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TV-Kritik

EM 2016: "Beckmanns Sportschule": Anarchie in der ARD

Die Geschichte seltsamer Fernsehformate zu großen Fußballturnieren ist lang und verstörend. Mit "Beckmanns Sportschule" wird ihr bei der EM 2016 ein besonders bizarres Kapitel hinzugefügt. Warum Sie es sich dennoch heute Abend mal anschauen sollten.

Reinhold Beckmann

Fußball-Veteran Reinhold Beckmann hat in der ARD ein Fußballformat geschaffen, das man kaum glauben kann

Fünf Minuten reichen völlig. Versprochen, mehr als fünf Minuten braucht es nicht, damit "Beckmanns Sportschule" Sie völlig verstört zurücklässt. Vergessen Sie Schweinsteigers Jokertor oder Boatengs Rettungsaktion: Der größte Was-zum-Himmel-Moment der bisherigen Europameisterschaft ist eindeutig die ARD-Show von Fernsehfußball-Veteran Reinhold Beckmann, die zur Geisterstunde den Spieltag abrundet.

Das hört sich zunächst nicht so wahnsinnig überraschend an, denn die Geschichte seltsamer, öffentlich-rechtlicher Fernsehformate zu großen Fußballturnieren ist lang und verstörend - man erinnere sich nur mit Schaudern an "Waldis WM-Club" oder den ZDF-Strand von Usedom. Beckmanns Retro-Show wirkt allerdings so krass aus der Zeit gefallen, dass sie nicht vergleichbar ist mit irgendwelchen Vorgängern: Beckmann hat sich vor Vintage-Kulisse in der Sportschule Malente eingenistet, dem ehemals ewigen WM- und EM-Vorbereitungsort der Nationalmannschaft. Aus dem Fernseher riecht es förmlich nach Holz, Leder und altem Schweiß.

Überhaupt alles an der Show mieft irgendwie vorgestrig: der ausrangierte Torwartschrank und designierte Wrestler Tim Wiese, der "etwas andere Profi" Nico Patschinski, der heute als Bestatter arbeitet; dazu Horst Hrubesch oder Uwe Seeler, die als Relikte aus dem vorigen Jahrhundert immer mal wieder unmotiviert aus den Kulissen auftauchen, nur um kurz darauf gleich wieder zu verschwinden, sodass man sich jedes Mal fragt, was man sich eigentlich die ganze Sendung über ständig fragt, nämlich: Warum? Zwischendurch werden völlig wirre Clips eingespielt, ein auch nur irgendwie geartetes Konzept ist erst recht zu keinem Zeitpunkt zu erkennen - kurz: "Beckmanns Sportschule" ist ein faszinierendes Desaster, das eigentlich nicht wahr sein darf.

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Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wie Sie nach besagten fünf Minuten (die reichen wirklich aus) auf "Beckmanns Sportschule" reagieren werden: sie könnten einen Lachanfall erleiden, der nicht mehr aufhört; ihr Mund könnte vor Ungläubigkeit offen stehen und sich einfach nicht mehr schließen lassen; sie könnten sich plötzlich für besoffen halten, ohne auch nur einen Tropfen getrunken zu haben; sie könnten den Verdacht hegen, Beckmann fährt nach Sendeschluss schmunzelnd nach Hause und feiert anschließend die ganze Nacht, was er der ARD da für ein Ei ins Nest gelegt hat; sie könnten aber auch vor Langeweile einschlafen oder es könnte ihnen zumindest vorkommen, als ob sie (alb)träumen; oder sie könnten vor Wut das Fernsehgerät aus dem Fenster schmeißen wollen.

"Beckmanns Sportschule": wie ein seltsamer Trip

Unweigerlich werden Sie sich ausmalen, wie diese Show passieren konnte. Sie werden sich sagen: Was auch immer Beckmann und seine Redakteure geraucht haben - das will ich auch!

Wir könnten hier jetzt auf Einzelheiten eingehen, auf die "Highlights" der bisherigen Shows: wie verkrampft der tragische "Torsteher" Tim Wiese versucht, Selbstironie darzustellen; wie "EM-Bestatter" Nico Patschinski am ostholsteinischen Strand, warum auch immer, das Uli-Stielike-Gedächtnisjackett und die Ballonseide der 90er Jahre beerdigt (wie alles in der Sendung macht es keinen Sinn); oder wie genervt Hans Meyer war vom gewohnt hysterischen Christoph Daum, von Hoffenheims schlaumeierndem Nachwuchstrainertalent Domenico Tedesco, von der gesamten Show.

Klingt alles irgendwie psychedelisch, wie ein seltsamer Trip? Nun, in echt ist das alles noch viel krasser.

Aber das müssen Sie selber sehen, mit eigenen Augen, mindestens fünf Minuten, die reichen aus, aber vielleicht können Sie - wie wir - dann auch einfach bis zum Ende nicht mehr weggucken. Dieser Text ist deshalb einerseits eine Empfehlung nach dem Motto: "Schauen Sie sich mal an, zu welch hemmungsloser Anarchie die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten anno 2016 noch in der Lage ist, welchen Wahnsinn sie sich tatsächlich trauen, obwohl doch sonst jeder 'Tatort'-Dialog von einem 80-köpfigen Gremium abgenommen werden muss!"

Andererseits müssen diese Zeilen auch eine Warnung beinhalten: Wenn Sie die kompletten 45 Sendeminuten durchhalten sollten, könnte es sein, dass sie anschließend zu keinem klaren Gedanken mehr fähig sind. Und dann könnte es passieren, dass sie plötzlich daherreden wie Christoph Daum, Gast der zweiten Sendung, der auf Beckmanns simple Frage, ob er denn schon mal in Malente gewesen sei, den "Geist von Malente" schon mal "erschnüffelt" (Beckmann) habe, wörtlich antwortete: "Also, ich hab natürlich den Geist aus der Entfernung mitbekommen, denn, äh, ist ja wie so'n Mythos, das eigentlich permanent existiert, permanent beschworen wird, nicht nur von Nationalmannschaften, sondern auch von Vereinsmannschaften oder anderen Mannschaften, die sich hier in der Sportschule vorbereiten, ich selber hab's nur bis Timmendorf geschafft in der Vorbereitung, weiter bin ich nicht gekommen, weiß aber, ich sag mal so, die Besonderheiten einer Sportschule zu schätzen, denn das heißt wieder: back to the roots."

Na, neugierig geworden? Dann schauen Sie doch mal rein in "Beckmanns Sportschule". Aber sagen Sie hinterher nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.

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