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Tom Buhrow wird WDR-Intendant: Der "Liftboy" fährt in die oberste Etage

Tom Buhrow, der bisherige Anchorman der ARD-"Tagesthemen" wird neuer WDR-Intendant. Ein Hinweis darauf, dass die Bedeutung der öffentlich-rechtlichen Sender sinkt? Eine erste Bewertung.

Von Bernd Gäbler

Vorher war schon klar, dass der neue Intendant des WDR ein Mann mit schütterem Haupthaar und zwei Kindern werden würde. Nur solche standen zur Wahl. Der 48-köpfige WDR-Rundfunkrat hat sich nun entschieden: Tom Buhrow, der bisherige Anchorman der ARD-"Tagesthemen", wird in Zukunft Chef von mehr als 4100 Beschäftigten und Herr über einen Haushalt von etwa 1,4 Milliarden Euro sein.

Buhrow ist ein Mann des WDR. Hier hat er volontiert, ist seine ersten Schritte als Moderator des Regionalmagazins gegangen und hat es bis zum Chef vom Dienst (CvD) gebracht. Durchgesetzt hat er sich im Rundfunkrat gegen Jan Metzger, den amtierenden Intendanten des Kleinsenders Radio Bremen und gegen Stefan Kürten, der Funktionär der Europäischen Broadcasting Unon (EBU) ist. Damit hat sich der WDR-Rundfunkrat vor allem gegen eindeutige parteipolitische Festlegungen entschieden. Denn Metzger entstammt dem sozialdemokratischen "Hochadel", sein Vater war langjähriger SPD-Bürgermeister in Darmstadt und Gründer des rechtssozialdemokratischen "Seeheimer Kreises", seine Schwägerin gehörte zu den hessischen SPD-Verschwörern gegen Andrea Ypsilanti. Kürten stammt nicht nur aus dem ZDF und hat Management-Erfahrungen auf europäischer Ebene, sondern ist auch der Schwiegersohn von Kurt Biedenkopf. Mit Metzger hätten sich die Sozialdemokraten im Rundfunkrat durchgesetzt, mit Kürten die CDU-Anhänger. So hat der Rundfunkrat seine Selbständigkeit und eigene Stärke demonstriert.

Zugleich hat er sich für den bunten Hund entschieden, also für jenen Kandidaten, der am stärksten öffentlich bekannt ist. Zudem ist damit nach Friedrich Nowottny und Fritz Pleitgen wieder ein Journalist oberster WDR-Repräsentant. Das sieht gut aus. Politisch gilt Buhrow als wenig profiliert, allenfalls als vage konservativ. Gesichert ist aber, dass er ein großer Freund des rheinischen Karnevals ist und sogar schon mit den in Köln allseits beliebten "Bläck Föss" auf der Bühne stand. Die öffentlich-rechtlichen Karnevalsübertragungen dürften also für die nächsten Jahre schon mal gesichert sein.

Was kann Tom Buhrow?

Tom Buhrow war zweifellos der populärste der Kandidaten. Ob er auch die beste Lösung sein wird, ist noch nicht ausgemacht. Denn natürlich kann niemand seine Manager-Qualitäten beurteilen. Viele im WDR haben da eher ein etwas mulmiges Gefühl. Fähigkeiten, die Tom Buhrow aber zweifellos hat, liegen auf einer anderen Ebene. Er gehört zu jenen Menschen, die nicht nervös werden, sondern geradezu aufblühen, sobald das Rotlicht angeht. Vor der Kamera kann er sehr konzentriert und präzise sein. Das wurde während seiner Zeit als Korrespondent in Washington und Paris oft sogar deutlicher als im Studio der "Tagesthemen". Da führte er zwar solide, aber nicht brillant durch die Nachrichtenlage.

