HOME

Kurt Krömer: "Sieht aus wie Heintje, spricht wie Marilyn Manson"

Seine Berliner Schnauze ist berüchtigt, er ist ein Anarcho-Clown, der sich lange dem Erfolg entzogen hat. Gerade wurde er für den Deutschen Kleinkunstpreis nominiert. Auf stern.de spricht Kurt Krömer über Louis de Funès, Dialektfärbung und das Berühmtwerden.

Schiebermütze auf dem Kopf, saftig-moosgrüner Pullunder - im Gegensatz zu seinem Bühnenoutfit mit ausgebeultem Anzug, dicker Brille und angeklatschten Haaren ist der Comedian Kurt Krömer privat eher bohemian-mäßig gekleidet. Seit 1992 treibt er subversiven Schabernack auf Berliner Kleinkunstbühnen und tourt seit gut drei Jahren mit seinem Programm durch Deutschland. Bei der ARD ist er mit der "Kurt Krömer Show" und "Bei Krömers" zu sehen. Im Oktober 2006 bekam er den Deutschen Fernsehpreis. Während er bei seinen Auftritten die Leute derbe angeht, wirkt er beim Interview eher schüchtern, zurückhaltend und meidet direkten Augenkontakt.

Bürgerlich heißen Sie Alexander Bojcan. Aber wie redet man Sie an - Herr Krömer?

Herr Krömer, ja.

Herr Krömer auf dem Weg zum großen Durchbruch: Deutscher Fernsehpreis, eigene Sendung in der ARD. Wie fühlen Sie sich?

Für mich ist es schön, dass es organisch gewachsen ist und auch weiter wächst. Ich habe mir meine Zuschauer erarbeitet, nicht durch irgendwelche Eventshows wie "Deutschland sucht den Superkomiker" bei RTL oder Sat 1, sondern ich habe mir mein Publikum in Dörfern und in alten Kuhställen erspielt.

Im schwäbischen Biberach waren es 550 Leute. Selbst der Süden kennt sie jetzt.

Die Presse hat immer gesagt, was ich treibe, versteht man außerhalb Berlins nicht. Darauf habe ich komischerweise gehört. Vor drei Jahren war ich in Ingolstadt - mein erstes Gastspiel außerhalb Berlins und ausgerechnet in Bayern! Der Veranstalter meinte, vier Termine, und ich dachte, okay, das tut nicht so weh, wenn sie mich dann verprügeln. Aber es kam gut an, der Saal war ausverkauft. Ich habe mit den Leuten gesprochen: "Wie ist denn das mit dem Berliner Dialekt, versteht ihr das hier? Oder muss ich was weg lassen?" Die meinten, um Gotteswillen bloß nicht, das wäre eine schöne Färbung für sie und hätte so was Paradiesvogel-mäßiges.

Interaktion mit dem Publikum ist ein wesentliches Element Ihrer Live-Show. Haben Sie denn die Bayern verstanden?

Ich habe die Zuschauer herausgefordert, jetzt holt mal euren Slang raus, und ich stand nur da und habe Bahnhof verstanden. Die Leute waren stolz auf ihren Dialekt und dass sie mir auch was an den Kopf knallen könnten - ein schönes Spiel.

Wenn man Ihre Karriere betrachtet, bekommt man den Eindruck, Sie haben sich ein wenig davor gedrückt, bekannt zu werden. Nicht aus Berlin rausgehen, keine Auftritte bei Stefan Raab, keine Zugeständnisse an den Mainstream, keine Zusammenarbeit mit dem Privatfernsehen. Wollen Sie sich dem Erfolg bewusst entziehen?

Klar hätte ich eine eigene Sendung bei den Privaten machen können. Aber dann müsste ich mich auf Regeln einlassen, die ich nicht spielen will. Ich möchte mich nicht verbiegen. Armani-Anzüge, 'ne Designerbrille und Lackschuhe aus London brauche ich nicht. Meine Zielgruppe ist von acht bis 88. Ich bin doch nicht bescheuert und sage, du bist über 50 und fliegst raus. Wie auf meiner DVD, da war die Hilde mit dabei, ich will ihr nicht zu nahe treten, aber die war sicher schon Anfang 80. Der Akademiker sitzt bei mir neben dem Maurer. Das Schöne ist, dass beide gleichzeitig lachen. Das Einzige, was sich durch die ARD ändert: mir gucken mehr Menschen zu.

