natürlich auf einen "funktionierenden Wettbewerb". Wie genau der hergestellt werden soll in einem oligarchischen System mit fünf großen Mineralölkonzernen, das sagt er allerdings nicht. Er verspricht sich aber viel von der Idee einer "Meldestelle" im Internet, die die Preisgestaltung der Konzerne und Tankstellen transparenter machen soll.

Debatte verhallt im Sendeschluss

Von Steuersenkungen redet er nicht, dafür ist Klaus Picard, der Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes da, der neulich auch schon bei Günther Jauch zu diesem Thema reden durfte. 92 Cent pro Liter Benzin gehen an den Staat - während die Mineralöl-Firmen kaum Geld verdienten, so Picard. Nur rund einen Cent pro Liter Sprit. Also: an der Tankstelle. Dass die großen Konzerne seiner Branche trotzdem Milliardengewinne einfahren, sagt er nicht. So weit, so erwartbar.

Tazlerin Pohl, die davon spricht, dass "wir" mit dem gegenwärtigen Verkehrskonzept "sehenden Auges in die Katastrophe rasen", will ohnehin lieber über die Subventionierung von energiesparenden Autos reden. Über den "Wettbewerb um Energiequellen". Über die Förderung von Carsharing. Oder über spezielle Fahrspuren auf Autobahnen, die jenen vorbehalten sind, die nicht allein im Autos sitzen - wie es sie in den USA gibt. Doch an dieser Stelle verhallt die Debatte im Sendeschluss, ehe sie recht konkret werden kann. Auch weil Anne Will per Einspielfilmchen lieber noch ein paar Porsche-Fahrer - und –Fahrerinnen vorführt.