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  • Netflix-Doku "Unser Planet": David Attenborough im stern-Gespräch

Netflix-Produktion
"Unser Planet": Die Schönheit der Tierwelt in nie gesehenen Bildern

  • von Michael Streck
  • 07. April 2019
  • 13:19 Uhr
Netflix-Doku"Unser Planet": Gespräch mit Tierfilmer David Attenborough
Netflix-Doku"Unser Planet": Gespräch mit Tierfilmer David Attenborough
Bärenhunger. Das Bild vom Grizzly und seiner Lachs-Beute stammt aus Alaska.
© Paul Souders/Worldfoto
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Netflix-Doku"Unser Planet": Gespräch mit Tierfilmer David Attenborough
Schillernd. Ein Oktopus im bunten Korallenriff von Algoa Bay, nahe Port Elizabeth in Südafrika.
Aufzucht. Ein männliches Gavial-Krokodil bewacht die Brut von acht Weibchen im indischen Fluss Chambal.
Kraftvoll. Ein männlicher Bison in der Prärie von Minnesota.
Massenhaft. Ein Schwarm Sardellen an der Oberfläche des Pazifiks. Der Bestand schwankt stark übers Jahr.
Sprunghaft. Ein Adélie-Pinguin schießt aus dem Wasser und entkommt so hungrigen Seeleoparden.
Königlich. Ein sibirischer Tiger streift durchs Sichtet-Alin-Gebirge im Osten Russlands.
Flatterhaft. Eintagsfliegen in der Abenddämmerung über der Raab in Ungarn.
Spielerisch. Attenboroughs Lieblingsfoto mit den Berggorillas in Ruanda aus dem Jahr 1979.

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Eine spektakuläre Netflix-Reihe zeigt die Natur in ihrer ganzen Pracht. Und verschweigt nicht, wie bedroht sie ist. Der berühmte Tierfilmer David Attenborough erzählt vom dem Projekt.

Es gibt nicht viele Dinge, die die Briten vereinen in dieser Zeit, die Liebe zum Tee allenfalls. Ein Mann allerdings ganz sicher. Lebende Legende, beliebter noch und ebenso unangreifbar wie die Queen: Sir David Attenborough, der inzwischen 92 Jahre alte Dokumentarfilmer und BBC-Pionier. Seit mehr als einem halben Jahrhundert im Geschäft, zum Sir erhoben, von der jungen Generation als "Saint David" verehrt und von den Älteren als Konstante ihres Lebens, gute Seele der Nation.

"Unser Planet", der Bildband zur Dokumentation, ist bei Dumont erschienen und kostet 39,90. Weltweit läuft die Netflix-Serie seit 5. April.
"Unser Planet", der Bildband zur Dokumentation, ist bei Dumont erschienen und kostet 39,90. Weltweit läuft die Netflix-Serie seit 5. April.
© Dumont

Er war ja irgendwie immer da. Attenborough führte in den 60er Jahren das Farbfernsehen in der BBC ein, sie waren damit die ersten in Europa. Weltberühmt allerdings wurde er für seine Natur- und Tierfilme. Sein Markenzeichen ist jene sanfte und zugleich sonore Stimme, mit der er der Welt die Welt erklärt. Aber eben auch die akute Gefahr für den vom Klimawandel bedrohten Planeten.

Stimme der achtteiligen Netflix-Produktion

Nun, im hohen Alter, wird Attenborough seinem jahrzehntelangen Arbeitgeber erstmals untreu: Er leiht seine Stimme der achtteiligen Netflix-Produktion "Our Planet", die am 5. April weltweit anläuft und über Nacht ein Publikum von bis zu 150 Millionen Zuschauern erreichen kann. 600 Menschen waren an der Produktion beteiligt, sie filmten an 3500 Drehtagen in 50 Ländern – und mit einer zuweilen sagenhaften Geduld. Das Resultat ist, man kann es nicht anders sagen: großartig. In enger Kooperation mit dem "World Wildlife Fund" gelangen den Filmemachern Aufnahmen, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Etwa die von einer Blauwal-Mutter mit ihrem Baby. Oder die eines extrem seltenen sibirischen Tigers, für die zwei Kameraleute in zwei aufeinanderfolgenden Wintern monatelang in winzigen Holzverschlägen lebten. Oder die von Walrossen, die sich – weil ihr Lebensraum buchstäblich unter ihnen wegschmolz – in der russischen Arktis auf Klippen schleppen und zu Tode stürzen.