Wir kann man jemandem das Phänomen Kurt Krömer erklären, der Sie noch nie gesehen hat?

Schwierig. Was soll ich sagen? Ich bin der Lustigste? Ich komme und dann finden mich alle toll? Ich empfinde mich als Neoclown. Nicht der aus dem Zirkus Roncalli mit der Pappnase, sondern eher in Richtung Leo Bassi (amerikanischer Anarcho-Clown Anm.d. Red.). Ich sehe aus wie Leute, die seit 50 Jahren in der Stadtsparkasse Paderborn in einer leitenden Position arbeiten, ein bisschen miefig und piefig, die aber dennoch den Punk verbreiten. Man sieht aus wie Heintje, spricht aber wie Marilyn Manson.

Wenn Sie noch mal zurückblicken, was waren die wichtigsten Dreh und Angelpunkte ihrer Karriere?

Ich habe damals in der Scheinbar, einem Variéte in Berlin, angefangen. Meine ersten Auftritte waren fürchterlich. Die Zuschauer hatten Tränen in den Augen, aber nicht vor Lachen, sondern vor Angst, dass es weitergeht. Da bin ich öfter auf die Schnauze gefallen, aber immer wieder aufgestanden. Ich habe Leute kennen gelernt, die genauso drauf waren wie ich: keine Kohle, aber einen Traum. Als Arbeiterkind, das Künstler werden will, kommt man sich vor wie ein Aussätziger, ein Kaspar Hauser aus Berlin. Wenn ich den Stammbaum meiner Familie in den letzten zehntausend Jahren zurück rechne, ist da keiner gewesen, der solche Ambitionen hatte. Wichtige Leute waren Theaterbesitzer, die gesagt haben, was du machst ist nicht die Bombe, aber du kannst nächste Woche trotzdem wieder auftreten. Das braucht man. Und ältere Kollegen, die kritisieren, die sagen, lass das weg oder da stimmt das Timing nicht.

Bevor Sie selbst berühmt wurden, haben Sie sich Vorbilder angeguckt, andere Komiker analysiert?

Natürlich. Mein bester Freund war Louis de Funès. Mit meinem Vater habe ich immer Videokassetten angesehen und immer wieder auf "Stopp" gedrückt, die Szene nachgespielt und dann weitergeguckt. Das hat manchmal vier Tage gedauert, bis wir mit einem Film fertig waren. Ich musste so doll lachen, dass ich Bauchschmerzen hatte. Ich bekam Atemnot, konnte nicht mehr, das weiß ich noch.

Ihr Vater hat also den Samen gesät...

... ja, es war alles so unterbewusst. Mein Vater war sehr albern und ein Alt-68er. Aber nicht so einer, der intellektuell ist, in WGs gewohnt hat, den ganzen Tag nichts gemacht hat und abends auf Demos gegangen ist. Er ist halt Arbeiter, hat malocht und ist dann auf Demos gegangen. Aber er hatte lange Haare, so einen Sticker von der Alternativen Liste, hörte Bob Marley, Udo Lindenberg und Nina Hagen. Er hat immer zu mir gesagt, pass' dich nicht zu sehr an, daher kommt die anarchistische Ader.

Woher bekommen Sie Ihre Anregungen?

Schon im öffentlichen Leben. U-Bahnfahren ist super, und überall die Ohren spitz machen, wo Menschenaufläufe sind, Einkaufsstraßen, Shoppingpassagen oder einfach mal in den Park setzen. Da bekomme ich sehr viele Inspirationen.

Wird es nicht schwierig, wenn man erkannt wird, dann kann man nicht mehr so lauschen.

Wenn ich eine Mütze auf habe, bin ich unsichtbar. Die Leute brauchen immer die angeklatschten Haare, die Krawatte und den Anzug. Bisher saß noch niemand neben mir, der meinte, lass mal leiser sprechen, da ist der Krömer, dann wirst du verwurstet in der Show. Oder dass ich Tagebuch schreibe und mich entschuldigen muss: "Es hat nichts mit Ihnen zu tun, ich schreibe nur meiner Oma einen Brief.

