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Peer Steinbrück im ZDF-Porträt: Der verunsicherte Kandidat

Die Wortgewalt des SPD-Kanzlerkandidaten könnte schärfstes Schwert im Wahlkampf sein. Bislang ist sie sein größter Fallstrick. Ein sehenswertes ZDF-Porträt zeigt einen verunsicherten Peer Steinbrück.

Von Katharina Grimm

Ironie ist wohl die Königsübung des Humors. Fein und bissig zugleich, überhöhend und dabei so entlarvend ehrlich. Peer Steinbrück liebt sie. Eine spitze Zunge, einen britischen Humor habe er, attestiert ihm Wolfgang Kubicki. Steinbrücks jüngerer Bruder Birger nennt es "salzigen Küstenhumor". Ausgerechnet diese Eigenschaft hat dem SPD-Kanzlerkandidaten in den vergangenen Monaten das Leben schwer gemacht, denn "Humor und Ironie können gefährlich werden, wenn man Kanzler werden will", urteilen die ZDF-Filmemacher, die Steinbrück porträtiert haben.

Das Image des Kanzleranwärters ist angekratzt. Steinbrück gilt oft als spröde und unnahbar. Dazu kamen eine Reihe verbaler Fehltritte. Die Filmemacher Claus Richter und Thomas Fuhrmann zeichnen in dem "ZDFzeit"-Porträt "Kante Klartext Kandidat", das am Dienstagabend im ZDF lief, Steinbrücks politisches Wirken und privates Leben nach. Darin wird deutlich: Die SPD-Kanzlerkandidatur ist mehr Bürde als Ehre – und die vergangenen Monate sind nicht spurlos an Steinbrück vorbeigegangen.

Verbal verblasst

Wer Kanzler werden will, lebt mit zu provozierenden Aussprüchen – auch wenn sie humorvoll gemeint sind – gefährlich. Ob es nun ehemalige Hedgefonds-Manager in seinem Dunstkreis waren, die Flasche Pinot Grigio für weniger als fünf Euro oder das zu schmale Kanzlergehalt – in unbedarfter Manier und erschreckender Regelmäßigkeit stolperte Steinbrück in die verbalen Tretmienen auf der politischen Bühne. "Ich habe das unterschätzt", räumt Steinbrück ein. Dass jedes seiner Worte auf der Goldwaage landen würde, das habe er nicht kommen sehen.

Der Film zeigt einen verunsicherten Steinbrück. Der auf der DGB-Kundgebung zum ersten Mai nicht poltert und pöbelt, sondern artig und regelkonform daherkommt. "Er wollte nicht wieder irgendwo in was hineinlaufen", sagt ein Parteifreund Steinbrücks. "Die Erfahrung, dass Ironie nicht ankommt, die prägt mich", sagt Steinbrück. Er dürfe sich keinen Lapsus mehr erlauben, konstatiert auch der Ex-Bundesminister Volker Hauff. Die Schnodderigkeit, mit der er über die Lebenswirklichkeit der Menschen hinweggehe, müsse aufhören.

Also heißt es jetzt abwägen, ob der Spruch missverstanden werden kann. Zaudern, ob eine Aussage nicht in die falsche Richtung geht. Der brillante Redner, vom dem Wolfgang Kubicki in dem Film spricht, ist verbal verblasst. Und damit seiner schärfsten Waffe beraubt. Denn er kann reden. Anders als seine Kontrahentin Angela Merkel kann er verbal die Keule schwingen, er besitzt Wortwitz und Sprachcharme.

Zum Kandidaten verdammt

Den Humor soll er von seiner Mutter geerbt haben. Aufgewachsen ist Steinbrück in einem meinungsoffenen Elternhaus – in dem Film werden erstmals Kinder- und Jugendfotos von Steinbrück gezeigt. Und er verbrachte wie viele Buben seiner Generation jede freie Minute mit Fußballspielen, kickte auf der Straße zwischen zerstörten Häusern in Hamburg. Fußball mag er immer noch. Sein Herz schlägt für Dortmund. Im Stadion ist er anders als die Kanzlerin, die Fußball-Großereignisse mit hochgerissen Armen im zugeknöpften Business-Blazer übersteht. Nein, Steinbrück legt sich den schwarz-gelben BVB-Schal um den Hals, jubelt, klatscht sich mit Fans beim Public-Viewing ab.

Neben den Wahlkampfterminen zeichnet das Filmteam auch die politische Karriere, den Weg Steinbrücks in die Politik nach. Seine Verehrung für den Altkanzler Helmut Schmidt – der ihn letztlich auf den Posten des Kanzlerkandidaten katapultiert. Das war Ende 2011, damals ermittelte das ZDF-Politbarometer Steinbrück zum beliebtesten Politiker. Erst auf Platz drei folgt die Kanzlerin.

Steinbrück und die Nashörner

Steinbrück wird Kanzlerkandidat, allerdings per "Sturzgeburt": Gabriel erklärt, dass er nicht Kandidat werde. Auch Steinmeier winkt ab, seine Frau habe ihm davon abgeraten. Wer bleibt da noch? Wie eine Verlegenheitslösung wirkt die Kandidatur von Steinbrück. Der kleinste gemeinsame Nenner, so scheint es. "Es ist der beste Kandidat, den die SPD zur Verfügung hatte, mit der schlechtesten Kampagne, die ich je gesehen habe", sagt der Chefredakteur der Zeitschrift "Cicero", Christoph Schwennicke.

Im dem Film kommen politische Wegbegleiter, wie Altkanzler Gerhard Schröder zu Wort, aber auch Steinbrücks Bruder und seine Frau Gertrud. Das Porträt ist gelungen, es zeichnet ein deutliches Bild des Kandidaten – ohne dass der Zuschauer wirklich Neues erfährt. Beispielsweise, dass Steinbrück Nashörner mag. In seinem Büro steht eine schwere Bronzestatur des Tieres. Sie würden nur langsam loslaufen, um dann wie eine Maschine immer schneller in Gang zu kommen, sagt er. "Und nachher können sie auf kurzer Distanz 40 oder 50 Stundenkilometer laufen. Dann sind sie nicht mehr aufzuhalten", sagt Steinbrück. Ähnlich wie der Kanzlerkandidat? Er sieht vor allem den Panzer, den er sich in den vergangen Monaten zulegen musste, als Sinnbild für sich selbst. Nun muss er zeigen, dass auch er auf kurzer Strecke noch uneinholbar loslegen kann – ganz wie seine geliebten Dickhäuter.

Das ZDF zeigt das Porträt heute Abend um 20:15 Uhr