Pappsatt. Drei Löwen beim Verdauungsschläfchen in Kenias Steppe, nachdem sie ein Gnu verspeist haben.
Pappsatt. Drei Löwen beim Verdauungsschläfchen in Kenias Steppe, nachdem sie ein Gnu verspeist haben.
© Federico Veronesi

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Die Botschaft von "Our Planet" ist klar. "Was wir in den kommenden 20 Jahren mit dem Planeten anstellen, ist nicht nur für die Tierwelt entscheidend, sondern für die ganze Menschheit." Diesen Satz sagt Attenborough am Ende der ersten Folge.

An einem sonnig-kalten Vormittag empfängt der beliebteste aller Briten in seiner Heimatstadt London. Er sagt: "Nehmen Sie bitte Platz." Sodann beginnt ein Gespräch über den Planeten, den Klimawandel, bedrohte Spezies, die etwas seltsame Spezies der Tierfilmer, den Tanz des "Red Capped Manakin", die magische Kraft der Bilder und, ja auch: über die Hoffnung, dass der Mensch die Kurve kriegt.

Sir David, "Our Planet" kommt zur richtigen Zeit. Insekten könnten in einem Jahrhundert ausgestorben sein, die Polkappen schmelzen, die Regenwälder schrumpfen. Sie selbst haben neulich auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos den Politikern zugerufen, dass Führer verdammt noch mal führen müssen. Werden Sie gehört?

Die Politiker in demokratischen Gesellschaften hören schon zu, sieht man vielleicht von einer großen Demokratie jenseits des Atlantiks ab. Auch in Davos hatte ich den Eindruck, dass sie inzwischen verstehen. Und das ist der einzige Weg, der uns bleibt. Es ist gut und schön, wenn Sie als Kunde entscheiden, dass Sie keine Plastiktüten mehr benutzen. Aber das reicht eben längst nicht mehr. Am Ende sollten und müssten es internationale Gesetze sein, die das regeln. Daran führt kein Weg vorbei.

Ihr Ton in "Our Planet" wirkt düsterer als üblich ...

Ich würde nicht unbedingt düsterer sagen. Offener vielleicht und unmissverständlicher trifft es eher, glaube ich. Die Zeit drängt schließlich, die Uhr tickt. Ich mache das ja schon ein halbes Jahrhundert lang, meistens für die BBC. Als wir anfingen, ahnten wir nicht einmal, dass dieses Problem überhaupt existiert. Gut, es gab immer ein paar Naturforscher, die warnten. Aber da ging es nicht um den Ruin des Planeten, sondern um, sagen wir, bedrohte Schmetterlinge oder so was. Jedenfalls erschien das für kaum jemanden von wirklich großer Bedeutung.

Blickfang. Eine männliche Saiga-Antilope in Kasachstan. Einst fast ausgerottet, wächst der Bestand der Tiere wieder.
Blickfang. Eine männliche Saiga-Antilope in Kasachstan. Einst fast ausgerottet, wächst der Bestand der Tiere wieder.
© hfr

Nun warnen Sie, wie beim UN-Klimagipfel in Kattowitz, vor dem Kollaps der Zivilisation.

Ja. Wir sind heute dafür verantwortlich, dass wir den Planeten zerstören, wenn wir nicht ganz zügig den Kurs ändern. Wissen Sie, wenn ich vor 30 oder 40 Jahren etwas Kritisches über den Zustand der Erde sagte, erklärten sie mir bei der BBC: "Das geht nicht, das ist ein politisches Statement." Seit 20 Jahren ist das anders.

Weil Beweise für die Folgen des Klimawandels derart erdrückend sind?

Natürlich. Wir können gar nicht anders, als sie als Wahrheit zu akzeptieren. Weiß ist weiß, schwarz ist schwarz, und zwei plus zwei ist vier. Dass der Mensch dabei ist, sein eigenes Habitat zu vernichten, gehört in diese Reihe. Das ist eine Tatsache, und an der kommt niemand mehr vorbei.

Wo bemerkten Sie zum ersten Mal, dass unser Planet ernsthaft erkrankt ist?