Im Vergleich zum wortmächtigen Claus Kleber im ZDF-Pendant "heute journal" wirkte er eher etwas blasser. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Tom Buhrow zum Chefredakteur des "Spiegel" zu machen, wie es bei Kleber der Fall war. Irgendwer bemerkte einmal, dass Tom Buhrow so ein "Liftboy"-Lächeln habe. Das war treffend. So ist jetzt zwar wieder ein Journalist WDR-Chef, aber die Spuren, die Friedrich Nowottny und Fritz Pleitgen als letzte Journalisten in diesem Amt hinterlassen haben, wirken doch recht groß für Buhrow. Als publizistische Persönlichkeit hat er sich bisher jedenfalls nicht sonderlich hervorgetan. Zwar hat er gemeinsam mit seiner Ehefrau ein Büchlein über die USA herausgebracht, aber das ist inhaltlich doch recht schmalbrüstig. Vielleicht aber nutzt ihm ja seine kommunikative Kompetenz. Im Rundfunkrat soll er sich jedenfalls gut präsentiert haben.

Vor welchen Aufgaben steht Buhrow?

Früher einmal war der WDR-Intendant auch der von Fürsten umgebene König der ARD. Diesen Status wird sich Buhrow nur schwer wieder erarbeiten können. Lutz Marmor (NDR), Peter Boudgoust (SWR) und auch Ulrich Wilhelm (BR) haben sich inzwischen als starke Männer im ARD-Verbund etabliert. Bevor er und mit ihm der WDR in der ARD wieder an Gewicht gewinnen wird, muss Buhrow in Köln einiges in Gang bringen.

Auch wenn das offiziell niemand so sehen will, war die Ära Piel vor allem eine Phase der Stagnation: Es gibt keine entschlossene Umstellung auf die Digitalisierung. Es gibt keine initiativreiche Öffnung hin zu jungem Publikum. Es gibt kaum interessante neue Programme. Es gibt keine offensive Antwort auf die mit der Haushaltsabgabe entstandene Legitimationskrise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es gibt keine kluge Einigung mit den Verlegern über die Internet-Aktvitäten. Da warten einige Aufgaben auf den neuen Intendanten, der es jetzt zudem mit einem selbstbewussten, aber nicht unbedingt besondes kompetenten Rundfunkrat zu tun haben wird. Außerdem muss er einen großen Anlauf unternehmen, um die Mitarbeiter neu zu motivieren.

Was sagt die Wahl über die Öffentlich-Rechtlichen aus?

Gewählt wurde also der populäre Kandidat und der mit der geringsten Management-Erfahrung. Es sollte – so wollte es der Rundfunkrat – einer "von außen" werden. Das ist Buhrow nur bedingt. Die großen öffentlich-rechtlichen Sender verstehen sich zunehmend als Medienunternehmen. Ihr Management kommt da nur teilweise mit. Ein 48-köpfiger Rundfunkrat ist kein effektiver Aufsichtsrat. Die Intendanten sind nur in etwa so etwas wie Vorstandsvorsitzende. Früher wurden Persönlichkeiten aus Politik und Diplomatie (von Sell) oder überragende Journalisten aus dem eigenen Hause (Nowottny, Pleitgen) Senderchefs. Vielleicht überrascht uns Tom Buhrow ja, aber aktuell macht es nicht den Eindruck als hätte Buhrow dieses Format.

Womöglich zeigt dies auch einen allmählichen Bedeutungsverlust der öffentlich-rechtlichen Sender. Das direkte Einwirken der Politik geht zwar etwas zurück, aber es tritt nichts an diese Stelle. Die Wahl Buhrows zeigt auch eine Verfahrensschwäche. Vorher waren unter anderem der Chefredakteur der "Zeit", Giovanni di Lorenzo, im Gespräch, der schnell abwinkte, und RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel, was eine Sensation gewesen wäre. Hätte der WDR tatsächlich solche Leute von außerhalb an seiner Spitze haben wollen, dann müsste er ihnen sofort den Job und nicht nur eine Kandidatur anbieten können. Die Wahl Tom Buhrows dagegen ist allenfalls halbmutig, im Grunde ein Signal dafür, dass es doch im Großen und Ganzen so weitergehen soll wie bisher.