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Migranten-Drama "Wut": Pleitgen beklagt mangelnde Courage

Nach der Verschiebung des Films "Wut" über gewalttätige jugendliche Migranten hat Regisseur Züli Aladag sein Werk verteidigt. Auch WDR-Intendant Fritz Pleitgen hat die mangelnde Courage beklagt. Das realitätsnahe Drama hatte im Vorfeld für Wirbel gesorgt.

Sein Film sei weder ausländerfeindlich noch rassistisch, "sondern ein Film, der den Umgang mit Fremdheit und Schwierigkeiten damit thematisiert", so Aladag. Eine Tätergeschichte aus dem Migrantenmilieu zu erzählen, könne ein Schritt zur Normalisierung sein, sagte Aladag. Gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger erklärte der Regisseur, die Diskussion dürfe nicht den Rechten überlassen werden und er habe damit gerechnet, dass der Film polarisieren würde. "Es gibt Opfer und Täter in allen Ethnien, auch unter Türken. Man muss das erzählen dürfen, ohne sofort die Erklärung für die Sozialisierung einer Figur mitzuliefern", so Aldag.

Die ARD hatte den Film in die späten Abendstunden am Freitag verschoben. Eigentlich sollte "Wut" am Mittwochabend um 20.15 Uhr laufen. Der umstrittene Film schildert, wie ein junger Türke einen deutschen Mitschüler und dessen Familie terrorisiert. Jetzt wird die Sendung am Freitagabend um 22 Uhr gezeigt, mit anschließender Diskussion, moderiert von Sandra Maischberger.

Auch WDR-Intendant Fritz Pleitgen hat die Entscheidung der ARD, den umstrittenen Film "Wut" über gewalttätige jugendliche Migranten auf den späten Freitagabend zu verschieben, kritisiert. "Ich bin nicht wütend, ich bin enttäuscht. Ich hätte uns ein bisschen mehr Courage zugetraut", sagte Pleitgen im WDR. Der Film sei ein Streifen für Jugendliche. Dies sei die Realität, wie junge Menschen ihr begegnen und nicht, wie ältere oder erwachsene Menschen sie gerne hätten. Das habe ihm auch Hauptdarsteller Oktay Özdemir gesagt.

Türkischer Immigrant zockt aus Neid Mitschüler ab

Hauptfigur von "Wut" ist Felix (Robert Höller), der aus einer typischen Mittelstandsfamilie stammt. Er hat Ärger mit dem türkischen Mitschüler Can (Oktay Özdemir), dessen Bande ihn seiner neuen Turnschuhe beraubt hat. Sein Vater Simon (August Zirner) ist Literaturprofessor, seine Mutter Christa (Corinna Harfouch) Immobilienmaklerin. Felix ý namentlich der Glückliche ý genießt ein Leben in Liebe, Bildung und Wohlstand, für die musische Vervollkommnung sorgt der Cello-Unterricht. Ihm gegenüber steht Can, Kind türkischer Immigranten, der aus Neid und Hass den Mitschüler abzockt.

Vater Laub versucht Can mit friedlichen Mitteln zum Aufhören zu bewegen. Sein Versuch bleibt erfolglos, stattdessen nimmt die Konfrontation zu. Der vermeintlich liberale und tolerante Vater Simon Laub gerät in einen Strudel nicht zu beherrschender Wut. Wer hier auf wen wütend ist, wird im Laufe des Films immer schwieriger zu beantworten. Es folgt Rache auf Rache. Dies ist ein positiver Zug des Films unter der Regie des deutsch-türkischen Regisseurs Züli Aladag ("Elefantenherz"), dem es gelingt, die Gefühle und den Kontrollverlust auf beiden Seiten authentisch zu erzählen: Täter und Opfer werden austauschbar.

Es werde zu negativ über Migranten berichtet

Gut und Böse allerdings nicht. Und so bleiben die Protagonisten, was sie von Anfang an sind: der böse türkische Abzocker Can und der hilflose deutsche Felix. Für den Deutschen entwickelt der Zuschauer Verständnis, für den Türken höchstens Mitleid dafür, wie er sich gegen Demütigung und Missachtung wehrt. Doch dass dieses Mitleid selbst wieder eine Form der Überheblichkeit statt echter Anerkennung darstellt und dem Klischee des "Kampfes der Kulturen" aufsitzt, übersieht der Film. Anstatt auf den Grund der Problematik, die Kluft zwischen verschiedenen Klassen in der Gesellschaft, aufmerksam zu machen, werden kulturelle Identitäten festgeschrieben. "Es wird nur noch negativ und problematisch über Migranten berichtet", sagte denn auch ein türkischer Zuschauer nach einer Vorab-Premiere des Films.

Das Drama ist nach Aussage seiner Macher eine bewusst-provokante Zuspitzung, ein Einzelfall, der "nicht repräsentativ sein soll", wie Autor Max Eipp sagt, der die Geschichte vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen entwickelt hat. Anders als mit dieser Dramaturgie ist auch nicht zu erklären, warum außer Felix und den wenigen Gegnern keine weiteren Schüler oder andere Freunde von Felix jemals zu sehen sind. "Wut" bedürfe eines aufgeklärten Publikums, gibt Eipp zu. "Ich glaube aber auch, dass wir im Fernsehen viel zu ängstlich sind, nicht politisch korrekt zu sein." Nicht Antworten also, sondern neuen Diskussionsstoff für die Kontroversen um Integration und ökonomische Ungleichheit könnte der Film liefern.

DPA / DPA
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