Der stärkste Beweis dafür waren die bleichenden Korallenriffe. Ich war mit einem Meeresbiologen unterwegs, und der sagte mir: "Die Temperaturen steigen, dadurch steigt der Säuregehalt des Wassers. Die Korallen können das nicht aushalten." Ich bin zwar kein Meeresforscher, wusste aber genug über die Biologie der Riffe, um zu kapieren, dass dies etwa die Hälfte der Fisch-Spezies auf der ganzen Welt betrifft, weil sie eine Art Kindergarten und Aufzuchtstation der Ozeane sind. Ich hatte zuvor schon die Rodung der Regenwälder gesehen. Aber die sterbenden Riffe und die Erkenntnis, dass ich und alle anderen Menschen diesen Schaden angerichtet haben, waren furchtbar. Das geschah rasend schnell im Laufe von wenigen Jahren.

Alles begann mit der industriellen Revolution in England.

Das stimmt. Der Mensch nimmt leider nicht immer Notiz vom Offensichtlichen. Die Auswirkungen der industriellen Revolution waren bereits seinerzeit sichtbar. Aber sie stoppten uns nicht. Es stoppte nicht die Leute an der Macht. Die Mächtigen füllten sich im Gegenteil ihre Taschen und begaben sich auf ihre Landsitze, wenn die Luft in den Städten schwarz und stickig wurde und sich die Armen um sie herum buchstäblich zu Tode husteten. Das geht heute glücklicherweise nicht mehr so.

Revierkämpfer. Im brasilianischen Dschungel tötet ein Jaguarweibchen einen riesigen Kaiman.
Revierkämpfer. Im brasilianischen Dschungel tötet ein Jaguarweibchen einen riesigen Kaiman.
© Chris Brunskill/Getty Images

In Ihren früheren Filmen lag der Schwerpunkt meist auf der Schönheit der Bilder. Diesmal sind die Aufnahmen zwar immer noch schön und ergreifend, aber eben auch schockierend. Etwa die Walrosse in der russischen Arktis, die – gegen ihre Natur – auf Klippen klettern und zu Tode stürzen. Waren Sie erstaunt, als Sie das Material sichteten?

Oh ja und immer wieder. Mit die für mich ergreifendsten Momente sind die Bilder vom Store-Gletscher in Grönland, von dem ein gewaltiges Stück Eis abbricht. Und was für ein gewaltiges Stück. Es hat die Größe des Empire State Building. Aufgenommen aus einem Helikopter. Der Pilot muss ungeheuer gut und mutig gewesen sein. Da flogen Brocken von der Größe eines Autos um ihn herum, und das verursachte natürlich gefährliche Turbulenzen.

Und jenseits davon?

Ach, so vieles. Aber ich liebe ganz besonders den Tanz des "Red Capped Manakin", der damit um die Weibchen wirbt. Das ist so unglaublich gekonnt und komisch und schön. Es gibt mehr als 30 verschiedene Arten dieser Manakins. Ich hatte bislang drei gesehen, diesen aber noch nicht. Herrlich!

Wir waren verblüfft über die ungeheure Geduld der Teams vor Ort, die monatelang unter kargen Bedingungen leben für ein paar Sekunden Bilder. Was für ein Typ Mensch muss man dafür sein?

Das frage ich mich ehrlich gesagt auch. Ich könnte das nicht. Ich habe ja viele Freunde, die das machen. Die sitzen drei Monate lang in einer Hütte. Drei Monate, völlig reduziert auf dich selbst. Da bist nur du. Und die Temperatur. Die Sonne. Oder die Kälte. Vor diesen Leuten habe ich den allergrößten Respekt, denn nur so kommen diese famosen Aufnahmen zustande. Wenn ich früher zwei Stunden auf der Lauer lag, wurde mir schon langweilig, und ich hatte keine Lust mehr.

Mit der heutigen Technik kann man auch aus größerer Distanz filmen. Sie mussten noch so nah wie irgend möglich ran. War es früher gefährlicher?

Es war nicht gefährlicher. Es war amateurhafter. Die Filme waren furchtbar. Ich bitte Sie aufrichtig, dass Sie sich das bloß nicht mehr anschauen. Die Bilder von damals sind vergleichsweise Müll. Natürlich ermöglichen die neuen Kameras und Drohnen Perspektiven, die noch vor Jahren für unvorstellbar gehalten wurden.

Lehrstunde. Ein Grönlandwalweibchen begleitet sein Kalb vor der Nordküste Alaskas.
Lehrstunde. Ein Grönlandwalweibchen begleitet sein Kalb vor der Nordküste Alaskas.
© hfr

Es gibt aber auch Hoffnung, wie Sie zeigen. Die wilden Pferde in der Mongolei sind zurück, die Buckelwale auch. Sind das Anzeichen für einen Wandel zum Guten?