Sie weigern sich standhaft, bei Stefan Raab aufzutreten.

Das Format finde ich nicht lustig. Da wird mir zu sehr auf die Leute eingeprügelt. Ich halte mich an Leute, die einen höheren Status haben. Wenn ich mich über meinen Sender lustig mache, dann nicht über die Putzfrau, sondern die Intendantin. Als früher nichts mehr ging, war ich auch putzen und weiß, wie es ist, der Arsch Nase zu sein, der in der Kaste ganz unten ist. Wenn bei mir im Treppenhaus die Putzfrau sauber macht, sage ich guten Tag und danke. Das hat zum ersten Mal dazu geführt, dass sie dachte, ich verscheißere sie. Ich finde es großkotzig, auf Leute unter mir einzuschlagen.

Kurt Krömer ist also Humanist.

Der Heilige Vater vom Hermannplatz, der Gutes tut. Ich laufe auch nicht, ich schwebe (lacht)

Lutscht sich die Figur nicht irgendwann aus?

Das Schöne bei Clowns ist, dass sie sich immer weiter entwickeln. Ich will mich nicht mit Charlie Chaplin vergleichen, aber der war zeitlebens der Tramp. Mit Hut, Stock und immer dem gleichen Spiel, das wurde nie langweilig. Mein Programm läuft aus, ich bin schon am nächsten dran. Da kommt Gesang mit rein. Es wird aber kein Liederabend, sondern eine Anmoderation von drei Minuten und dann kommt ein 30-sekündiges Lied. Vielleicht gibt es auch irgendwann mal ein politisches Programm.

Ist Kurt Krömer ein politischer Mensch?

Ich bin politisch denkend aber nicht politisch handelnd. Ich bringe nicht wie ein Kabarettist die Unmöglichkeiten der politisch Handelnden auf die Bühne.

Was halten Sie von politischen Kabarett?

Dieter Nuhr finde ich sehr gut, er ist so ein Zwitterwesen, auf der einen Seite Komiker, auf der anderen Kabarettist. Bei dem muss ich lachen. Oder bei Matthias Richling. Bei den anderen Kabarettisten habe ich immer das Gefühl, das sind Mathematiker, die zu Hause sitzen und per Dreisatz ausrechnen, wie sie an die Pointe kommen. Das ist mir zu Zeigefinger-mäßig. Kabarett verändert ja nichts, sondern ist nur eine Anregung. Ich will die Leute zwei Stunden in eine andere Welt entführen. Wenn die am Montag bei mir waren und am Dienstagmorgen im Büro noch darüber sprechen, ist alles erreicht.

Sie sind nominiert für den Deutschen Kleinkunstpreis.

Finde ich fantastisch. Ich habe mir mal die Internetseite angeguckt, wer den schon alles bekommen hat: Als erster Hanns-Dieter Hüsch 1972 - da ist man in guter Nachbarschaft.

Die Begründung lautet: "Krömer ist ein improvisiertes Naturereignis, bei dem man nicht weiß, wo der Wahnsinn anfängt und die Authentizität aufhört, Er entzieht sich einer analytischen Betrachtung."

Das hört sich ja an wie eine kleine Doktorarbeit. Im Mainzer Unterhaus, wo der Preis verliehen wird, habe ich auch schon gespielt. 250 Leute passen da rein. Ich habe eine starke Verbundenheit zu solchen Läden. Die Zuschauer merken, dass es intimer ist und haben sehr viel Spaß. Ich schwitze mehr, weil es so eng ist, die Suppe läuft runter. Auch die Lach- und Schießgesellschaft in München, da riecht es immer nach Geschichte.

Ist das nächste Jahr schon durchgeplant?

Nein, eigentlich gar nicht, weil ich dachte, mach' mal wieder halblang. Ich hätte auch jeden Tag fünf Auftritte haben können, das wollte ich aber nicht. Ich arbeite mit der ARD an neuen Folgen, und dann will ich mir ein paar Monate Zeit geben, in denen ich gar nichts mache, wo ich zu mir komme und schreiben kann. Alles selbst zu verfassen möchte ich so lange wie möglich beibehalten.

Interview: Kathrin Buchner