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TV-Kritik

DFB-Auftakt in der ARD: Dösen für Deutschland

Warum nicht einfach mal nichts sagen? ARD-Kommentator Gerd Gottlob nahm sich gestern ausgiebige Auszeiten beim Deutschland-Spiel. Besser wegdämmern konnte man danach nur noch mit Beckmann.

Von Mark Stöhr

Reinhold Beckmann und Gäste

Beschworen den Geist von Malente: Reinhold Beckmann (r.) und seine Talkgäste Horst Hrubesch (l.) und Thomas Berthold.

Wir schrieben die 83. Minute. Deutschland lag mit 1:0 vorne, die Ukrainer waren platt wie Crêpes, doch jeder Ball, der in die Nähe des deutschen Tores kam, löste immer noch Schnappatmung aus (neue Viererkette). Da wurde Kommentator Gerd Gottlob von einem plötzlichen Feierabendgefühl übermannt, das so intensiv war, dass er sich nicht nur für sich still freuen konnte, sondern damit raus in die Welt musste: "Wenn wir hier fertig sind, geht's erst richtig los!"

Was Gottlob offenbar kaum erwarten konnte, war nicht die Sause mit den Kollegen in der Innenstadt von Lille (die war eh vollgekotzt und verwüstet von deutschen Patrioten). Der 51-Jährige verwies vielmehr auf "Beckmanns Sportschule", das neue Aftershow-Format der ARD aus Malente und den größten anzunehmenden Anti-Burner, wie sich später dann herausstellte - mit Tim Wiese als "Türsteher", Uwe Seeler als "Herbergsvater" und Reinhold Beckmann als Reinhold Beckmann ("Sepp Maier fand im Kühlschrank den Himbeergeist von Malente"). Freundlicherweise lieferte die Sendung ihre Gebrauchsanweisung gleich mit. Auf die Frage, was in einem Nationalmannschaftsquartier am wichtigsten sei, antwortete Thomas Berthold: "Ein gescheites Bett."

Höchststrafe: "Sehnsucht nach Béla Réthy"

Zurück zum Spiel, das ja recht munter war. Mehmet Scholl zumindest war zufrieden. Vor dem Anpfiff hatte der ARD-Experte noch das übertriebene Taktieren der Teams moniert ("Die Spieler machen viele technische Fehler, weil sie zu sehr mit der Taktik beschäftigt sind"), danach lobte er Jogi Löws Gegenentwurf zum verkopften Mainstream: "Ich bin froh, dass die Deutschen gesagt haben: Bei diesem Taktikfestival machen wir nicht mit. Wir spielen frech und mutig nach vorne."

Gerd Gottlob setzte bei seinem Kommentar eher auf die ukrainische Kontertaktik. Überfallartige Superlative ("Weltklasse-Tat von Manuel Neuer!") wechselten sich ab mit langen Phasen des Beschreibens und Vor-sich-hin-Dösens ("Boateng schleppt sich in den Strafraum, jetzt trabt er wieder zurück"). Manchmal blieb das Mikrofon auch ganz still, man vermutete schon eine technische Panne, bis sich Gottlob wieder zu irgendwas aufraffte ("Der Rasen ist ein bisschen schwierig, der liegt erst seit zwei Wochen").


In den sozialen Netzwerken hagelte es Kritik ob der teilweise doch arg luftigen Berichterstattung des Sportreporters. Bei Twitter schrieb einer: "Sehnsucht nach Béla Réthy", die Höchststrafe. Und in der Tat: Während Réthy den Stammbaum jedes Balljungen bis zu den Hugenottenkriegen runtergebet hätte, streute Gottlob in seine schöpferischen Pausen nicht übermäßig ballaststoffreiche Reflexionen wie: "Es ist eine trügerische Ruhe, es steht nur 1:0." Immerhin konnte man dadurch ausgiebig die Bandenwerbung studieren. Vielleicht doch mal den Stromanbieter wechseln ("Energy of Azerbaijan")?

Delling sieht jetzt aus wie Netzer

Gerhard Delling und Günter Netzer

Frisurentechnische Annäherung; Gerhard Delling und Günter Netzer

Für das Volumen (auch Haarvolumen) sind bei der ARD andere zuständig. Gerd Delling zum Beispiel. Der frühere Sidekick von Günter Netzer sieht jetzt aus wie sein Idol. Als Mario Gomez in einem Einspieler erzählte, dass er vor einem Spiel immer das linke Pissoir benutze, verwertete Delling die Vorlage in unwiderstehlicher Weise: "Hauptsache, er hat einen schönen Strahl mit dem Fuß." Beim Warmmachen der DFB-Elf analysierte er wie zu besten Delling-Netzer-Zeiten: "Özil trifft hier nach Belieben, er scheint in toller Form zu sein."

Als schon niemand mehr damit rechnete, packten die Öffentlich-Rechtlichen ganz zum Schluss noch echte Brainpower aus: Stefan Reinartz. Quasi mitten in die Bierdusche hinein stellte der Ex-Nationalspieler, Frühpensionist (mit 27 Jahren) und seiner Mimik nach begabter Augenbrauen-Artist ein neuartiges Analyse-Tool namens "Packing" vor. Damit lassen sich außergewöhnliche Passgeber statistisch ermitteln. Toni Kroos etwa hatte im gestrigen Spiel einen Wert von 112 "überspielten Gegnern", das normale Bundesliganiveau liegt bei 28 pro Spiel. "Das ist eine sensationelle Quote", sagte Reinartz. Der Satz hätte auch von Gerd Gottlob stammen können.