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Premiere als Moderator bei "Schlag den Raab": Gätjen geht gar nicht

Steven Gätjen musste bei seiner Premiere als Moderator gleich einen über fünfstündigen Marathon bewältigen. Er versuchte dabei vor allem eins: alles richtig zu machen. Das ging teilweise nicht nur gründlich daneben, sondern auch ganz schön auf die Nerven.

Von Mark Stöhr

Raab in Gefahr! Kurz nach Mitternacht stand Steven Gätjens Spielleiter-Debüt vor der einzig wirklichen Bewährungsprobe. Stefan Raab hatte sich bei einem Spiel an der Hand verletzt. "Wir brauchen einen Arzt!", rief Gätjen erst Richtung Kulisse und besann sich dann eines Besseren: "Ah, da ist ja einer." Direkt vor seiner Nase, Tobias, Raabs Herausforderer und von Beruf Stabsarzt bei der Bundeswehr. Der sah sich die Fleischwunde an ("Muss man nähen"), während Gätjen das machte, was man beim Privatfernsehen in einer solchen Situation und eigentlich ohnehin pausenlos macht: Er präsentierte die Preise für die Anrufer und verabschiedete sich in den Werbeblock. Ein echter Profi der Mann. Mehr aber auch nicht.

Es gibt bestimmt dankbarere Shows für einen Moderator als "Schlag den Raab". Hier ist nicht in erster Linie ein charismatischer Conferencier gefragt, sondern ein Concierge, der den Laden schmeißt. Und das bedeutet vor allem: Telefonnummern aufsagen, sagenhaft doofe Gewinnspielfragen für sagenhaft teure Gewinne stellen, die Spielregeln erklären und den aktuellen Punktestand durchgeben. Ein recht stupides Geschäft. Gätjen beherrschte es schon beim ersten Mal wie im Schlaf.

Aalglatt und ausreichend bieder

Dieser Rahmen war bei seinem Vorgänger und künftigen Sportschau-Moderator Matthias Opdenhövel nicht anders. Aber er war anders. Bei Opdenhövel klang ein spitzbübisches Schmunzeln durch, wenn er die Highlights der Sponsoren-Produkte runterbetete. Sein loses Mundwerk barg immer auch das Risiko, mal einen Bock zu schießen. Er hatte einen ironischen Abstand zu den Dingen, manchmal war er sogar lustig. Das machte das Heizdecken-Halali der Show und ihre schiere Endlosigkeit erträglicher. Gätjen ist weder ironisch noch lustig. Gätjen ist ein Streber.

Vielleicht treibt sich der 38-Jährige schon zu lange an roten Teppichen rum und hält den Stars das Mikro unter die Nase. Seine Schleimspur ist breit genug, um immer wieder kommen zu dürfen. Auch bei großen Sponsoren- und Branchenevents ist Gätjen ein gern gebuchter Gastgeber. Souverän und zuverlässig liefert er seine Dienstleistung ab. Man könnte auch sagen: aalglatt und ausreichend bieder.

Miese Stimmung

Bei seiner "Schlag den Raab"-Premiere hatte er sich offensichtlich vorgenommen, energisch durch den Abend zu führen. Raab ist bekannt für seine Psycho-Tricks, mit denen er sich gegenüber seinen Konkurrenten einen Vorteil zu verschaffen versucht. Im Sport sind das Spieler, die sich permanent ungerecht behandelt fühlen und wegen jeder Kleinigkeit zum Schiedsrichter rennen. Der kann entweder besänftigend auf den Stänkerer einwirken und die Situation mit einer witzigen Bemerkung entschärfen - die Opdenhövel-Variante. Oder er kann wie Gätjen das Regelwerk runterrasseln und kompromisslos auf dessen Einhaltung beharren.

Als sich Raab beim Speed-Badminton wegen einer vermeintlichen Fehlentscheidung überhaupt nicht mehr einkriegen konnte und später sogar seinen Schläger zertrümmerte, fing er sich von Gätjen eine barsche Belehrung ein. Schlechte Stimmung auch beim Fußball-Golf. Raab, ein Schusslegastheniker vor dem Herrn, platzierte die Bälle der Reihe nach im Nirgendwo. Seine Erklärung danach: Keiner habe ihm gesagt, dass man auch ohne Tee, den kleinen Abschlagsstift für den Ball also, schießen dürfe. Gätjen krähte rechthaberisch, als liefere er gleich den Videobeweis: "Doch, dreimal!"

Immerhin ein packendes Duell

Auch Tobias, der Bundeswehrarzt, ein Baum von einem Mann mit Sixpack-Brett und ungefähr sechzig Lieblingssportarten, geriet häufiger ins Visier des Blockwarts. Beim Cross-Skating, einer Art Langlauf auf Rollen, herrschte ihn Gätjen vor dem Start an: "Hinter die Linie!", dass der sichtlich zusammenzuckte. Ein bisschen weniger Larry und ein bisschen mehr Lockerheit würden dem Vielmoderierer aus Hamburg gut zu Gesicht stehen.

Dass die Show trotzdem eine recht kurzweilige Angelegenheit wurde, war einerseits dem teilweise wieder wunderbar skurrilen Aufgabenparcours zu verdanken - der russischen Sportart Gorodki etwa, so was wie Kegeln mit Stangen als Wurfgeschossen, oder einer Competition im Lippenlesen. Zum anderen lieferten sich Stefan Raab und sein Herausforderer ein wirklich packendes Duell, das sich über fünf Stunden hinzog und im zweiten Sieg des Lokalmatadors in Folge endete.

Als seine Niederlage besiegelt war, versank Tobias wie ein ausgeknockter Boxer im Sessel. Er wollte gar nicht mehr aufstehen, so kaputt und enttäuscht war er. Raab tätschelte ihm mehrmals anerkennend die Schulter, doch es half nichts. Fast fürchtete man, noch eine falsche Berührung und Tobias würde Raab einfach in die Hand beißen. Das wäre ein spektakulärer Schlusspunkt gewesen. Steven Gätjen würde sagen: Voll gegen die Regeln.