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Interview

Ehemaliger Korrespondent: Fritz Pleitgen: "Nur wer beschränkt ist, sieht die Schuld allein bei den Russen"

Fritz Pleitgen, ehemals Korrespondent in Moskau, warnt vor einem Weltbrand. Er sagt: Seit dem Zweiten Weltkrieg war die weltweite Lage nicht mehr so gefährlich wie jetzt.

Während Fritz Pleitgen spricht, sitzt er vor einem Bücherregal, dessen Inhalt von seinem Reporterleben zeugt.

Während Fritz Pleitgen spricht, sitzt er vor einem Bücherregal, dessen Inhalt von seinem Reporterleben zeugt. Die Bücher beschäftigen sich vorzugsweise mit Russland und den USA.

Fritz Pleitgen ist vielen Fernsehzuschauern noch aus seiner Zeit als Korrespondent und von seinen Reisereportagen aus Russland in Erinnerung. In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur erläutert er, warum er einen neuen Weltenbrand noch nie so gefürchtet hat wie derzeit.

Sie waren in den 70er Jahren Korrespondent in Moskau. Die Beziehungen sind zurzeit wieder ähnlich kühl wie damals. 

Das Verhältnis ist schlechter und gefährlicher als damals. Nur wer beschränkt ist, sieht die Schuld allein bei den Russen. Dass Polen und Balten den Schutz von Nato und EU suchten, ist aufgrund der geschichtlichen Erfahrungen verständlich. Aber auch Russland hat geschichtliche Erfahrungen gemacht. Im Wortsinn verheerende mit dem Westen! Brandt, Schmidt oder Kohl wären mit dem Verhältnis zu Russland nicht so sorglos vorgegangen wie ihre Nachfahren.

Was hätten die anders gemacht?

Alle drei konnten sich in die Lage der Gegenseite versetzen. Wir wären nicht erfreut, wenn russische Truppen in Jütland oder Mexiko auftauchten wie unsere im Baltikum oder die amerikanischen in Polen. Die Idee der Charta von Paris aus dem Jahr 1990 - gleiche Sicherheit für alle - könnte die Basis für eine ehrliche Partnerschaft sein. Der Westen ist in der komfortablen Situation, aus der Position der Stärke zu handeln. Wir sind Russland gesellschaftlich, militärisch, politisch, wirtschaftlich und sozial weit überlegen.

Was soll der Westen denn konkret tun?

Auf Moskau zugehen. Ziel muss sein, das baldige Ende des Krieges in der Ostukraine herbeizuführen und ein gleichberechtigtes Verhältnis mit Russland herzustellen.

Wie soll das gehen?

Im Koalitionsvertrag von Union und SPD sind zu Russland und der Ukraine konkrete Anregungen zu lesen. Deutschland und Frankreich sollen sich wieder aktiver für die Umsetzung des Minsker Abkommens einbringen, der Abbau der Sanktionen wird in Aussicht gestellt und ein gemeinsamer Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok. Das ist ein Einstieg, mit dem eine Wende zum Besseren zu schaffen ist.

Was ist mit dem gemeinsamen Wirtschaftsraum gemeint?

Ich denke, eine Freihandelszone.

Wäre so etwas mit Putin möglich?

Klar, er hat sich das schon vor Jahren gewünscht. Putin ist kein leichter Partner, aber berechenbar.

Im Gegensatz zu ...?

Da fallen mir viele ein. Zu allererst Trump. Als ich Korrespondent in den USA war, hätte ich nie gedacht, dass ein einzelner Mensch mit bescheidenen geistigen Gaben ein starkes demokratisches System aus den Angeln heben kann. Der Kongress müsste nach dem Checks-and-Balances-Prinzip dem Präsidenten Paroli bieten, aber da kommt nichts. Allein die Presse wird ihrem Verfassungsauftrag gerecht. Sie weicht trotz aller Drohungen nicht vor dem entfesselten Mann im Weißen Haus zurück.

Wie pessimistisch sind Sie für die unmittelbare Zukunft?

Sehr pessimistisch! Ich kann die ganze Strecke seit dem Zweiten Weltkrieg übersehen. So unübersichtlich und gefährlich wie jetzt war es noch nie.

Warum?

An vielen Ecken und Enden der Welt können sich jederzeit regionale Kriege entzünden, die sich schnell zu Weltbränden auswachsen können. Die Atom-Mächte operieren militärisch auf engstem Raum, oft mit gegensätzlichen Interessen. Wir haben die Konflikte Iran/Saudi-Arabien, Iran/Israel, dazu Krieg im Jemen und allein sieben Konflikte in Syrien. Wir haben das Problem Nordkorea. Und nirgends einen Politiker vom Kaliber Churchill, de Gaulle oder auch Brandt und Kohl. Und selten eine Einigung in der UNO.

Was bleibt uns da noch? Das Prinzip Hoffnung?

Ich werde mich hüten, Ihnen die auch noch zu nehmen. Wir sitzen bequem auf dem Balkon, leben in tiefem Frieden und schauen uns interessiert, aber wenig engagiert das wüste Durcheinander in der Welt an und mosern über offene Grenzen und den Euro. 

Michael Wolff, US-amerikanischer Autor, blickt mit nach rechts gedrehtem Kopf in die Kamera. Er trägt eine schwarze Brille
Interview: Christoph Driessen / DPA