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RTL-Dokusoap: "Erwachsen auf Probe" schreckt Werbekunden ab

Erst waren es nur die Zuschauer, jetzt brechen auch noch die Werbekunden weg. Weil sie nicht mit der umstrittenen RTL-Serie "Erwachsen auf Probe" in Verbindung gebracht werden möchten, zogen mehrere große Werbekunden ihre Spots zurück. Für den Sender wird die Dokusoap zum Image-Debakel.

Von Katharina Miklis

Immer mehr Großunternehmen distanzieren sich von der Erziehungssoap "Erwachsen auf Probe". Wie eine Sprecherin des Werbezeitenvermarkters IP Deutschland auf Nachfrage bestätigte, haben sich einige Werbekunden in den vergangenen Tagen dazu entschlossen, ihre Spots aus dem Werbeumfeld von "Erwachsen auf Probe" zurückzuziehen. Zu den Namen der Kunden wollte sich IP nicht äußern. Nach stern.de-Informationen gehören Unternehmen wie Obi, Storck und Ikea dazu.

Bereits Wochen vor der Ausstrahlung der ersten Folge am 3. Juni hatte die RTL-Sendung, in der Teenager sich an echten Babys als Eltern ausprobieren dürfen, für Aufregung gesorgt. Mehr als 60 Verbände aus der Kinder- und Jugendhilfe forderten die Absetzung der Show, für deren Dreharbeiten Eltern RTL ihre Säuglinge und Kleinkinder zur Verfügung gestellt haben. Auch Politiker und Ärzte hatten gefordert, die Sendung zu verbieten oder darauf zu verzichten. Die Bundespsychotherapeutenkammer forderte Gesetzesänderungen. Trotz der Krawall-PR, von der viele befürchteten, sie würde dem Sender nur in die Hände spielen, interessierten sich von Beginn an nur wenige Zuschauer für das fragwürdige Baby-Experiment. Und jetzt springen RTL auch noch die Werbekunden ab.

Dies ist laut IP-Sprecherin vor allem auf die "Lobbyarbeit einer Familienorganisation" zurückzuführen. Diese soll gezielt große Werbekunden angeschrieben haben, mit dem Hinweis, sie würden in einem kriminellen Umfeld werben. Tatsächlich ruft die Bürgerinitiative "Verantwortung für die Familie e.V." auf ihrer Internetseite dazu auf, E-Mails an werbungtreibende Unternehmen zu schicken und sie zum Werbeverzicht aufzufordern.

Gegenüber stern.de erklären Unternehmen wie Obi, Storck und Ikea, warum sie nicht mehr im Umfeld von "Erwachsen auf Probe" werben wollen: Während die Baumarktkette betont, vor der ersten Ausstrahlung nichts von den Inhalten der Sendung gewusst zu haben, ist es dem Süßwarenhersteller Storck wichtig, seine Produkte "nicht im Umfeld eines solchen Formates zu präsentieren". Das schwedische Möbelhaus bestätigte zudem, man sei vor der Ausstrahlung der ersten Folge der Dokusoap von einem "pädagogisch wertvollen Ansatz" ausgegangen. Man habe von der "Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen" eine positive Einschätzung bekommen. Erst nach Sendestart habe das Unternehmen das "kritische Potenzial" erkannt und sich daraufhin aus dem Werbeumfeld umbuchen lassen, heißt es aus der Pressestelle der Schweden.

Kunden drohten mit Boykott

So lief es bei vielen Firmen. Auch die VHV Versicherungen vertraute zunächst den Programmverantwortlichen des Privatsenders. Nach der ersten Ausstrahlung habe man sich jedoch ein eigenes Bild gemacht und ist nun zu dem Entschluss gekommen, dass man "ein derartiges Programm nicht unterstützen möchte". Karstadt Quelle Versicherungen berichtet zudem von diversen Kundenbeschwerden, die beim Konzern eingegangen sind und distanziert sich ebenfalls von "einer Sendung, die so stark in der öffentlichen Kritik steht und daher auch nicht mit dem positiven Image von KarstadtQuelle Versicherungen harmoniert".

In den Briefen und Mails von aufgebrachten Verbrauchern, die stern.de zum Teil vorliegen, drohen die Kunden mit dem Boykott der Produkte, sollte man sich von dem umstrittenen Format nicht distanzieren.

Der Privatsender will trotz der Werbespot-Stornierungen an der umstrittenen TV- Reihe festhalten. "Wir haben hier unsere Verantwortung als Fernsehsender in vollem Unfang wahrgenommen und stehen nach wie vor uneingeschränkt zu dem Sendeformat", sagte eine RTL-Sprecherin am Mittwoch auf Anfrage. "Es kursieren nach wie vor falsche Informationen über das Format, wie zum Beispiel, dass wir die Babys vier Tage von ihren Eltern getrennt hätten, was definitiv nicht stimmt. Wir verwehren uns gegen den Vorwurf des Missbrauchs und der Kindesmisshandlung".

Ethisch unverantwortlich, rechtlich aber zulässig

Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) teilte am Mittwoch nach ihrer Sitzung in München mit, dass zumindest die erste von den Jugendschützern gesichtete Folge der RTL-Reihe "ethisch und pädagogisch unverantwortlich", rechtlich aber zulässig sei. "Die Entscheidung der KJM zur ersten Doppelfolge ist kein Freibrief für die weiteren Folgen der Reihe", sagte der KJM-Vorsitzende Wolf-Dieter Ring. Am 15. Juli werde die Kommission über weitere Folgen entscheiden.

Bereits in der heutigen Folge von "Erwachsen auf Probe" werden die Spots von Ikea oder Storck nicht zu sehen sein. Die Werbeunterbrechungen will man laut RTL mit eigenen Trailern auffüllen. Ein finanzieller Schaden entsteht dem Sender laut IP-Sprecherin nicht, da keine Werbeblöcke storniert, sondern nur umgebucht wurden. Der Imageschaden für RTL dürfte allerdings weitaus größer sein.

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