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Ruhrgebiet feiert Volksfest auf der A40: Abschleppdienst mal anders

Musik und Tanz, Theater und Lesungen, ja sogar private Geburtstagsfeiern. Mit der Aktion "Still-Leben" im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres hat das Ruhrgebiet ein Volksfest der Superlative gefeiert. 60 Kilomater des Ruhrschnellwegs A40 waren dafür gesperrt worden.

"Das ist der schönste Stau meines Lebens", lautet der Satz des Tages an diesem Sonntag auf der A40 - so oder ähnlich unzählige Male gesagt. Statt einer Blechlawine drängen sich um die drei Millionen Menschen unter strahlend blauem Sommerhimmel auf dem berüchtigten Ruhrschnellweg, der an diesem Tag zwischen Dortmund und Duisburg auf 60 Kilometer für Autos gesperrt ist. Sie erleben, was die Veranstalter als "schönstes Straßentheater der Welt" ankündigten.

Schon am Morgen ist die Laune der frischgebackenen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft blendend. "Ich bin ja in Mülheim an der A40 geboren und aufgewachsen", sagt sie. "Das ist fantastisch als erste Amtshandlung." Später ist der Andrang so groß, dass die Auffahrten phasenweise gesperrt werden müssen, was mancherorts für Grummeln sorgt.

In jedem Fall feiert das Revier mit der Aktion "Still-Leben" im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres ein Volksfest der Superlative. 20.000 Tische mit der Aufschrift "längste Tafel der Welt" sind auf der auf 60 Kilometer gesperrten A40 aneinandergereiht.

Viele der Tische sind an diesem Tag eine Bühne - nicht nur für Kirchen, Gewerkschaften, öffentliche Einrichtungen und Firmen. Bürger und Vereine beteiligen sich mit eigenen Beiträgen. Auf dem Programm stehen Theater, Tanz und Lesungen. Unzählige Bands spielen rein akustische Musik oder mit Akkustrom. Die Besucher können in Dortmund Staffel um die Tische rennen oder Tischtennis darauf spielen. Sie können in Mülheim an Tippkick oder Kegelturnieren teilnehmen, Schach oder Monopoly spielen. Etliche der 170 Nationalitäten des Ruhrgebiets stellen ihre Bräuche und Tradition vor.

"Das ist vielleicht der emotionale Gründungsmoment der Metropole Ruhr", sagt Fritz Pleitgen, Chef der Ruhr2010. Die Aktion "Still-Leben" soll nach seinem Wunsch ein Gemeinschaftserlebnis sein, woran die Leute noch in Jahren denken. Viel zu lange schon leide das Ruhrgebiet unter einem veralteten Image. Jetzt sei es Zeit, der Welt frische Bilder zu liefern, sagt Pleitgen.

Speeddating und Geburtstagsfeiern

"Die Menschen kommen zusammen und denken sich was aus - das ist cool", sagt Sarah Chryssos. Mit einer Gruppe Mittdreißiger macht sie an ihrem Tisch in Essen den "Abschleppdienst". Jede Stunde bieten sie Speeddating an, mit Kandidaten, die sie aus dem Strom der Besucher werben. "Das Ziel ist aber auch, unsere Freunde zu verkuppeln", sagt Chryssos. Mitbewohner Klaus und Andreas, Kumpel ihres Freundes, sollen auf der Autobahn unter die Haube gebracht werden. Zwischendurch vertreiben sie sich die Zeit und gute Laune, indem sie ihren Autobahn-Kanon singen. "Hejo, sperr' die Autobahn, heute woll'n wir laufen statt fahr'n."

Wenige Meter weiter ruft eine ältere Dame: "Dürfen wir mal eben gratulieren, 'Herzlichen Glückwunsch'." Sie beugt sich zu Hinke DeKlerck, eines der unzähligen Geburtstagskinder auf der A40 an diesem Sonntag. "So geht das die ganze Zeit", erklärt die DeKlerck. Extra aus der Gegend von Arnheim reiste sie samt Familie an, um den 80. zu begehen. Weit verstreut zwischen Belgien, Indonesien und Island lebe die Verwandtschaft, sagt sie. "Deshalb wollte ich etwas Besonderes machen, damit alle kommen." Schon steht der nächste Händeschüttler am Tisch: "Alles Gute, und bis nächstes Jahr auf der A40."

Hendrik Klein, APN / APN