Das wäre zu viel gesagt. Es zeigt aber: Wir können Dinge erreichen und verändern. Wir haben Wale gerettet, allerdings erst, nachdem wir sie zuvor beinahe ausgerottet hatten. Nun sind sie wieder auf einem Level wie fast vor hundert Jahren.

Liegt das auch daran, dass sich die Menschen, vor allem die junge Generation, immer stärker interessieren und einmischen?

Es ist ein erstaunliches Paradoxon, dass mehr als 50 Prozent der Menschen in Städten leben, also qua ihrer Lebensumstände nicht mehr viel mit der Natur zu tun haben. Und dennoch ist das Verständnis für die Natur in ihren wissenschaftlichen Details für immer mehr Leute zugänglich. Dokumentationen wie diese schärfen das Bewusstsein. Mein Vater hat in seinem Leben nie einen Pandabären gesehen. Heute weiß jeder, wie die aussehen. Und ja, die Menschen sind in der Tat interessierter und wissen eine Menge. Neulich fragte mich ein Taxifahrer hier in London nach den Sexualorganen von Bienen. Das ist doch wunderbar.

Ihre Stimme hat in dieser Richtung viel bewirkt. Nach der Ausstrahlung von "Der Blaue Planet II" entbrannte hier im vergangenen Jahr eine große Debatte über die Plastikverschmutzung der Meere. Mit der Konsequenz, dass in Großbritannien tatsächlich die Gesetze verschärft wurden. Und der gute alte Milchmann mit seinen Glasflaschen eine Renaissance erlebt.

Ich bin darüber selbst verblüfft. Im besten Sinne. Vielleicht liegt es daran, wenn ich das etwas relativieren dürfte, dass es kaum jemanden in Großbritannien unter 75 Jahren gibt, für den ich in seiner Lebenszeit nicht in irgendeiner Form präsent war. Ich mache das seit fast einem halben Jahrhundert und bin in dieser Zeit gewissermaßen ein Teil des britischen Mobiliars geworden. Das hilft natürlich.

Sir David Attenborough, 92. Sein Markenzeichen: die sanfte und sonore Stimme.
Sir David Attenborough, 92. Sein Markenzeichen: die sanfte und sonore Stimme.
© John Stillwell/DPA

Ist ein Geheimnis Ihres Erfolgs, dass Sie sich aus dem politischen Diskurs weitgehend herausgehalten und nie – im Wortsinn – Partei ergriffen haben?

Manchmal muss man sich einmischen. Richtig ist aber auch: Meine politischen Ansichten müssen niemanden interessieren. Meine biologischen sind wichtiger.

Sie haben Szenen und Bilder geschaffen, die fast jeder auf der Welt kennt. Haben Sie einen persönlichen Favoriten?

Hm. Wahrscheinlich die Berggorillas in Ruanda, die mit mir spielten.

Einer legte ihnen die Pranke auf die Schulter, andere tasteten Sie regelrecht ab ...

So war es. Das ist bestimmt 40 Jahre her. Aber für mich fühlt es sich an, als sei es gestern gewesen.

Sie haben die gesamte Welt gesehen. Gibt es überhaupt einen Flecken auf der Erde, den Sie nicht kennen?

Ja, ich war nie in Zentralasien und nur einmal am Rand der Wüste Gobi. Da gibt es einfach nicht so viele Tiere, das ist das Problem. Dennoch würde ich dort gern noch mal hin. Ich liebe nämlich Fossilien, und die haben sie dort in Hülle und Fülle. Ganz herrliche Fossilien.

Vielleicht wäre das was für eine Fortsetzung von "Our Planet" ...

Ich weiß nicht. Die nächste Serie mache ich wieder für die BBC. Und vergessen Sie bitte nicht: Ich werde in diesem Jahr 93, ich werde also nicht ewig weitermachen und zwei vernünftige Sätze hintereinander bringen können. Aber sagen wir so: Ich tue, was ich kann.

Wir bitten darum. Sie erfahren dabei im Übrigen Unterstützung. In einem Café in Camden steht ein Glas mit dem Spruch: "Jedes Trinkgeld verlängert das Leben von David Attenborough um ein Jahr." Das Glas ist randvoll. So gesehen, geht noch eine Menge.

Wirklich? Ach, das wusste ich nicht. Das ist erfreulich. Und vor allem recht amüsant.

Netflix Dokumentation "Our Planet" zeigt die ganze Schönheit unseres Planeten
© stern.de
01:56 Min.
Trailer "Our Planet": Atemberaubendes Zeugnis der Schönheit unseres Planeten
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